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Oberndorf: Die Villa rustica

Oberndorf

Die Villa rustica

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    Bei den Grabungen am früheren Brunnen werden die zum Bau verwendeten Hölzer geborgen.
    Bei den Grabungen am früheren Brunnen werden die zum Bau verwendeten Hölzer geborgen.

    Von Barbara Würmseher und Manfred Arloth

    Die Fundstelle der Villa rustica von Oberndorf in der Gemarkung Holzmühle verdankt ihr Entdeckung – wie viele andere archäologische Fundstellen in Bayern – der Luftbildprospektion. Das ist eine Methode, um archäologische Fundstellen aufzuspüren, die oberirdisch nicht mehr sichtbar sind. In vielen Fällen sind solche Stätten nur noch unterirdisch erhalten und werden nur per Zufall oder bei Bauarbeiten aufgespürt. Als die Gemeinde Oberndorf im Jahre 1986 ihr Bebauungs- beziehungsweise Gewerbegebiet am nordöstlichen Rand auswies, wurden solche Aufnahmen gemacht. Und die Bagger stießen schließlich auf einer Fläche von 2,4 Hektar auf Reste einer römischen Ansiedlung.

    „Rettungsgrabungen“ erfolgten, um diese wertvollen Überreste der antiken Stätte zu sichern. Sie wurden jetzt in einem 270 Seiten umfassenden Buch festgehalten, bereichert durch 69 Tafeln und 116 Abbildungen – all dies dokumentiert vom Gebietsreferenten des österreichischen Bundesdenkmalamts, Dr. Andreas Picker.

    „Das Buch ist wissenschaftlich geschrieben, aber lesbar“, erklärte Landeskonservator Professor Dr. Sebastian Sommer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz jetzt bei der Präsentation den Gästen in Oberndorf. „Es ist viel Wissenschaft für wenig Geld.“ Bürgermeister Hubert Eberle sprach vom „Glück, dass wir den römischen Gutshof entdeckt und ausgegraben haben. Jetzt können wir uns konkret vorstellen, wie die Menschen rund 200 Jahre nach Christi Geburt gelebt haben.“ Landrat Stefan Rößle merkte an, dass es nicht leicht sei, Bodendenkmäler zu erhalten. „Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten, weil sich ja die Bauvorhaben verzögern.“

    Der Bauernhof, den die Fachleute als „Villa rustica“ bezeichnen, wurde bereits 1978 entdeckt. Grabungen durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) erfolgten 1988 und 1989. Bei der Auswertung gewannen die Wissenschaftler eine Fülle von Erkenntnissen, etwa über die frühe Holzbauperiode mit ihren Pfostenbauten über die spätere Steinbauperiode mit dem Ausbau des Hauptgebäudes und dem Badgebäude bis hin zur Nutzung land- und forstwirtschatlicher Ressourcen und vielem mehr. Wir sprachen mit dem Archäologen und Autor Dr. Andreas Picker, der die Grabungen wissenschaftlich ausgewertet hat.

    Herr Dr. Picker, römische Gehöfte sind in großer Zahl in der ehemaligen römischen Provinz Raetien bekannt, zu der ja unter anderem auch der Donau-Raum gehörte. Warum bezeichnen die Wissenschaftler die Oberndorfer Villa rustica dennoch als Glücksfall?

    Picker: Die wenigsten Gehöfte sind bisher als komplette Anlage samt Nebengebäuden ausgegraben und untersucht worden. In Oberndorf konnten wir ein umfassendes Bild des Landlebens im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christi Geburt gewinnen. Außerdem hat sich gezeigt, dass die Villa in einer ersten Phase komplett aus Holz errichtet war.

    Was genau war die Villa rustica?

    Picker: Das war ein moderner Gutshof, ein Aussiedlerhof mit etlichen Nebengebäuden, der aber – man darf sich da von dem Begriff Villa nicht irritieren lassen – sicher nicht pompös war. Dort lebten Römer, beziehungsweise später romanisierte Einheimische, also Kelten, die die römische Lebensweise und Sprache übernommen haben.

    In welcher Zeit stand dieser römische Gutshof genau?

    Picker: Die Entstehungszeit um das Jahr 70 nach Christus ist möglich. Die erste Siedlungseinheit war wohl im sogenannten Vier-Kaiserjahr, 69, als nach Neros Tod Galba, Otho, Vitellius und Vespasian Anspruch auf die Kaiserwürde im Römischen Reich erhoben. Der spätere Steinhausbau hat dann wohl in den 120er- bis 130er-Jahren stattgefunden zur Zeit Kaiser Hadrians. Und das Ende der Villa rustica war dann in den 230er- bis 240er-Jahren.

    Was wurde bei den Grabungen alles entdeckt?

    Picker: In der größten „Ausbaustufe“ im zweiten Jahrhundert nach Christus gab es neben dem „Hauptwohngebäude“ ein Bad, acht landwirtschaftliche Nebengebäude, einen Brunnen, eine hölzerne Umfriedung und sogar einen Teich. Von den Gebäuden haben sich Reste von Mauerfundamenten erhalten.

    Gab es darunter etwas ausgesprochen Sensationelles?

    Picker: Im Keller der Villa befanden sich 1150 Eisenteile mit einem Gesamtgewicht von 33 Kilogramm. Das Metall war gesammelt worden, um es einzuschmelzen und damit wiederzuverwerten. Weil das Depot in Vergessenheit geriet, blieb es im Boden erhalten, bis es die Archäologen entdeckten. Im Übrigen zeigt uns die aufgefundene verbrannte Keramik, dass die Villa Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus abgebrannt ist.

    Gab es Erkenntnisse in Bezug auf die Landwirtschaft in jener Zeit?

    Picker: Wir sind überzeugt davon, dass „gemischte“ Landwirtschaft betrieben wurde, also Anbau und Lagerung von Gerste sowie etwas Emmer und Hafer. Auch Heu wurde geerntet. Ferner spielte die Haltung von Rindern und auch Pferden eine große Rolle. Die gefundenen handwerklichen Werkzeuge deuten auf die Möglichkeit der Bearbeitung von Holz hin.

    Wie verschwand die Villa rustica?

    Picker: Der Gutshof ist sicher abgebrannt, dafür haben wir Spuren gefunden. In der Endzeit der Villa rustica haben die Alemannen begonnen, über den Limes einzufallen, sodass ein Angriff auf die Villa rustica denkbar ist. Da in der Folgezeit ein Altarm des Lechs – er ist später wieder versandet – die Gegend zum Hochwassergebiet gemacht hat, könnte das der Grund dafür gewesen sein, dass die Villa rustica nicht wieder aufgebaut wurde.

    Die Funde befinden sich ja inzwischen in München in der Archäologischen Staatssammlung. Gibt es Chancen, dass sie im Oberndorfer Heimatmuseum ausgestellt werden können?

    Picker: Eine Dauerleihgabe wäre vielleicht denkbar, das muss die Gemeinde mit der Staatssammlung vereinbaren. Ich denke aber auch, dass bestimmte Investitionen im Heimatmuseum nötig sein werden, damit die Funde auch konservatorisch unbedenklich präsentiert werden können.

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