Mindestens 200 Jahre alt ist der historische Dorfbrunnen, der in Kissing zufällig bei den Arbeiten fürs Maibaum-Fundament entdeckt wurde. Es war für alle eine Überraschung: Denn in Kissing wusste keiner mehr von der wohl öffentlichen Wasserstelle. Heimatforscher Toni Mahl hat sich intensiv mit dem Fund befasst. Auf einer Karte aus dem Jahr 1806 konnte er den Brunnen nun zuordnen. Für ihn bestätigt sich damit, dass es sich im alten Kissing um den zentralen Dorfplatz gehandelt hat. Hier siedelten sich wichtige Betriebe wie Schmied, Wirtshaus oder Wagnerei an. Hier versammelten sich die Kissinger zu Festen wie Fahrzeugweihen und hier holten Kinder und Mägde das Trinkwasser.
„Man braucht ein bisschen Fantasie, um sich das vorzustellen. Aber hier hat sich das öffentliche Leben abgespielt“, sagt Toni Mahl. Der 71-Jährige war 48 Jahre als Briefträger auf Kissings Straßen unterwegs. Besonders suchte er das Gespräch mit den alten Kissingern, die noch aus früheren Zeiten berichten konnten. Seit über 50 Jahren beschäftigt sich Mahl mittlerweile mit der Ortsgeschichte. In mehreren Büchern ging er der Vergangenheit Alt-Kissings nach. Er dokumentierte jedes der ursprünglichen 156 Anwesen. Die Entdeckung des Dorfbrunnens war auch für ihn eine Überraschung. Aber der Fundort passt zu den Ergebnissen seiner Nachforschungen.
Kissinger Dorfbrunnen ist auf Karte von 1806 eingezeichnet
Der Kissinger zeigt den Bereich auf seiner Replik der alten Karte. Das Original ist eine etwa zehn Zentimeter dicke Platte aus Solnhofener Plattenkalk, auf der die Anwesen und Straßen Kissings für Dauer eingeätzt wurden. Sie lagert im Staatsarchiv in München. Bei Abgleich mit dem Brunnenfund stellte Mahl an der Stelle ein rot umrandetes Rechteck fest. Er ist sich sicher, dass es den Brunnen darstellt. Mahl hat dazu auch Rücksprache mit dem Staatsarchiv gehalten. Eine Mitarbeiterin machte ihn darauf aufmerksam, dass das kleine Rechteck innen gelb gefärbt ist. Die Farbe markiert im übrigen Plan öffentliche Gebäude. „Das würde also auch zu einem öffentlich genutzten Brunnen passen“, sagt der Heimatforscher.
Der heutige Maibaumplatz sei früher der zentrale Dorfplatz für Alt-Kissing gewesen, erläutert er. Fotos in seiner Sammlung zeigen, dass die freie Fläche früher noch größer war. „Wenn es was zu feiern gab, haben sich die Leute hier versammelt“, berichtet der Kissinger. Als Beispiel zeigt er Aufnahmen von einer großen Menschenmenge. „Das war die Fahrzeugweihe für die ersten Bulldogs im Ort“, erzählt er. Erst um 1970 herum wurden hier die Straßen geteert.
Viele der Gebäude, an die sich ältere Kissinger noch erinnern können, wurden im vergangenen Jahrhundert abgerissen. Um den Platz herum befanden sich neben landwirtschaftlichen Anwesen wichtige Betriebe. Mahl zeigt auf dem historischen Plan die alte Schmiede, die 1938 abgerissen wurde. „Das war früher ein öffentliches Gebäude“, erzählt er. Seinen Nachforschungen nach soll früher im Obergeschoss auch der Gemeinderat getagt haben, in der Zeit um 1800. „Eindeutig belegt ist das aber nicht“, räumt Mahl ein.
Gasthof „Beim Jägerwirt“ in Kissing wurde in den 1960er Jahren abgerissen
Erst in den 1960er Jahren verschwand der Gasthof „Beim Jägerwirt“. „Ich habe darin noch meine Kommunion gefeiert. Es war ein großes Gasthaus“, erinnert sich Mahl. Zu den ansässigen Betrieben gehörte außerdem eine Wagnerei. Eine kleine Sackgasse führte zu einem Kramerladen, der ebenfalls nicht mehr steht. Eine zentrale Rolle dürfte der Brunnen auch bei Rettungsarbeiten gespielt haben, meint Mahl. „Es hat oft gebrannt, viele Häuser hatten Strohdächer.“
Auf den alten Fotos forscht Mahl nach Spuren des verschütteten Brunnens. Auf einer Luftaufnahme ist ein Eck des Maibaumplatzes abgebildet. Bei näherem Hinsehen scheint sich im Gras ein dunklerer runder Bereich abzuzeichnen – es könnte der Brunnen sein. Für den Heimatforscher ist dieser ein besonderes Zeugnis der vergangenen Zeiten, in denen sich hier der Mittelpunkt des dörflichen Lebens befand. Gerade deshalb hält er ihn für bewahrenswert.
Wie berichtet, ist noch offen, wie es mit dem wiederentdeckten Brunnen weitergehen soll. Weil der Erhalt an hohe Auflagen geknüpft ist, könnte es passieren, dass die Wasserstelle trotz der historischen Bedeutung vollständig verfüllt wird. Im Kissinger Gemeinderat war die Entscheidung erst einmal vertagt worden.
Neben dem Brunnen beschäftigt sich Mahl im Moment besonders mit der jüngeren Kissinger Geschichte. Er arbeitet an einem neuen Heimatbuch mit dem Titel „Kissing und sein Lechfeld“. „Es geht darum, wie Neu-Kissing entstanden ist. Darum, wie sich hier die Firmen und kleinen Geschäfte angesiedelt haben“, erzählt er. Das Interesse ist groß. Schon jetzt gibt es 300 Vorbestellungen. Bei einem Vortrag zu dem Thema im Pfarrzentrum zählte der Heimatforscher an drei Tagen 2000 Besucherinnen und Besucher.
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