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Reise

14.05.2019

Murnau: Wandern und Genießen auf den Spuren des Blauen Reiters

Schon die Künstler Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc waren begeistert vom Spiel der Farben – vor allem der Blautöne.
Bild: Wolfgang Ehn

Am Staffelsee kommen Kunst und Kulinarik zusammen: Zwischen Räucherforelle und Weißbier kann man auch einen erstaunlichen Architekten entdecken.

Die Dämmerung taucht das noch schneebedeckte Wettersteingebirge in ein unwirkliches blaues Licht. Nebel steigt auf, die tief hängenden Wolken werfen lange Schatten auf den Staffelsee und das Murnauer Moos. Mit der Kamera, aber auch mit Pinsel und Farbe lässt sich die wilde Szenerie nur schwer einfangen.

Denn Blau ist in seinen Schattierungen komplex und schwer zu erfassen. Schon die Künstler Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc waren begeistert vom Spiel der Farben – vor allem der Blautöne. Deshalb betitelte Marc die Gegend zwischen München und Garmisch-Partenkirchen einst als „Blaues Land“.

Murnau, wo die Künstler vor hundert Jahren lebten und malten, gilt als Wiege des deutschen Expressionismus. In Anlehnung an ihre Liebe zur Farbe Blau nannten sie sich „Der Blaue Reiter“.

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Der Münchner Architekt Emanuel von Seidl hinterließ in Murnau seine Spuren

Noch heute sind die expressionistischen Einflüsse in dem 12.000-Einwohner-Markt allgegenwärtig. Zum Beispiel im Münter-Haus, in dem die Künstlerin von 1909 bis 1914 unverheiratet mit Wassily Kandinsky in den Sommermonaten lebte und das als Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde galt. Auch der Almanach „Der Blaue Reiter“ sollte hier entstehen.

Das Münter-Haus in Murnau ist heute ein Museum - hier traf sich die Crème de la Crème der Expressionisten.
Bild: Münter-Haus/Ruth Rall, dpa/tmn

Die Maler waren den Einheimischen nicht geheuer, Künstler wie Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky kamen oft zu Besuch. Deshalb wurde das Haus abschätzig „Russenhaus“ genannt. Gabriele Münter, die Zeit ihres Lebens im Schatten des großen Kandinsky stand, fuhr gerne mit dem Rad durch Murnau oder das Moos – alleine. Anfang des 20. Jahrhunderts ein Skandal.

Im historischen Ortskern reihen sich heute noch Ateliers und Galerien einheimischer Künstler aneinander. Der denkmalgeschützte Ober- und Untermarkt ist ein Schmuckstück, der Blick von der Mariensäule auf den Berg Hohe Kante ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen.

Die Fassaden der Biedermeier-Häuser wurden Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts vom Münchner Architekten Emanuel von Seidl mit volkstümlichen Fresken fantasievoll und bunt gestaltet. Seidl, dessen Todestag sich 2019 zum hundertsten Mal jährt, hat noch weitere Spuren in Murnau hinterlassen. Dazu später mehr.

Bis September werden die kunstkulinarischen Rundfahrten "Kunstwirte" angeboten

Auch die regionale Bier- und Esskultur spielt in Murnau eine wichtige Rolle. Auf den Speisekarten finden sich Barsch aus dem Staffelsee, Riegseer Weideochse oder Weißbier der Brauerei Karg, das bereits Barack Obama mit Genuss trank. Immer öfter werden in Murnau deshalb Kunst und Kulinarik miteinander verbunden. Beispielsweise bei den kunstkulinarischen Rundfahrten „Kunstwirte“, die noch bis September angeboten werden.

Acht Künstler aus dem Blauen Land stellen in dieser Zeit ihre Werke in acht Wirtshäusern rund um den Staffelsee aus. Das Projekt findet zum dritten Mal statt. Bei zwei unterschiedlichen Rundfahrten werden je vier Gastronomien angesteuert. An jeder Station bekommen die Teilnehmer von Vorspeise bis Dessert je einen Gang serviert – und sie können zudem mit den Künstlern über ihre Werke sprechen.

