Behutsam trennen sie Nähte auf, fügen neuen Stoff hinzu, erneuern herausgefallene Nieten, schneiden, kürzen und verlängern. Es geht tüchtig zu in der Nähstube des „Schwäbischwerder Kindertags“. Dreizehn Frauen bereiten hier ehrenamtlich die historischen Gewänder vor. Im April fanden an den Schulen schon die Anproben statt. Jetzt heißt es sich beeilen – denn in knapp zwei Monaten müssen die rund 1400 Hemden, Kleider, Strümpfe, Hüte und Schuhe sitzen.
Im Eingangsbereich des kleinen Gebäudes im Gewerbegebiet Zusamweg in Donauwörth wird alles gesammelt. „Das ist unser Fundus“, sagt Hannelore Zinsmeister. Vor 15 Jahren gründete sie gemeinsam mit Hubert Großhauser die Nähstube. In einem Einfamilienhaus im Ruhetal stemmten sie damals mit zwei geschenkten Nähmaschinen die Arbeiten. Mittlerweile ist das Team gewachsen und umgezogen. Jeden Donnerstag treffen sich die Frauen zum Schneidern.
In der Nähstube fertigen dreizehn Frauen die Gewänder von Hand an
Sobald die Kleidungsstücke wieder in der Nähstube eintreffen, greift das ausgeklügelte System, das sich über die Jahre etabliert hat: Den Gewändern werden Karten mit dem Namen des Kindes, der Schulklasse und der Größe zugeteilt. Rote Karten bedeuten, dass es einer Änderung bedarf. Diese kommen dann in die Schneiderei. Jedes Gewand hat eine Nummer. So geht auch nach dem Historienspiel nichts verloren. „Wir wissen nach dem Umzug genau, welche Gewänder fehlen“, sagt die Schneiderin.
Im ersten Stock, der Schneiderei, findet die Hauptarbeit statt. Eine, die am längsten dabei ist, ist Mathilde Sauter. Die 86-jährige Modistin stellt schon seit 40 Jahren Hüte für das Historienspiel her. Ihr erstes Modell waren blaue Schwedenhüte mit gelben Federn. Auf diese ist sie noch immer stolz. Derzeit stellt sie wieder Schwedenhüte her – bis zu fünf Stunden kann das dauern. „Das macht eine Menge Arbeit“, gibt sie zu. Um den Filz zu formen, hat sie extra ihren alten Hutblock aus einem Museum geholt.
Näherinnen orientieren sich an historischen Vorlagen
Wenn die Frauen neue Gewänder gestalten, orientieren sie sich an historischen Zeugnissen. „Wir schauen, was man zu der Zeit getragen hat“, sagt Zinsmeister. „Beim letzten Hut, den wir gemacht haben, sind wir ins Archiv gegangen und haben Bilder herausgesucht.“ Dabei versuchen sie, Stoffe und Nähtechniken zu übernehmen. Auch die Farben müssen berücksichtigt werden. Gleichzeitig müssen die Gewänder änderungsfreundlich bleiben – eine kreative Herausforderung. So wird beispielsweise nichts weggeschnitten, sondern bloß hochgenäht, um den Stoff später wieder verlängern zu können.
Nach dem Historienspiel ist die Arbeit für die Frauen jedoch noch nicht erledigt: Die Gewänder müssen eingesammelt, sortiert, gewaschen und repariert werden. Das ganze Jahr über sind sie damit beschäftigt. Dieses Mal kommt noch eine Besonderheit hinzu: Weil das derzeitige Gebäude für die Landesgartenschau abgerissen wird, wird die Nähstube ins ehemalige K&L Ruppert-Gebäude verlegt.
Die Nähstube ist jedoch weit mehr als ein bloßer Arbeitsort. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so eine schöne Gruppe finde“, sagt Angelika Stark. Sie ist die neueste im Bunde – vor einem halben Jahr kam sie dazu. Ihr gefalle die Leidenschaft, die die Frauen für ihre Arbeit mitbringen. Trotzdem fehlt es an Nachwuchs. Besonders Mathilde Sauter wartet schon lange auf eine Nachfolgerin. Dabei liegt ihr die Nähstube sehr am Herzen. An einer Wand hängen Bilder ihrer früheren Kollegin und von Schulkindern, die ihre Schwedenhüte tragen. Es ist auch ein Ort der Erinnerung, des Zusammenhalts und der Freundschaft. Bei vielen ist der Donnerstag deshalb fest im Kalender eingeplant.
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