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Wintersport: Para-Skifahrer Leander Kress: „Ich habe das Feuer nicht mehr gespürt“

Wintersport

Para-Skifahrer Leander Kress: „Ich habe das Feuer nicht mehr gespürt“

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    Er hat dem Skifahren Servus gesagt: Leander Kress, hier bei seinem Karriere-Highlight, den Paralympics 2022 in Peking.
    Er hat dem Skifahren Servus gesagt: Leander Kress, hier bei seinem Karriere-Highlight, den Paralympics 2022 in Peking. Foto: Witters/Patrick Steiner

    Bardonecchia nahe Turin. Leander Kress steht im Starthäuschen. Noch einmal volle Konzentration. Im Kopf geht er den Rennplan durch. Dann drückt er sich ab auf die Piste. Ein letztes Mal noch spürt er den Rausch des Rennens. Als er im Ziel bremst, stobt der Pulverschnee auf und glitzert im Sonnenlicht. Ein letztes Funkeln in Kress‘ Karriere als Para-Skifahrer.

    Denn die FISU-Games, die Winterspiele der Universitäten, sind seine letzte große Bühne. Der Wintersportler des TSV Friedberg hat seine Laufbahn beendet. Er ist aus dem Trainingsstützpunkt in Innsbruck ausgezogen, wohnt wieder in Augsburg. „Da fühl ich mich daheim“, sagt der 24-Jährige, der infolge einer Krebserkrankung seinen rechten Unterschenkel verlor. Der mit neun in einer inklusiven Reha-Woche für vom Krebs geheilte Kinder das erste Mal auf Skiern stand. Sie wurden zu den Brettern, die seine Welt bedeuten. Mit 14 absolvierte er die ersten internationalen Wettkämpfe, mit 18 wurde er in die Nationalmannschaft berufen, aus der er im vergangenen Sommer austrat. Nach fünf Jahren, mehreren Weltcups und der Teilnahme an den Paralympics 2022.

    Was ihn dazu bewog, wie es ihm heute mit der Entscheidung geht und wieso er es 2026 doch zu den Paralympics nach Turin schaffen könnte, verrät er im Interview.

    Leander Kress, obwohl Sie Ihre Karriere in der Nationalmannschaft beendet haben, standen Sie kürzlich bei den FISU Games wieder auf der Piste. Gibt es einen Rücktritt vom Rücktritt?

    Der Wettbewerb hat mich sehr gereizt. Es durften erstmals paralympische Athleten teilnehmen, sogar im gleichen Wettkampf wie normale Sportler. Ich dachte mir, das wäre ein schöner Abschluss.

    Und, wie lief‘s?

    DIE TECHNIK HAT NOCH GUT FUNKTIONIERT, ICH BIN BEI DEN PARA-ATHLETEN VIERTER IM SUPER G UND FÜNFTER IM RIESENSLALOM GEWORDEN. OKAY, PODIUM WÄRE NATÜRLICH NOCHMAL COOLER GEWESEN. ABER: Ich war nicht Letzter und sogar vor ein paar aktiven Athleten. Von dem her bin ich relativ zufrieden. Ich wollte nochmal Spaß haben - und das ist auf jeden Fall gelungen. Aber ich habe den Trainingsrückstand schon gemerkt. Gerade im Super G kostet die Geschwindigkeit zudem Überwindung. Ich war ja schon immer einer, der viel Mut hatte. Aber mit weniger Skitagen merkt man, dass man doch nicht mehr so leicht den steilen Berg voll Karacho runterfährt. Skifahren wird aber weiter mein Hobby bleiben, es macht einfach sauviel Spaß. Nun ja: Ich habe jetzt mit Para-Eishockey angefangen. .

    Erzählen Sie bitte, wie es dazu kam.

