Herr Dr. Frasch, was genau ist eine Depression?
DR. KAREL FRASCH: Eine Depression ist ein psychischer Ausnahmezustand, der über mindestens zwei Wochen andauert. Symptome sind unter anderem Verlust von Lebensfreude und Interesse. Der Mensch ist niedergestimmt und es fehlt der Antrieb, den Alltag hinzubekommen. Jemand wacht morgens auf und denkt, er schafft nichts mehr und will nicht mehr weiterleben. Er fühlt sich wertlos. Manchmal kommt eine Depression ohne Anlass, manchmal gibt es einen Auslöser. Wichtig ist es, eine körperliche Erkrankung, die für einen solchen Zustand verantwortlich ist, durch eine seriöse medizinische Diagnostik auszuschließen und gegebenenfalls zu behandeln.
Wie begegnen Sie jemandem, der in so einer Verfassung zu ihnen kommt?
FRASCH: Der Mensch, der zu mir kommt, bringt seine psychische Krankheit mit – und sich. Natürlich diagnostiziere und behandle ich die Krankheit nach den Leitlinien meines Fachgebietes Psychiatrie und Psychotherapie. Aber das Spannende, und was mich besonders interessiert, ist die Behandlung des Menschen. Da jeder anders ist, ist auch jede Behandlung anders.
Sie sind 2022 das erste Mal im Focus-Ranking der besten Ärzte in Deutschland im Fachbereich Depression gelistet. Wie wichtig sind Ihnen solche öffentlichkeitswirksamen Platzierungen?
FRASCH: Auch wenn solche Rankings durchaus problematisch sind – ganz viele hervorragende Kolleginnen und Kollegen sind nicht gelistet –, freue ich mich darüber. Ich sehe auch, dass es hilft, Tabus einzureißen: Menschen, die Hilfe brauchen, wagen sich zu mir, weil sie einen Bericht darüber und mein Foto in der Zeitung sehen. Die Hemmschwelle wird niedriger, das ist gut.
In welcher Lebenslage kommen die Patienten zu Ihnen in die Klinik?
FRASCH: Wir behandeln hier als Krankenhaus, das ich zu verantworten habe, Akutfälle, sozusagen die Spitze des Eisbergs: Das sind Menschen, die Suizidgedanken haben oder lange mit ihrer Krankheit kämpfen. Andere kommen, weil sie vom Umfeld überzeugt worden sind. Es gibt auch Druck vonseiten der Justiz oder Partnern. Die typischste Variante für diejenigen, die wir stationär aufnehmen, ist aber tatsächlich, dass ein Haus- oder Facharzt einen Patienten einweist. Wir behandeln aber auch ambulant, in der Tagesklinik oder vor Ort zu Hause.
Jeder Mensch hat schlechte Zeiten, fühlt sich mies oder erschöpft.
FRASCH: Sicher erlebt jeder Mensch in seinem Leben allfällige Belastungen: Verlust der Eltern, Trennung, schlimme Nachrichten und Schicksalsschläge. Doch in der Regel passen wir uns an. Psychisch akut Erkrankten gelingt diese Leistung nicht. Sie laufen weg, verhalten sich problematisch, werden depressiv, wollen nicht mehr leben. Wir sprechen von einem multikausalen Bedingungsgefüge aus zum Beispiel biografischen, biologischen und situativen Ursachen.
Wie häufig treten Depressionen auf?
FRASCH: Etwa zwanzig Prozent der Frauen erkranken zumindest einmal in ihrem Leben. Bei Männern liegt die Quote bei zehn Prozent. Aber das heißt nicht, dass Männer weniger betroffen sind. Frauen holen sich mehr Hilfe, während Männer das oftmals mit Alkohol oder veränderter Aktivität, schwierigem Verhalten oder manchmal auch anderen toxischen Substanzen zu kompensieren versuchen. Dann hat die Behandlung der Abhängigkeit zunächst Priorität.
Was ist Ihr Ansatz bei der Therapie depressiver Menschen?
FRASCH: Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem, was der Mensch bewertet und was er daraufhin fühlt. Einfacher gesprochen: Wer das halb leere Glas sieht, hat schlechtere Laune als der, der das Glas halb voll sieht. Viele müssen deshalb erst einmal lernen zu sehen ohne zu bewerten. In der Therapie lernen die Patienten anders zu sehen, bestimmte Denkmuster aufzulösen. Und dann geht es natürlich darum, durch die aktuelle Krisensituation durchzukommen und ihnen zu versichern, dass sie wieder gesund werden.
Ist Depression eine schambehaftete Diagnose?
