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Menschen in Friedberg

25.05.2018

Dieser Mann denkt für sein Leben gern

Dragan Vucinic arbeitet als Fliesenleger, doch seine Liebe gilt der Philosophie. Nun hat der Rinnenthaler ein Buch veröffentlicht.
Bild: Daniel Weber

Eigentlich arbeitet Dragan Vucinic als Fliesenleger. Nun hat er ein Buch über die Philosophie geschrieben. Er erklärt, warum sie in allen Lebenslagen hilft.

Beim Wort Philosophie hat jeder zuerst alte Griechen mit langen Bärten im Sinn, vielleicht spaziert auch ein gestrenger Kant vor dem inneren Auge vorbei. Dass Philosophen aber keineswegs elitäre Theoretiker sein müssen, beweist Dragan Vucinic. Der Rinnenthaler ist Fliesenleger und Mosaikkünstler, liebt die hellenische Kultur und lebt die „Freundschaft zum Wissen“ – so lässt sich das griechische „Philosophia“ ins Deutsche übersetzen.

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Der 57-Jährige erklärt: „In ‚Peri Physeos’– zu Deutsch: ,Über die Natur’ – schreibe ich über die kosmologische Periode der griechischen Philosophie. Die liegt zeitlich noch vor Sokrates, der gemeinhin als Vater der abendländischen Philosophie bezeichnet wird.“ „Das Buch habe er in erster Linie für sich selbst geschrieben. „Seit 30 Jahren beschäftige ich mich inzwischen mit dem Thema, habe es aber meist für mich behalten. Nun tut es einfach gut, darüber zu sprechen und zu schreiben.“ Für ihn ist Philosophie keine universitäre Angelegenheit, nichts für den Elfenbeinturm. „Sie ist Teil meines Lebens, begleitet mich durch den Tag und macht mich glücklich. Sie ist wie ein Schild gegen die unangenehmen Dinge. Die Ideen und Ansichten dieser weisen Leute sind leider heute in der breiten Bevölkerung kaum noch bekannt, dabei sind sie die größte Leistung der Menschheit!“

Eigentlich wollte Vucinic Maler werden

Als er nach einer Möglichkeit suchte, sein Buch zu veröffentlichen, bekam der gebürtige Jugoslawe oft zu hören, dass Philosophie nur wenige Menschen interessiere und sich der Druck seines Werkes nicht lohne. Nicht nur deswegen kritisiert er, dass von dem ehemaligen Land der Dichter und Denker nur noch ein trauriger Exportweltmeister geblieben sei. „Edmund Husserl hat trefflich formuliert, dass das Wichtigste die menschliche, nicht die technische Entwicklung ist. Das ist irgendwann in Vergessenheit geraten“, bedauert er. Dabei helfe Philosophieren in wirklich allen Lebenslagen, was man von Geld nicht behaupten könne.

Dieser Mann denkt für sein Leben gern

„Deswegen ist mir die kosmologische Periode auch so wichtig. Damals überlegten die Griechen, was der Ursprung dieser Welt ist, was der Mensch aus seinem Leben machen sollte. Sie erdachten revolutionäre Konzepte wie Freiheit und Individualität. Bei so großen Gedanken bleibt kein Platz für Streitereien über die Herkunft oder andere Unwichtigkeiten. Das damalige Griechenland ist eine ewige Quelle für jeden freidenkenden Menschen“, schwärmt er.

Vucinic kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Schon in der Schule begeisterte ihn die hellenische Kultur, doch er hatte zunächst andere Pläne. Im damaligen Jugoslawien studierte er an der Hochschule der Polizei Kriminalistik, begann daraufhin ein Jurastudium in Kroatien. Das jedoch brach er ab und verließ die Polizei, zu unangenehm war ihm dort der Umgangston. „Ich wollte Maler werden, aber von allen Seiten sagte man mir, dass ich davon nicht leben könne. Ich entlud dann Lastwagen und arbeitete später als Sicherheitskraft in einem Hotel.“ Dort gab es eine Bibliothek, in der er sich gerne aufhielt. „Ich schrieb Gedichte, die teilweise in einer großen Zeitung abgedruckt wurden. In dem Hotel lernte ich auch meine Frau kennen, die als deutsche Reiseleiterin unterwegs war. Wir lebten in Zypern, Spanien und schließlich in Deutschland.“ Vom Kistentragen auf einer Orangenplantage über Kellnern und Hilfsarbeiten für einen Maler kam er schließlich zum Fliesenlegen. Schon lange hatte er eine Liebe zu Mosaiken gehegt, besonders die griechischen hatten es ihm angetan. „Darauf habe ich mich letztendlich auch spezialisiert.“

Nicht die Worte zählen, sondern die Lebenseinstellung

Der vierfache Vater fühlt sich eher in der Poesie und bei Mosaiken zuhause als in der Bücherwelt. „Beim Fliesenlegen habe ich viel Ruhe und Zeit für mich selbst. Diese Einsamkeit ist genau das Richtige, um sich über wichtige Fragen Gedanken zu machen“, findet er. Und nichts anderes ist Philosophie, als über Dinge unvoreingenommen und gründlich nachzudenken. Sonst brauche es nichts, um die entscheidenden Fragen im Leben zu klären. Mit Religionen kann Vucinic wenig anfangen. „Ich glaube nicht, ich denke“, winkt er ab.

„Wenn ich Vorträge von Philosophieprofessoren höre, habe ich oft das Gefühl, dass sie die Ideen, über die sie reden, gar nicht selbst leben“, meint der 57-Jährige. Auch anders herum sei es schwierig: „Es ist nicht einfach, über Philosophie zu sprechen, weil wir manche Gedanken nur schwer in Worte fassen können.“ Doch es sind nicht die Worte, es ist die Lebenseinstellung, die zählt. „Jeder Mensch sollte seine Ideale mit dem eigenen guten Beispiel bestätigen“, findet er.

  • Das Buch „Peri Physeos“ von Dragan Vucinic ist 2018 im Books on Demand Verlag Norderstedt erschienen. ISBN: 978-3-7460-81113.
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