    Skifahren ist im paralympischen Bereich mittlerweile so professionell, dass man das hauptberuflich machen muss. Und das war der Hauptgrund, aus dem ich meine Karriere beendet habe. Para-Eishockeyspieler sind auch echt professionell, haben aber nebenbei ganz normale Jobs. Es ist jedenfalls rein vom Zeitaufwand her kein Vergleich zum Skifahren und passt daher ganz gut für mich. Wir trainieren einmal pro Woche in Pfaffenhofen. So kann ich den Hauptfokus auf mein duales Studium bei der Berufsgenossenschaft - Sozialversicherung mit Schwerpunkt Unfallversicherung - legen, das ich angefangen habe. Das war mir wichtig für mein weiteres Leben. Trotzdem kann ich die Leidenschaft zum Sport noch ausüben. Es macht extrem viel Spaß.

    Als ehrgeiziger Sportler, der Sie sind, ist das Eishockey aber sicher nicht einfach nur ein Hobby?

    Am Samstag hatte ich mein erstes Ligaspiel. Ich habe für Wiehl auch gleich mein erstes Tor gemacht. Und dann wäre ein Ziel für mich, in die Eishockey-Nationalmannschaft zu kommen. Und wenn es klappt und mich richtig anstrenge, könnte ich auf diesem Weg zu den Paralympics kommen. Da brauche ich aber noch viel Training dafür und das Team muss sich qualifizieren.

    Aber es wäre eine Hintertür, Ihren großen Traum von der abermaligen Paralympics-Teilnahme doch noch zu erfüllen. Um es abermals in den alpinen Disziplinen zu schaffen, sind Sie sogar nach Innsbruck an den Trainingsstützpunkt gezogen. Die Entscheidung, diesen Traum aufzugeben, muss sehr hart gewesen sein.

    ICH HABE WÄHREND DER SAISON NOCH ÜBERHAUPT KEINEN GEDANKEN DARAN VERSCHWENDET. ABER VOR DER NACHBESPRECHUNG MIT DEN TRAINERN KAM DIE ERSTE SKEPSIS AUF. EIGENTLICH SOLL MAN MIT DREI ZIELEN FÜR DIE ZUKUNFT IN DAS GESPRÄCH GEHEN. UND ICH BIN GANZ OHNE ZIELE REINGEGANGEN. DIE TRAINER WAREN ZWAR VERWUNDERT, HABEN ABER GESAGT: Nimm dir noch ein paar Wochen. Also bin ich nach Norwegen gefahren und dort zwanglos mit dem norwegischen Team zu trainieren. Davor habe ich mit mein Eltern gesprochen. Auch darüber, dass mein damaliges Sportmanagement-Studium nebenher schwer machbar war. Der Sport kostet enorm viel Energie, sich da abends nach Trainingseinheiten noch hinzusetzen und zu lernen, war für mich unmachbar. Mein Vater hat mir dann die Sätze mitgegeben: Wenn du selber nicht mehr Ziele darin hast, kommst du da vielleicht nicht weiter. Und es ist besser, wenn man aus eigenen Stücken irgendwo rausgeht, als wenn man rausgeschmissen wird.

    ... und dieser Ausgang wird wahrscheinlicher, wenn man nicht voll und ganz fokussiert ist..

    GENAU! ICH HABE DANN DRÜBER NACHGEDACHT, WIE ICH DAS SELBER SEHE MIT DEM SPORT. SCHAFFE ICH‘S NOCHMAL? SCHAFFE ICH‘S IN DIE WELTSPITZE? LETZTES JAHR BEIM WELTCUP WURDE ICH SIEBTER, WAS FÜR MICH RICHTIG GUT WAR - EINE STEIGERUNG. ABER UM ES AUFS PODIUM ZU SCHAFFEN, GESCHWEIGE DENN EINEN SIEG ZU HOLEN, DAFÜR HÄTTE ES NOCH EINMAL EINEN SCHRITT GEBRAUCHT. UND DAZU HABE ICH NICHT MEHR DAS FEUER IN MIR GESPÜRT. DASS ICH WIRKLICH ZU 100 PROZENT ALLES REINSTECKE IN DEN SPORT. ICH HABE IMMER GEWUSST: Wenn dieser Fall eintritt, dann will ich nicht weitermachen, weil dann sehe ich den Sinn nicht mehr. Außerdem wollte ich nicht mehr länger damit warten, eine Ausbildung zu starten. Ich bin jetzt 24, und da muss man schauen, wo man bleibt. Man ist ja schließlich kein Fußballprofi, der nach der Karriere in Frührente gehen kann. Und so habe ich diese krasse Entscheidung dann getroffen.

