„Sie stellte die Temperatur auf zweiundvierzig Grad Celsius und drehte das Wasser der Dusche voll auf. Wenn sie sich beeilte, würde sie es auf jeden Fall rechtzeitig zum Frühstück mit ihrer Nichte schaffen. Das Wetter war genau richtig, um diesen (...) Tag mit dem spektakulären Blick über Salzburgs Altstadt und einem opulenten Luxusfrühstück zu beginnen. Das Wasser war schon fast zu heiß, als sie in den Duschstrahl trat und sich einseifte. Aber sie wollte sich gründlich reinigen, bevor sie seine Leiche entsorgte ...“
Autor Mick Saunter ist einer, der er virtuos versteht, die Normalität des Alltags mit dem Abgründigen zu verschränken. Ein exquisites Essen über den Dächern der Mozartstadt, eine morgendliche Dusche - vertraute Routinen. Plötzlich aber öffnet sich der Blick auf menschliche Abgründe. So beginnt „Rätsel“. Es ist der jüngste Thriller des 68-Jährigen.
Der Mann, der solch düstere Szenarien entwirft, empfängt an diesem sommerlichen Spätnachmittag indes in einer Welt, die denkbar weit davon entfernt scheint. Im dörflichen Frieden Gempfings lädt er zu Kaffee und einem Gespräch in sein malerisches Cottage, eingebettet in einen wildromantischen Landhausgarten. Zwischen altem Baumbestand, ländlicher Gelassenheit und einem liebenswürdigen Gastgeber findet sich nichts, was an die dunklen Seelenlandschaften seiner Romane erinnert.
Die scheinbar geordnete Welt trifft auf dunkle Kräfte
Und doch entstehen genau hier Geschichten, die von Traumata, Manipulation und Gewalt erzählen. Saunters Krimis und Thriller leben von diesen harten Kontrasten: vom Zusammenprall einer vertrauten Welt mit dunklen Kräften, die unter der Oberfläche lauern. In „Rätsel“ erwacht eine Frau in völliger Dunkelheit, hat einen blutigen Hammer in der Hand. Um zu entkommen, muss sie ein Geheimnis lösen – und sich ihrer Vergangenheit stellen.
An diesem Nachmittag ist es Mick Saunter selbst, der sich ein Stück weit seiner Vergangenheit stellt und erzählt. Fast sieben Lebens-Jahrzehnte liegen hinter ihm, in denen er sich als „Pilger auf dem Weg“ verstanden habe. Als einer, der seinen Pfad erst finden musste.
„Ich bin kein Wanderer“, sagt er. „Denn wandern bedeutet ein bestimmtes Tempo und ein Ziel.“ Klare Ziele habe er selten verfolgt, allenfalls vage Vorstellungen. Viel treffender sei ein anderes Bild: das des Schlenderers.
Dass er heute Mick Saunter heißt, ist kein Zufall. Der Name leitet sich ab vom englischen „to saunter“ – schlendern. Seinen Geburtsnamen Michael Jeuter legte er ab, als er zu schreiben begann; nur der Vorname blieb, verwandelt zu Mick. Inzwischen ist aus dem Pseudonym eine Identität geworden. Selbst im Personalausweis steht heute: Mick Saunter.
Bevor er Mick Saunter wurde, lebte er als Michael Jeuter das Leben, das andere von ihm wollten
Doch bevor aus Michael Jeuter Mick Saunter wurde, lebte er lange das Leben, das andere für ihn vorgesehen hatten. Es begann in Wuppertal, wo ihn Mutter und Großtante prägten. Das Ziel schien vorgezeichnet: Er sollte es einem erfolgreichen Onkel gleichtun und Karriere in einem sicheren Beruf machen.
Heute wundert ihn, dass damals niemand auf die Idee kam, er könnte schreiben. „Dabei hatte ich immer nur Bücher im Kopf.“ Stattdessen folgten kaufmännische Ausbildung, Schreinerlehre, Studium der Holztechnik. Mit Ladenbau war er in ganz Deutschland unterwegs. „Ich habe funktioniert“, sagt er. „Das alles hatte seinen Sinn. Aber es war nicht meins.“
Zu den wenigen Lebensentwürfen, die wirklich seine eigenen waren, gehörte der Wunsch nach Familie. Er erfüllte sich: zwei Töchter wurden geboren; inzwischen gibt es auch eine Enkelin.
Als das Leben seinen Kurs änderte
Dann begann das Leben, den Kurs zu ändern. Um das Jahr 2000 wurde bei dem starken Raucher ein gutartiger Lungentumor entdeckt. Depressionen begleiteten ihn schon länger. Eine Therapeutin gab den Impuls zu Veränderung: Er solle mit Menschen arbeiten. Saunter wechselte in die Behindertenhilfe, war in Einrichtungen in Bayern und Schleswig-Holstein tätig, leitete zuletzt die Arbeitstherapie einer Suchthilfe-Klinik.
Doch auch dieser Weg führte an Grenzen. Krankheit und die Schicksale anderer Menschen hinterließen Spuren. 2014 folgte der Zusammenbruch: Angststörung, Depression, psychosomatische Reha. Rückblickend markiert diese Krise einen glücklichen Wendepunkt. „In der Reha hat mich eine Therapeutin geknackt“, sagt er. „Da habe ich angefangen zu schreiben.“ - Es war die Geburt von Mick Saunter.
In „Ein unerwarteter Besuch“ schrieb Mick Saunter über seine Depression
Zunächst schrieb er sich seine eigene Geschichte von der Seele – eine autobiografisch geprägte Auseinandersetzung mit Krankheit und Krise. Das Ergebnis war „Ein unerwarteter Besuch“. Danach fand er zu jenem Genre, das ihn schon immer begleitet hatte: zu Krimi und Thriller.
An Stoff mangelte es nicht. Eigene Erfahrungen, Begegnungen mit Menschen, innere Konflikte und Beobachtungen sammelten sich über Jahrzehnte an und fanden nun ihren Weg in die Fiktion. Vieles davon steckt auch in Major Konstantin Manner, dem Ermittler seiner Salzburg-Krimis. „Der hat einiges von mir“, räumt Saunter ein. „Er zweifelt viel, ist nachdenklich.“
„Tief im Keller“, „Manner sieht rot“, „Am Abgrund der Schuld“, „Geduldige Rache“, „Der Plan“ ... : Zwölf Romane sind bislang erschienen. Anfangs tat sich Saunter schwer, Verlage von seinen Manuskripten zu überzeugen. Inzwischen hat er den Fuß in mehreren Türen. Und vor allem hat er etwas gefunden, wonach er lange gesucht hat: einen Beruf, der wirklich seiner ist. So gut wie täglich sitzt er in seinem Haus in Gempfing am Computer und feilt an Handlungssträngen, bis die Figuren fast lebendig werden.
Nach mehr als 20 Wohnortwechseln fühlt sich auch das Dorf bei Rain so für ihn an, als sei er endlich angekommen. „Ich kann nie ausschließen, dass das Leben mir eines Tages sagt, ich müsse wieder die Koffer packen“, sagt er und lächelt beim Blick aus dem Fenster. „Aber meine Frau Inga und ich fühlen uns hier wohl.“ Der Schlenderer hat seinen Weg dorthin nicht geplant. Vielleicht hat er ihn gerade deshalb gefunden...
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