Während das lineare Fernsehen immer mehr an Bedeutung verliert, treten Streaming-Anbieter in die Fußstapfen der Fernsehsender. In den vergangenen Jahren ist der Streaming-Markt jedoch unübersichtlicher und vor allem auch teurer geworden. Während 2017 vielen noch ein Netflix-Abo genügte, um alle Lieblingsserien anzusehen, benötigt man heute mitunter ein Abo bei zwei, drei oder sogar vier verschiedenen Anbietern, um keine Serien oder Film-Highlights zu verpassen. Zudem wurden die Abo-Preise teils deutlich angezogen. Die Zersplitterung der Inhalte auf immer mehr Plattformen und die gestiegenen Kosten legaler Abos sind laut einer Erhebung des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) wesentliche Gründe für die Nutzung illegaler Angebote.
Welche Rolle spielen dabei illegale IPTV-Sticks? Was ist IPTV überhaupt und woran erkennt man, ob ein Angebot illegal ist? Wir geben einen Überblick und zeigen, wie sich die Online-Piraterie in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Was ist IPTV eigentlich und wie funktioniert es?
IPTV steht laut Bundeszentrale für politische Bildung für Internet Protocol Television, also Fernsehen über IP-basierte Netze. MagentaTV der Telekom, Waipu.tv, Zattoo oder Sky Stream basieren alle auf IPTV und bringen Fernsehprogramme so über das Internet auf Fernseher, Smartphones und andere Geräte. IPTV unterscheidet sich damit in der Übertragungsweise von herkömmlichem Kabel- oder Satellitenfernsehen.
Streaming-Anbieter wie Netflix, Prime Video oder Disney+ stellen ihre Inhalte zwar auch über das Internet zur Verfügung, greifen dabei aber nicht auf die gleiche Technologie zurück. Während die Netflix-Inhalte on demand abgerufen werden, hat man über IPTV Zugriff auf ein laufendes TV-Programm und lineare TV-Sender. Dass sich auf einem IPTV-Stick trotzdem Netflix, Prime Video oder Disney+ nutzen lassen, ist kein Widerspruch: Geräte wie der Amazon Fire TV Stick oder andere Android-TV-Sticks sind keine reinen IPTV-Empfänger, sondern vollwertige Mediaplayer mit eigenem App-Store.
Die Nutzung von IPTV-Angeboten kann beispielsweise über eine App auf dem Smart-TV oder dem Smartphone oder auch am Computer im Browser erfolgen. Außerdem ist die Nutzung von IPTV-Sticks wie dem Amazon Fire TV Stick, dem waipu.tv Stick oder einer Box wie dem Google TV Streamer möglich, um IPTV-Inhalte zu empfangen. All diese Optionen sind vollkommen legal und haben nichts mit illegalem Streaming zu tun.
Wie unterscheidet sich ein legales von einem illegalen IPTV-Angebot?
Strafbar macht man sich erst, wenn man Sticks mit einer modifizierten Software nutzt, um gezielt auf illegale Streams zuzugreifen, wie uns Rechtsanwalt Christian Solmecke, Experte für Medien-, Internet- und IP-Recht, auf Anfrage mitteilt. „Der bloße Besitz eines solchen präparierten Sticks ist noch keine Straftat. Die aktive Nutzung zum Schauen illegaler Inhalte hingegen stellt eine klare Urheberrechtsverletzung dar“, erklärt er.
Entscheidend ist also nicht der IPTV-Stick selbst, sondern wofür er eingerichtet und genutzt wird. Legale Anbieter machen in der Regel klar erkennbar, wer hinter dem Angebot steht, welche Rechte sie an den Inhalten haben und über welche offiziellen Apps oder Plattformen der Zugang erfolgt. Misstrauisch werden sollte man dagegen, wenn ein Dienst für einen auffällig niedrigen Preis Zugang zu zahlreichen Pay-TV-Sendern, Sportübertragungen oder Streamingdiensten verspricht.
