Friedberg Eine Art „Historikerstreit“, aber ohne Historiker, könnte heute im Kreistag (Sitzung ab 14.30 Uhr im Landratsamt) über den Nazi-Ideologen Dr. Otto Dickel (1880- 1944) entbrennen. Genauer gesagt über die umstrittene Veröffentlichung über ihn als Gründer der Siedlung Dickelsmoor im heimatkundlichen Landkreis-Jahrbuch „Altbayern in Schwaben“. In dem Beitrag sehen die Grünen im Kreistag eine Verharmlosung von Dickels Weltanschauung – unter dem Motto „Er war ein Nazi, aber eigentlich ganz nett“, so Kreisrätin Claudia Eser-Schuberth (Grüne).
Kreisrätin verweist auf „gruselige“ Gedankenwelt
Dass Dickels Gedankenwelt alles andere als harmlos war, wollen die Kreistags-Grünen jetzt mit einer Zitatesammlung belegen. Zusammengestellt hat die neun Seiten ein namentlich nicht genannter Historiker.
„Mehr als gruselig“ findet Kreisrätin Marion Brülls (Grüne) die aufgelisteten Äußerungen von Dickel. Und Claudia Eser-Schuberth wundert sich, dass keines der „wirklich üblen Zitate“ von Dickel in dem Landkreis-Jahrbuch enthalten ist. Für Marion Brülls ist dies „Geschichtsklitterung“.
Wie berichtet, hatte der Kreistag vor Weihnachten einen Eilantrag der Grünen auf Auslieferungsstopp des Buches abgelehnt. Heute wird ein weiterer Antrag der Grünen behandelt. Demnach soll der Landkreis das Institut für Zeitgeschichte in München mit einer Stellungnahme zu dem Buchbeitrag beauftragen. Von den dortigen Historikern verspricht sich Kreisrätin Katrin Müllegger-Steiger (Grüne) eine fundierte, neutrale, wissenschaftliche Prüfung des heiklen Themas.
Allerdings signalisieren die Verwaltung und die Kreisheimatpflege in der Sitzungsvorlage, dass sie den Antrag nicht befürworten. Im Vorfeld wurden Stellungnahmen des Germanisten Prof. Erich Unglaub (früher Friedberg, heute TU Braunschweig) und des Kreisheimatpflegers Dr. Hubert Raab (Friedberg) eingeholt. Demnach wäre es nicht gerechtfertigt, den Aufsatz oder gar den ganzen Band zurückzuziehen. Unglaub hält es für inhaltlich „recht schwierig, Dickels Theorien prägnant zu fassen, auch den zweifellos vorhandenen Antisemitismus“. Raab weist darauf hin, dass in dem Artikel nicht die Person Otto Dickel, sondern die Entstehungsgschichte von Dickelsmoor im Mittelpunkt stehe.
Unabhängig von der heutigen Entscheidung des Kreistags betonen die Grünen: „Wir bleiben dran an dem Thema.“ (scha)