Mord an Maria von Brabant: Die Legende erzählt von rasender Eifersucht
Mord im Jahr 1256: Es ging um dynastische Interessen und um Macht
Grabsteine erzählen unendlich viele Geschichten. Wer die Inschriften studiert, kann erahnen, dass sich hinter jeder einzelne Schicksale verbergen. Mitunter gibt es mysteriöse Zusammenhänge, menschliche Tragik oder kriminelle Hintergründe. In einer Serie erinnern wir an Verstorbene, die für solche Schicksale stehen. In Folge drei geht es um Maria von Brabant, die 1256 auf Burg Mangoldstein in Werdt (Donauwörth) enthauptet wurde. Den Befehl dazu gab kraft souveräner Willkür ihr eigener Ehemann, der sich damit über geltendes Recht hinwegsetzte. Die Donauwörther Historikerin Dr. Heike Lammers-Harlander: "Es war ein eiskalt geplanter Mord."
In der Wallfahrtskirche Heilig Kreuz liegt eine Grabplatte, die für dieses juristisch nie gesühnte, Verbrechen steht. Es ist als "Gattenmord von Donauwörth" in die Geschichte eingegangen. 766 Jahre ist es her, dass die 30-jährige Herzogin Maria von Brabant durch Erlass ihres damals 26-jährigen Mannes Herzog Ludwigs des Strengen von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, starb. Das Ehepaar war damals noch keine zwei Jahre verheiratet.
Im Zuge dieses Verbrechens wurden außerdem weitere Personen gemeuchelt: die Zofen der Herzogin, Helika von Prennberg und Mechthildis von Pailstein, wohl auch ein Bote und der Burgvogt. Rasende Eifersucht ob der vermeintlichen Untreue Marias hält sich bis heute als das offizielle Motiv. Wahrscheinlich aber steckt ein verworrenes politisches Intrigengeflecht dahinter.
Vieles lässt sich nicht mehr eindeutig verifizieren, da schon bald Legendenbildung eingesetzt hat. Nicht zuletzt soll - so Heike Lammers-Harlander - Ludwig der Strenge selbst zur Verschleierung der tatsächlichen Gründe beigetragen haben. Doch gibt es auch zeitgenössische Urkunden, Akten, Totenbücher und Klosterannalen, die die Hinrichtung Marias und die Ereignisse darum herum bestätigen. Freilich bleibt auch viel Raum für Spekulationen.
Steigen wir zunächst ein in die Legende, die etwa Folgendes erzählt: Es ist der 17. Januar 1256. Herzog Ludwig der Strenge hat eilig seine Zelte in der Rheinpfalz abgebrochen, wo er auf Kriegszug war, um nach Donauwörth zurück- zukehren. Jetzt steht er vor den Toren der Burg Mangoldstein. Ein strenger Ritt liegt hinter ihm, Erschöpfung und Wut erfüllen ihn, als er auf seine Gemahlin trifft, die gerade im Innenhof Bedürftige versorgt. Maria spürt die bedrohliche Situation: "Um Gottes Willen, was ist geschehen? Die Kälte in deinen Augen lässt mir das Blut gefrieren."
So liest es sich im Trauerspiel, das Ludwig Auer 1897 zu Papier gebracht und das Wolfgang Schiffelholz überarbeitet hat. Darin gibt der Herzog seiner Frau keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Er weist den Hofmarschall alsbald an: "Geh und kündige der Herzogin den Tod durchs Schwert in einer Stunde an. In das Bußgewand soll sie gekleidet werden, dass alles Volk ihr Unrecht sieht!" Es ist die Nacht zum 18. Januar 1256, als Maria von Brabant durch den Henker stirbt.
Was war der Auslöser für diese blinder Wut, die ihn das Todesurteil an seiner junge Frau vollstrecken ließ - für das es im Übrigen auch damals einer ordentlichen Gerichtsverhandlung bedurft hätte? Die offizielle Version lautete: Ehebruch. Ludwig dem Strengen sei durch eine Intrige eine diffamierende Nachricht zugetragen worden. Demnach sei Maria dem Raugrafen Heinrich von Pailstein zugetan gewesen. Dieses Gerücht habe der Hofmarschall in die Welt gesetzt. Er habe Geld veruntreut, Maria sei ihm auf die Schliche gekommen und um die Aufdeckung seines Betrugs zu verhindern, habe er Maria mit der Lüge vom Ehebruch ans Messer geliefert. So weit die Legende.