„Schokolade ist auch eine Form von Kunst“, sagt Maximilian Krönner, der in der Schokoladenmanufaktur seiner Mutter arbeitet. Er begrüßt die gut gelaunten Teilnehmer der Rundfahrt vor dem rostroten Haus mit den grünen Fensterläden, in dem Schokolaterie, Konditorei und Café untergebracht sind.

Im ersten Stock stellt Gina Feder ihre Bilder und Plastiken aus. Es ist die zweite Kunstwirte-Station. Zuvor hatten sich die sechzehn Teilnehmer in der Galerie „KuHaus“ getroffen – dem Startpunkt. Die wenigsten sind Kunstexperten, viele lassen sich einfach auf das Experiment ein und freuen sich auf Speis und Trank.

Neben einem Aperitif mit Gartenkräutern und einer kulinarischen Überraschung gibt es im „KuHaus“ Werke aller Künstler zu sehen, die an dem Projekt teilnehmen – und das sind heuer nur Frauen.

Das Motto lautet in diesem Jahr "Kunstweiber"

Als Tribut an Gabriele Münter, Marianne von Werefkin und viele andere bedeutende Künstlerinnen lautet das Motto in diesem Jahr „Kunstweiber“. „In Murnau gibt es 70 Prozent Künstlerinnen und 30 Prozent Künstler“, sagt Marc Völker. „Die Anerkennung ist aber meist genau andersherum.“

Eine Fotografie der Künstlerin Gabriele Münter von Mitgliedern der Künstlergruppe „Blauer Reiter“, aufgenommen in München im Jahr 1910 oder 1911. Auf dem Foto sind zu sehen Maria (v.l.) und Franz Marc, Bernhard Köhler, Heinrich Campendonk, Thomas von Hartmann und Wassily Kandinsky (sitzend in der Mitte).
Bild: Rolf Haid, dpa

Höchste Zeit also, aus dem Schatten der Männer herauszutreten. Völker ist selbst Maler und Bildhauer, organisiert die kunstkulinarischen Rundfahrten mit, leitet sie und ordnet die Werke den einzelnen Gaststätten zu.

Derweil erklärt Künstlerin Gina Feder in der Murnauer Schokoladenmanufaktur ihre Werke zum Thema „Mit dem Segelschiff rund um die Welt“, während die Rundreisenden die Vorspeise genießen: Räucherforelle aus dem Kochelsee auf frischen Salaten und Kräutern aus dem „Garten Eden“, einem regionalen Gemüseanbau.

„Die drei verschiedenen Räume stellen die Kontinente dar, der erste ist Asien gewidmet“, sagt Feder. Die Künstlerin trägt eine markante runde Brille, ein schwarzes Tuch um den Kopf und eine lange grau-schwarze Weste. Interessiert betrachten die Teilnehmer den Kimono des Zen-Meisters, in einer Ecke steht die Sonnengöttin – samt Sonnenbrille, weißen Haaren und einem Sonnensymbol auf dem Kopf.

Seidls Lieblingsplätze waren der Hirschenplatz und der Freundschaftshügel

So langsam geht in Murnau der Tag in die Nacht über. Die Laune der Teilnehmer steigt von Station zu Station, der Wein tut sein Übriges. Es geht weiter mit dem Bus zum Gasthof „Zum Beinhofer“, einem der ältesten in Murnau. Künstlerin Sabine Fellows erklärt kurz und knapp ihre bunten expressionistischen Landschaftsbilder. Eines zeigt das Murnauer Moos, sie hat es von ihrem Fenster aus gemalt. Dann kommt der Zwischengang: Saibling auf Graupen-Risotto.

Nur wenige Schritte vom Beinhofer entfernt schlängelt sich der Seidl-Park idyllisch an den Südhängen Murnaus entlang. Dort gibt es versteckte, wildromantische Ecken und eine unerwartete Schlucht. Der Hirschenplatz und der Freundschaftshügel mit Blick auf die Berge waren Seidls Lieblingsplätze.