    Wie hat es sich angefühlt, in Turin noch einmal auf die Piste zurückzukehren?

    ICH HABE JEDE SEKUNDE GENOSSEN. ALS ICH MIT DEM TEAM TRAINIERT HABE, WAR DAS RICHTIG COOL, SO WIE FRÜHER. UND BEIM RENNEN ERST, WENN MAN DIE STARTNUMMER ÜBERZIEHT. DA SPÜRT MAN DIE ANSPANNUNG - JETZT GEHT‘S LOS. SO EIN GEFÜHL GIBT‘S IN KEINEM ANDEREN LEBENSBEREICH. DURCH DEN KÖRPER SCHIESST ADRENALIN, MAN IST VOLL DA. 100 PROZENT FOKUSSIERT. ES HAT SEHR VIEL SPASS GEMACHT, AUS DEM START RAUSZUSCHIEBEN. NOCHMAL ALLES ZU GEBEN. ALS ICH MEINEN LETZTEN LAUF INS ZIEL GEBRACHT HABE, DA IST DANN SCHON DIE EINE ODER ANDERE TRÄNE GEFLOSSEN, WEIL ICH GEMERKT HAB: So etwas werde ich wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben haben. Aber: Es war das Richtige, auf jeden Fall.

    Ist das denn beim Eishockey so anders?

    Ja, definitiv. In der Para-Variante spielt man drei Mal 15 Minuten. Beim Skifahren zählen 60 Sekunden. Man ist außerdem auf sich allein gestellt. Wenn da was zwickt im Körper oder man mental nicht voll da ist, muss man für sich selber klarkommen. Im Eishockey wird man unterstützt und gepusht. Das ist aber auch eine saucoole Erfahrung, das kannte ich so nicht. Auch dass keiner aus dem Team gegen einen ist. Beim Skifahren ist man befreundet, aber konkurriert eben auch. Da fliegen auch mal die Fetzen.

    Sie haben mit 14 die ersten internationalen Wettkämpfe absolviert, gehörten seit sie 18 waren der Nationalmannschaft an nahmen an mehreren Weltcups und den Paralympics 2022 teil. Gab oder gibt es Momente, in denen Sie den Entschluss, auf das alles zu verzichten, bereuen?

    KLAR KOMMT MAN INS GRÜBELN, SAGT SICH: Komm, dieser Sport ist dein Leben, probier‘ es doch nochmal. Aber schlussendlich ist es richtig gewesen. Unmittelbar danach bin ich aber in ein Loch gefallen. Das Skifahren war der Hauptteil meines Lebens. Letzte Saison hatte ich 180 Skitage. Ich hab‘s geliebt. Und wenn sowas wegbricht, muss man schauen, was man mit seinem Leben anfängt. Wo man seine Leidenschaft reinsteckt. Ich hab dann als Hobby Kaffee zubereiten entdeckt. Das hat mich so ein bisschen aufgefangen. Und jetzt mit dem neuen Sport ist es richtig cool, Ziele zu haben, die sich aber auch mit meinen neuen Lebensumständen verknüpfen lassen. Ich bin glücklich mit dem Studium und mit dem Eishockey.

    Ein letzter Tanz: Leander Kress bei den FISU Games nahe Turin.
    Ein letzter Tanz: Leander Kress bei den FISU Games nahe Turin. Foto: Arndt Falter (ADH)
    Leander Kress hat den Ski gegen den Eishockeyschläger getauscht.
    Leander Kress hat den Ski gegen den Eishockeyschläger getauscht. Foto: Marcus Hartmann - Photography
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