Heike Lammers-Harlander glaubt, diese Eifersuchtsgeschichte sei nur vordergründig. Die Donauwörther Historikerin ist überzeugt, dass der skrupellose Machtmensch Ludwig diese Legendenbildung forciert habe, um die eigentlichen Gründe im Dunkeln zu halten. Es ging um genealogische Verflechtungen im Hochadel, um dynastische Interessen und um neue Familienallianzen. Es ging schlichtweg um Macht.
Heike Lammers-Harlander hat zeitgenössische Quellen gesichtet und ist von folgenden Sachverhalten überzeugt: Es handelt sich um ein Mordkomplott, das im Kontext der Reichsgeschichte zu sehen ist. In einer Niederschrift des zeitgenössischen Spruchdichters Stolle sei ausdrücklich die Rede von einem geplanten Mord. "Stolle nennt darin die Namen zweier Adeliger, die an der Planung beteiligt waren."
Bis 1254 war das deutsche Reich vom Adelsgeschlecht der Staufer dominiert, das es verstanden hat, sich gewinnbringend zu verheiraten. Friedrich II war deutscher Kaiser. Sein Sohn Konrad IV saß auf dem deutschen Königsthron und war verheiratet mit Elisabeth, einer Schwester des Bayerischen Herzogs Ludwig des Strengen, der eben mit Maria von Brabant verehelicht war. Das Königspaar Konrad IV und Elisabeth hatte einen Sohn Konradin. Als Konrad IV starb, war Konradin erst zwei Jahre alt. Seiner Mutter Elisabeth gehörten die Stadt Donauwörth und die Burg Mangoldstein als Witwensitz. Zum Vormund des zweijährigen Konradin wurde Ludwig der Strenge bestellt, der gleichzeitig aber auch Reichsverweser und Interimsvertreter des Königs war.
Ebenso aber gibt es den hochherrschaftlichen Stammbaum seiner Ehefrau Maria von Brabant: Deren Mutter war eine Kusine Kaiser Friedrichs II, zwei weitere Tanten waren königlich verheiratet. "Damit war Maria von deutlich höherem Rang, als ihr Ehemann Herzog Ludwig", sagt Heike Lammers-Harlander.
1254 gab es also als Nachkommen der Staufer den kleinen Konradin. Da es sich bei dem deutschen Königtum um kein Erb-, sondern um ein Wahlkönigtum handelte, wurde per Wahl der nächste König Wilhelm von Holland, ein Cousin Marias von Brabant. Diese Umstände nahmen Ludwig dem Strengen seine Position des Interimskönigs weg.
Inwieweit aber mag ihm seine Ehefrau Maria im Weg gestanden haben? Heike Lammers-Harlander kann nur persönliche Gründe annehmen. Eine wirkliche Erklärung finde sich in den Quellen nicht. Mysteriös ist allerdings auch das weitere Geschehen. Denn nur zehn Tage nach seiner Kusine Maria starb König Wilhelm unter rätselhaften Umständen. Wie ein Chronist seinerzeit schrieb, befand sich Wilhelm im Januar 1256 im Krieg gegen die Friesen. Sein Pferd brach auf einem zugefrorenen See ein, sodass die Friesen leichtes Spiel hatten, den König zu töten. Zumal diesem das Reichsheer eigenartigerweise nicht zur Hilfe kam. Heike Lammers-Harlander geht von einer Verschwörung aus.
Wer aber hat von Wilhelms Tod profitiert? - Ludwig der Strenge! Denn, so Lammers-Harlander, wäre Wilhelm nicht gestorben, hätte er den Vorsitz über einen Prozess innegehabt, in dem es um die Ermordung Marias gegangen wäre. Infolge dessen hätte das ganze wittelsbachische Haus zugrunde gehen können. Jetzt aber konnte er als Interimsvertreter des toten Königs und als Vormund der staufischen "Hoffnung" Konradin die Reichsgeschicke bestimmen.
Die Tötung seiner Gattin Maria lastete in der Folge als Makel auf Ludwig dem Strengen, der deshalb auch für die Königswahlen nie in Betracht gezogen wurde. Auch die Gründung des Klosters Fürstenfeldbruck, die er sich selbst offiziell als Sühne auferlegte, um nach außen den Schein des Büßers zu wahren, änderte daran nichts. Ludwig starb 1294 in seiner pfälzischen Residenz in Heidelberg.