Der Architekt errichtete den Park ab 1901 samt – mittlerweile abgerissener – Villa im für ihn typischen Heimatstil. Bekannte Bauten Seidls sind das Staatstheater am Gärtnerplatz in München und das Elefantenhaus im Tierpark Hellabrunn.

Murnau bezeichnete der Architekt als „gelobtes Land“. In seinem Park veranstaltete Seidl viele ausschweifende Feste und Theateraufführungen. Beinahe gleichzeitig wirkten die Künstler des Blauen Reiters in Murnau.

Doch: „Seidl und der Blaue Reiter hatten keinerlei Bezugspunkte – eher im Gegenteil“, sagt Dr. Katja Amato, Kunsthistorikerin und Gästeführerin im Blauen Land. Es habe sich um zwei Parallelwelten gehandelt, die Gäste Seidls hätte die expressionistische Kunst Münters und Kandinskys eher abfällig betrachtet.

Das Ramsachkircherl soll die älteste Kirche Oberbayerns sein

Die Kunstwirte-Gruppe ist inzwischen auf dem Weg zur vorletzten Station. Der Hauptgang wird im beliebten Ausflugslokal Bischoff’s Ähndl serviert: zartes Filet vom Riegseer Weideochsen auf Selleriepüree und Portweinsoße. Küchenchef Thilo Bischoff hatte sich einst im Murnauer Alpenhof, der letzten Kunstwirte-Station, einen Stern erkocht. Für das kleine Wirtshaus am Rande des Mooses und die Aussicht auf Selbstständigkeit gab er ihn jedoch auf.

Vom «Ähndl» hat man einen Blick über das Murnauer Moos, Mitteleuropas größtes Alpenrandmoor.
Bild: Ähndl/Gaby Pfluger, dpa

Die Lage des „Ähndl“ ist außergewöhnlich: Der Blick über das Murnauer Moos, Mitteleuropas größtes Alpenrandmoor, spektakulär. Neben dem Wirtshaus steht zudem das Ramsachkircherl, im Volksmund liebevoll „Ähndl“ – Ahnin – genannt. Die kleine Kirche soll im siebten Jahrhundert errichtet worden und die älteste Oberbayerns sein.

Im kleinen, rustikal eingerichteten Wirtshaus mit nur 44 Sitzplätzen fänden große Bilder schwer Platz, deshalb hat Marc Völker die Werke von Grafikerin Veronika Neuerburg für das „Ähndl“ ausgewählt. Die kleinen farbenfrohen Drucke zum Thema „Moos“ zeigen Fische, Insekten und Tiere, die in Blau- und Grüntönen schillern.

Im Juni, Juli, August und September finden weitere Rundfahrten statt

Mittlerweile ist es Nacht geworden. Die letzte Station der Rundfahrt ist das Fünf-Sterne-Hotel Alpenhof. In elegantem Ambiente stellt Fotografin und Malerin Kirsten Luna Sonnemann ihre Werke aus. Dabei gehe es ihr bewusst ums Abstrakte, sagt sie.

Die Teilnehmer lauschen den Ausführungen, während sie Aprikosenbisquit, Tahiti-Vanille, Salzkaramell, Preiselbeere und Minzsorbet genießen, die sich wie ein Gemälde auf dem Teller aneinanderschmiegen. „Sensationell“, seufzt eine Teilnehmerin zufrieden und mit geschlossenen Augen.

Kunstwirte: Das Projekt wird von der Tourist-Information Murnau, dem Verein Staffelseewirte und der Galerie „KuHaus“ organisiert. Die Kosten liegen bei 125 Euro pro Person, Paare zahlen 230 Euro. Die Rundfahrten finden wieder am 7. und 14. Juni, 5. und 12. Juli, 2. und 9. August und 6. und 13. September statt. Die Gruppen sind mit dem Bus unterwegs und werden von einem Kunstexperten begleitet. Reservierungen nimmt die Tourist Information Murnau entgegen.

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