FRASCH: Ja, meist holen sich die Menschen, und wie gesagt vor allem die Männer, zu späte Hilfe. Aber eine Depression zu haben ist akzeptierter als noch vor zehn Jahren. Das ist auch der Erfolg der Aufklärung durch die Medien. In Pandemiezeiten haben die Menschen auch niederschwelligere Hilfe angenommen. Fälschlicherweise kommt man dadurch zu dem Schluss, dass depressive Erkrankungen durch die Pandemie zugenommen hätten. Wissenschaftlich lässt sich dies jedoch nicht bestätigen.
Warum?
FRASCH: Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Studie, die das belegt. Eine Häufung von psychischen Krankheiten generell in Zusammenhang mit der Pandemie gibt es nicht. Verstimmungszustände oder vermehrte Ängstlichkeit in nicht krankhaftem Ausmaß hat man sicher häufiger gesehen. Das ist aber nicht mit einer akuten Depression vergleichbar. Nur, weil was passiert, was uns nicht gefällt – also weniger Kontakte, Masken, Abstand, mehr Vorschriften –, wird nicht gleich jedermann depressiv. In den Menschen steckt mehr Widerstandskraft, als man ihnen zutraut.
Welche Folgen der Pandemie sehen Sie denn hier bei sich in der Klinik?
FRASCH: Wir sehen mehr Alkoholkranke, die wegen überbordendem Konsum zu uns kommen, beispielsweise im Rahmen sich verschlechternder körperlicher Verfassung: Der Magen rebelliert, also machen sie bei uns einen geregelten Entzug. Es scheinen auch mehr Menschen akzentuierten Charakters im Rahmen von Konflikten zu kommen. Sonst aber würde ich sagen, dass die Menschen die Pandemie unbeschadeter überwunden haben, als wir ihnen zugetraut haben.
Kann man Depression vorbeugen?
FRASCH: Jeder kann etwas für seine allgemeine und psychische Gesundheit tun. Bewegung und Sport hat antidepressiven Soforteffekt und er lässt nach, wenn ich wieder aufhöre. Es muss also dauerhaft sein. Alkohol, Drogen, falsche Ernährung spielen mit rein. An sich sollte jeder versuchen, mit seinem Leben zufrieden zu sein.
Das sagen Sie so einfach, wenn die Weltlage immer trüber wird und die Tage kürzer.
FRASCH: Auch wenn die Weltlage eher schwieriger wird, gehe ich nicht davon aus, dass wir mehr depressivkranke Menschen sehen. Das ist eher ein Grund, weniger zufrieden zu sein. Dennoch muss man sich vor Augen führen, dass es trotz Krieg in der Ukraine, Energiekrise und Klimakatastrophe den meisten Menschen bei uns gut geht. Wir alle leben dennoch letztlich unter den besten Bedingungen, die es je gab. Selbst wenn es jetzt wieder dunkler wird, ist das nicht schön, aber bei den meisten löst das ja keinen krankhaften Zustand aus.
Welche Vorurteile sehen Sie in der Öffentlichkeit, wenn Sie von Ihrem Job erzählen?
FRASCH: In den Medien oder an sich in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich das Bild verfestigt, dass sich in der Psychiatrie nur vorwiegend "Verrückte" aufhalten. Es heißt dann oft: "Der Straftäter wurde in die Psychiatrie eingewiesen." Unsere Patienten hier sind zu mehr als 90 Prozent freiwillig in Behandlung, suchen Hilfe. Wir sind ein normales Krankenhaus, unsere psychisch Erkrankten sind die nettesten Menschen, die ich kenne. Straftäter, die psychisch krank sind, werden in anderen Krankenhäusern, sogenannten Kliniken für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, auch Maßregelvollzug genannt, behandelt. Dieses verkürzte Bild stört mich und ich sehe, dass es auch meine Patienten stört. Ich würde mir wünschen, dass dieser Umstand in der Öffentlichkeit bekannter wird.
Zur Person
PD Dr. Karel Frasch ist ärztlicher Leiter des Bezirkskrankenhaus Donauwörth, Chefarzt der Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Donau-Ries-Klinik und Hochschullehrer an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm. Der 52-Jährige stammt aus Böblingen, wohnt aber seit 2013 in Riedlingen. Im BKH in Donauwörth werden pro Jahr rund 570 akut psychisch Kranke stationär behandelt. Einzugsbereich ist der Landkreis Donau-Ries, für die Tagesklinik und die ambulante Intensivbehandlung zu Hause auch der nördliche Landkreis Dillingen und Teile des Landkreises Augsburg. Ambulant betreut er selbst in seinen Sprechstunden etwa 100 Privatpatienten.