Schicksal der Geflüchteten: 17-Jährige muss Familie zurücklassen
Derching: Ehrenamtler helfen Geflüchteten
Alltag in der Unterkunft: zwischen Trauer, Langweile und Solidarität
Ein bunter Traktor, ein pinkfarbener Puppenwagen sowie zahlreiche Bauklötze liegen auf dem Weg zum Frühstücksbuffet. Es ist laut: Viele Menschen reden durcheinander, Kinder spielen und ab und an fällt eines der Spielzeuge auf den Boden. Rund 70 Menschen aus der Ukraine sind seit Sonntag in der Derchinger Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Der Alltag zwischen Trauer, Langeweile und Solidarität.
Zwischen Buffet und Spielecke sitzt die 17-jährige Carina an einem der vielen Bierzelttische im Erdgeschoss der Derchinger Unterkunft. Sie unterhält sich mit ihren Tischnachbarinnen, gestikuliert, lacht zwischendrin. Doch eigentlich wiegt das Herz der jungen Frau schwer. Kurz nach Beginn des Krieges musste sie aus ihrer Heimatstadt Charkow fliehen. Unzählige Zugstunden und Reisekilometer später landete sie an einem Ort, den sie nicht kennt, in einem Land, in dem sie noch nie war und in dem die Menschen eine Sprache sprechen, die sie nicht versteht.
„Ich kann es immer noch nicht glauben. Es ist wie ein Alptraum für mich, aus dem ich nicht aufwachen kann.“ Besonders bitter ist für die 17-Jährige, dass fast ihre ganze Familie noch in der Ukraine ist. Lediglich ihre Tante ist in Derching. Ihr Vater und ihr Bruder mussten zurückbleiben, um gegen die russischen Invasoren zu kämpfen. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen die Ukraine nicht verlassen – sie müssen bleiben und das Land verteidigen. Carinas Mutter kam ebenfalls nicht mit, weil ihre Großmutter krank ist. „Ich vermisse alle ganz stark, auch meinen Freund, der jetzt in Polen ist. Ich denke sehr oft an meine Familie und bete für sie.“
So wie Carina geht es vielen in der Derchinger Unterkunft. Die meisten sind junge Frauen mit Kindern oder ältere Menschen. Männer gibt es nur wenige. Vor allem die vielen Kinder bräuchten Unterstützung, sagt Heidi Gräul. Die Derchingerin schaut täglich in der Unterkunft vorbei und sieht nach dem rechten. „Ich habe ein Herz für Kinder und möchte einfach helfen. Es tut mir weh, wenn ich mitbekomme, was sie durchgemacht haben.“ Die Verständigung sei schwierig, aber bei den Kindern spiele das keine Rolle: „Ich habe extra noch Spielsachen besorgt. Etwa ein paar Fußbälle, dass sie auch mal nach draußen kommen.“
Die Hilfsbereitschaft lobt Ortssprecher Michael Sedlmeyr. Er koordiniert die Hilfe. „Wir versuchen, punktuell zu helfen. Wenn etwa ein Föhn benötigt wird, kümmern wir uns drum. Auch bei uns muss sich das erst einspielen, aber alle wollen helfen. Es gibt einem ein gutes Gefühl, wenn man etwas tun kann.“ Sedlmeyr und Co. kennen die Ängste der Menschen. Die größte Sorge: Nicht mehr in die Ukraine zurückzukönnen: „Das ist tatsächlich eine der Hauptfragen. Wir können dann aber schnell beruhigen“, so Sedlmeyr. Überhaupt hätten die Geflüchteten viele Fragen.
Die Menschen seien aber auch sehr dankbar, bestätigt Heidi Gräul, dennoch gibt es Momente, in denen die Derchingerin aufpassen muss: „Wir hören viel leid. Es gibt Momente, da muss ich mich selber schützen. Die Erlebnisse der Menschen sind teilweise sehr emotional.“
So wie die der 17-jährigen Carina. Erst vor wenigen Tagen schickte ihr ein Klassenkamerad Fotos ihrer zerbombten Schule. „Das macht mich traurig. Ich stand kurz vor dem Abschluss.“ Eigentlich wollte die junge Frau Design studieren. Das ist aktuell mindestens so weit weg wie ihre Heimatstadt Charkow. Noch schlimmer ist für sie aber die Ungewissheit: „Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich muss sehr viel weinen, gerade nachts“, gesteht Carina, die sich ein Zimmer mit ihrer Tante und vier anderen Frauen teilt.
Tagsüber herrscht dagegen Langeweile: „Viel zu tun gibt es nicht. Essen und Schlafen – ab und zu gehen wir spazieren. Aber wir kennen uns nicht aus. Es ist eine belastende Situation.“ Die meiste Zeit verbringt die Schülerin am Handy, um sich über die Geschehnisse aus der Heimat zu informieren. „Man will wissen, was passiert. Aber es ist schon hart zu sehen, dass viele meiner Lieblingsplätze jetzt in Trümmern liegen. Jedes Mal hoffe ich, dass ich nicht unser Haus auf den Bildern erkenne.“
Als Carina vom Tisch aufsteht, fällt sie beinahe über einen Traktor. Kurz darauf rennen sechs Kindern vorbei und nehmen das Spielzeug mit. Unter lautem Geschrei sind sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. „Ich beneide die Kinder. Sie wissen noch nicht, was gerade in der Welt passiert. Ihr Lachen gibt mir aber Kraft und Optimismus“, sagt die 17-Jährige, während sie auf ihr Handy blickt. „Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier finde ich toll und das Essen schmeckt lecker.“
Wie es für Carina und die anderen Geflüchteten in Derching weitergeht, steht aktuell noch nicht fest. Am Sonntag kamen derweil weitere Menschen aus der Ukraine im Kreis an. In der Turnhalle des Friedberger Gymnasiums sind 69 Personen untergebracht.