Burtenbach/Landkreis Auch wenn Fortschritt und Wohlstand zumindest bei vordergründiger Betrachtung ständig zu wachsen scheinen – so wachsen mit der Veränderung der natürlichen Ressourcen oft auch „Mangelgefühle“ auf der seelischen, geistigen und emotionalen Ebene. „Verarmung im Wohlstand“ nannte das Professor Lothar Zettler von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten, der zur Eröffnung der unter dem Titel „Biodiversität/Artenvielfalt“ stehenden Umweltwoche im Landkreis Günzburg am Montagabend in Burtenbach sprach. Es brauche, so Zettler, gesunde Sinne und Gefühle, um wertzuschätzen, „was wir haben und was wir zu bewahren haben“.
Auch wenn Zettler seine Redezeit in der Burggrafenhalle kräftig überzog, gelang es ihm doch, mit Eloquenz und Allgäuer Witz sein Thema anschaulich zu präsentieren und so die rund 90 Zuhörer zu fesseln. Was hat die von Zettler postulierte „Verarmung im Wohlstand“ mit Artenschutz und Biodiversität zu tun? Zettler gelang der Brückenschlag auf kurzweilige Weise. Während über Millionen von Jahren die Natur die Erdentwicklung geprägt hat, nimmt seit rund 10000 Jahren der Einfluss des Menschen zu, es entstehen „neue Kulturlandschaften durch Menschenhand“. Diese wiederum erfahren Veränderung auch dadurch, dass emotionale, seelische und geistige „Verarmung im Wohlstand“ (Zettler) gern mit einer oft abenteuerlich gestalteten Freizeit in der Natur kompensiert werde.
Eine Zunahme der „Ichlinge“
Auswirkungen des agrarstrukturellen Wandels auf die Natur – Stichworte: „Artenverarmung in größtem Ausmaß“ und „Intensivierung“ der Nutzung von natürlichen Ressourcen – dürften den Zuhörern schon bekannt gewesen sein. Die Energiewende verändere die Natur durch Biogasanlagen, Photovoltaik und Windräder. Und der „Verlust von traditionellen Werten“, den Zettler mit einer Zunahme „der sogenannten Ichlinge“ in Verbindung brachte, trage zur Veränderung der Natur bei. Diese Veränderung fasste der Professor plakativ in Worte: „Dass der Bär auf Wanderwegen neben den Touristen wandert, wundert fast niemanden mehr.“
Auch wenn von solchen Vorfällen im Landkreis Günzburg noch nicht berichtet werden konnte oder musste, so lässt sich sicherlich auch hier beobachten, wie Tiere auf die „immer dichter werdende Welle von Belastungen“ reagieren. So werden manche Kulturflüchter zu Kulturfolgern, beispielsweise Füchse, die menschliche Siedlungen als Lebensraum entdecken, Biber, die in Kläranlagen gesichtet werden, und Fischreiher, die ihre Nahrung teilweise von Fischen auf Mäuse umstellen. Auch die Spezies Mensch, so Zettler, reagiere auf die Veränderung der Umwelt. Krankheiten, Burnout, ein „erschreckend zunehmender Verlust der Sinne“ – all das könnten Anzeichen dafür sein. „Von Kindesbeinen an sind wir überreizt“, sagte er, und nur wenn es gelinge, der Überreizung Einhalt zu gebieten, „können wir einer Abstumpfung unserer Sinne entgehen“. Denn: Ohne gesunde Sinne, Gefühle und Menschenverstand, davon ist der Professor überzeugt, wird es nicht gelingen, die Bedeutung von Biodiversität und Artenvielfalt zu erkennen und zu bewahren. Und immer gilt für Zettler dabei: „Biodiversität und Artenvielfalt sind wie ein Puzzle“: Kein Teil darf fehlen, es wird nie fertig, denn die Natur ist immer in Verwandlung.
Eine kleine Verwandlung könnte nach dem Auftakt zur Umweltwoche 2012 des Landkreises auch in einigen Gärten geschehen: Nach den Vorträgen – die Podiumsdiskussion ließ Moderator Ottmar Frimmel vom Landratsamt wegen der fortgeschrittenen Zeit ausfallen – durften die Gäste Kartoffeln einpacken, alte Sorten mit wohlklingenden Namen wie „Rosa Tannenzäpfle“ oder „Odenwälder Blaue“, die schon bald für eine Bereicherung der Vielfalt in heimischen Gärten sorgen sollen.