Als Stefan K. (Name geändert) an einem Donnerstag Ende Mai morgens aufwacht, ist ihm nicht ganz wohl. Und dieses Gefühl steigert sich noch: „Es war, als würde jemand meinen Oberkörper zusammenpressen. Und beide Arme haben mir bis zu den Händen weh getan“, erzählt der 58-Jährige. Doch als sich die Beschwerden mittags wieder legen, fährt er mit dem Auto los zur Arbeit.
Auf dem Weg nach Donauwörth kommen die Schmerzen wieder und steigern sich ins Unermessliche. Das Brennen auf der Brust wird so unerträglich, dass Stefan K. sofort die Notaufnahme der Donau-Ries-Klinik ansteuert. Dort kippt er um. Herzinfarkt - lautet die Diagnose. Der 58-Jährige kommt per Rettungswagen ins Stiftungskrankenhaus nach Nördlingen und erfährt dort: Das war knapp!
Eine AOK-Studie sagt: Im Donau-Ries-Kreis steigt die Zahl der Herzinfarkte
So wie Stefan K. ergeht es nicht wenigen im Landkreis Donau-Ries. Dort sei die Zahl der Herzinfarkte gestiegen - so besagt zumindest eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Laut dieser wurden im Jahr 2024 in unserer Region 430 Herzinfarkte je 100.000 Personen ab dem 30. Lebensjahr gezählt. Das sind zehn Fälle mehr als noch im Jahr 2017. Bayernweit gehen die Zahlen dagegen laut AOK stark zurück: Im Freistaat sank die Herzinfarkt-Rate von 340 auf 290 Fälle. Soweit also die Erkenntnisse der AOK in ihrem Gesundheitsatlas.
Warum steht der Donau-Ries-Kreis deutlich schlechter da, als der Bayerndurchschnitt? Und weshalb steigen die Zahlen dort sogar?
Erklärter Herzspezialist hier in der Region ist der Kardiologe Professor Dr. Bernhard Kuch, der Ärztliche Direktor des Nördlinger Stiftungskrankenhauses. Er befasst sich mit solchen Statistiken seit Jahren und hat darüber auch publiziert. Wir sprachen mit ihm, um der Frage nachzugehen, weshalb der Landkreis Donau-Ries durch eine Häufung der Zahl an Herzinfarkten auffällt.
Die Antwort ist überraschend. Denn der Mediziner geht von ganz anderen Hochrechnungen aus als die AOK. Er hält die vorgelegten Daten der Gesundheitskasse „hinsichtlich ihrer Interpretation und Wertigkeit für umstritten“.
Im Gegenteil habe sich die Situation in den vergangenen 15 Jahren verbessert
Wie Kuch schildert, erfassen die AOK-Daten ausschließlich Menschen mit Herzinfarkt, die ein Krankenhaus erreicht haben. Andere Herzinfarktregister würden hingegen grundsätzlich alle Fälle berücksichtigen. Der Ärztliche Direktor nennt beispielsweise den Deutschen Herzbericht, der auf Daten des Statistischen Bundesamts beruht. Und dieser weise sogar deutlich niedrigere Zahlen aus als die AOK-Statistik.
Für das Jahr 2023 seien dort deutschlandweit 198 statt 430 im Krankenhaus behandelte Herzinfarkte je 100.000 Einwohner registriert. Für Bayern liegen die Werte sogar noch niedriger. Eine Auswertung nach einzelnen Landkreisen erfolge dabei allerdings nicht.
Wo die Infrastruktur besser ist, kommen auch mehr Fälle vor
Das zeige, so Bernhard Kuch, wie schwierig es sei, die tatsächliche Häufigkeit von Herzinfarkten zu bestimmen. Daten, die auf Krankenhausabrechnungen beruhen, liefern je nach Datengrundlage sehr unterschiedliche Ergebnisse. Entsprechend vorsichtig sollten auch Vergleiche zwischen Regionen bewertet werden.
„Ein grundsätzlicher Grund für hohe Zahlen an Herzinfarkt-Patienten im Krankenhaus liegt an der Infrastruktur“, schildert der Herzspezialist. „Das heißt, der Zugang zu spezialisierten Krankenhäusern spielt eine Rolle. Im Stiftungskrankenhaus haben wir ein Zentrum für akute Herz-Kreislaufnotfälle mit 24-Stunden-Versorgung. Dementsprechend werden mehr Patienten in der Region hier behandelt.“
Wissenswertes zum Thema Herzinfarkt
Wie kann man Herzinfarkt vorbeugen? Dazu muss man laut Dr. Bernhard Kuch die Risikofaktoren rechtzeitig identifizieren und entsprechend handeln. Dazu gehören vor allem: hoher Blutdruck, sehr hohe Cholesterinwerte, genetisch bedingte Veranlagung (Familiengeschichte), Rauchen und Bewegungsmangel. Diese Faktoren sollen laut Kuch „rechtzeitig behandelt und die Patienten aufgeklärt und zu einem gesunden Lebensstil motiviert werden“.
Sind mehr Männer als Frauen betroffen? „Ja, das liegt an deren meist schlechterem Gesundheitsverhalten“, bestätigt der Ärztliche Direktor. Er schränkt allerdings ein: „Frauen holen jedoch zunehmend auf, insbesondere dann in den höheren Lebensjahren, da noch bis zum 40./50. Lebensjahr ein sogenannter Östrogenschutz besteht.“
Was passiert bei einem Herzinfarkt im Körper? Dr. Kuch erklärt: „Wenn Abbauprodukte wie etwa Cholesterin-Kristalle und anderes mehr – sogenanntes Plaque-Material – in Kontakt kommt mit Blutströmen, die vorbeifließen, können sich Gerinnsel bilden, die die Gefäße zu machen.“
Wie reagiert man richtig bei einem akuten Herzinfarkt? Kuch beschreibt die Symptome als Schmerz im linken Brustbereich unter dem linken Brustkorb. „Er ist meist dumpf, manchmal von stechendem Charakter und oft als Druck dargestellt - klassischerweise auch mit Ausstrahlung in den linken Arm (wobei das häufig fehlt), manchmal auch in den Rücken oder wie beim Hinterwandinfarkt in den Kiefer.“ Treten diese Symptome nur für Sekunden auf, spreche dies nicht für einen Herzinfarkt. Üblicherweise halten Schmerz und Druck über 20 Minuten lang an. „Zu bedenken ist auch“, so Kuch, „dass viele Patienten keinen Druck oder Schmerz empfinden, sondern reine Luftnot - dies ist besonders bei Diabetikern der Fall.“ Richtig verhält man sich laut Kuch, indem man sofort die Notfallnummer 112 anruft: „Denn lieber ruft man einmal zu viel an, als einmal zu wenig!“
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