2017 markierte ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) einen wichtigen Wendepunkt bei der Frage nach den rechtlichen Folgen illegaler Streaming-Angebote. Der EuGH entschied, dass auch beim Zugriff auf offensichtlich rechtswidrige Streams urheberrechtlich relevante, flüchtige Kopien auf den Geräten der Nutzer entstehen. Damit wurde die bis dahin verbreitete Annahme revidiert, dass das bloße Ansehen solcher Inhalte rechtlich unproblematisch sei. Seit dem Urteil können sich rechtliche Schritte nicht mehr nur gegen die Betreiber entsprechender Seiten oder Dienste richten, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch gegen Endnutzer.
Rückkehr der Internet-Piraterie: Wie hat sich das illegale Geschäft im Internet entwickelt?
Anfang der 2000er Jahre wurde Online-Piraterie vorwiegend mit illegalen Musikdownloads und Peer-to-Peer-Tauschbörsen verbunden. Über Torrent-Netzwerke ließen sich Musik, Filme und Serien direkt von anderen Nutzern herunterladen. Gleichzeitig wurden die Dateien in vielen Fällen schon während des Downloads wieder an weitere Nutzer verteilt, sodass die Beteiligten nicht nur konsumierten, sondern selbst Teil des Systems wurden.
Von 2008 bis 2011 war kino.to eine der bekanntesten Websites zum illegalen Streamen von Filmen und Serien. Wie die Süddeutsche Zeitung damals berichtete, ging die Dresdener Generalstaatsanwaltschaft vor der Abschaltung 2011 von etwa vier Millionen täglichen Nutzern aus. Das illegale Streaming-Portal konnte nach Razzien und Festnahmen schließlich geschlossen werden, wurde jedoch durch andere illegale Seiten ersetzt, die trotz andauernder Strafverfolgung bis heute erreichbar sind.
Nach Angaben des Netzwerkanalyse-Unternehmens Sandvine spielt klassische Download-Piraterie, etwa über Torrent-Netzwerke oder Filehoster, bei Filmen und Serien heute nur noch eine Nebenrolle. Stattdessen nehmen unlizenzierte Streaming-Angebote, die häufig über IPTV-Sticks oder ähnliche Geräte genutzt werden, zu. Dass illegale IPTV-Angebote an Bedeutung gewinnen, beobachtet auch Sky. Fabian Seitz, Head of Anti-Piracy Intelligence & Investigations DACH bei Sky Deutschland, erklärt auf Anfrage: „Branchenweit beobachten wir, dass illegale IPTV-Angebote weiter an Bedeutung gewinnen und kriminelle Anbieter zunehmend diese Art von Piraterie nutzen.“
Illegale IPTV-Sticks sind ein Milliardengeschäft: Wie groß ist das Problem heute?
Wie groß der Markt für illegale IPTV-Angebote tatsächlich ist, lässt sich nur schwer beziffern, weil die Dienste meist über verschleierte Infrastrukturen, wechselnde Server und internationale Netzwerke betrieben werden. Laut der Agentur der Europäischen Union für justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen (Eurojust) konnten 2024 die Strafverfolgungsbehörden mehrerer Länder ein illegales Streaming-Netzwerk schließen, das über 22 Millionen Kunden weltweit mit illegalen Inhalten versorgte. Die entstandenen Schäden für die Urheberrechtsinhaber wurden auf 10 Milliarden Euro geschätzt.
Laut EUIPO gingen die Zugriffe auf piratierte Inhalte in der EU zwischen 2017 und 2020 deutlich zurück. In den Folgejahren stiegen die Werte jedoch wieder an. Das britische Analyseunternehmen MUSO, das Daten zu digitaler Piraterie auswertet und Anti-Piraterie-Lösungen für Rechteinhaber anbietet, meldete für 2022 weltweit 215 Milliarden Besuche auf Piraterie-Websites, während es 2020 noch 130 Milliarden gewesen waren. Das entspricht einem Anstieg von 65 Prozent. Online-Piraterie ist also nicht verschwunden, sie hat nur die Form gewechselt. Statt einzelner Downloads und niedrig auflösenden Streams gibt es nun illegale Abo-Modelle, die auf den ersten Blick wie reguläre Streaming-Dienste wirken können.
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