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Ichenhausen

06.10.2019

Darum gründen die Jenischen einen Zentralrat

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Sie sind die Gründungsmitglieder des Zentralrats der Jenischen in Deutschland. Das Organ wurde während des Internationalen Kulturfestes der Jenischen in Ichenhausen gegründet.
Bild: Andreas Scheuermann

Plus Rund 500 Menschen, die sich zu den Jenischen zählen, leben im nördlichen Landkreis Günzburg. Beim Internationalen Kulturfest in Ichenhausen erinnern sie an ihre Wurzeln.

Sie leben mitten unter uns und dennoch wissen nur wenige etwas über ihre Geschichte und Kultur. Die Jenischen halten sich bedeckt. Das hat historische Gründe, denn die Jahrhunderte lange Verfolgung, Diskriminierung, Schikane hat sie vorsichtig und misstrauisch gemacht. Viele von ihnen vermeiden es, sich zu „outen“. Ja es kommt sogar vor, dass ein Jenischer den Namen seiner nichtjenischen Frau annimmt, um die Hürden zu umgehen, die eine Gesellschaft Fremden gegenüber aufbaut und die bis in die Vergabe von Arbeitsplätzen oder Wohnungen noch heute hineinwirken.

Jenische leben in ganz Europa

Doch es gibt auch die anderen Jenischen. Die Selbstbewussten, die sich nicht länger verstecken wollen, sondern zu ihrer Kultur und Lebensweise stehen. Die stolz sind auf ihre Traditionen, auf ihre Sprache, die sie noch immer aktiv pflegen, auf ihren unverbrüchlichen Zusammenhalt in den Familiensippen, der sie über Jahrhunderte durch schwere und schwerste Zeiten gebracht hat. Diese Jenischen haben sich am Wochenende zum dritten Internationalen Kulturfest in Ichenhausen getroffen. Sie kamen aus der Schweiz, aus dem Badischen, aus dem Württembergischen und weiteren Teilen Deutschlands und des angrenzenden Auslands. Jenische leben in ganz Europa, sie verbindet eine Sprache, ihre Lebensweise und ihre Freiheitsliebe.

In der Schweiz sind die Jenischen aufgrund dieser Merkmale seit dem Ende den 1980er Jahre als ethnische Minderheit anerkannt. In Deutschland nicht. Mit der Gründung eines Zentralrats der Jenischen in Deutschland, die in geschlossener Versammlung vor dem Festakt stattfand, haben sich die Jenischen in Deutschland am vergangenen Wochenende in Ichenhausen einen Dachverband für ihre verschiedenen Vereine und Organisationen geschaffen. Dieses Organ soll ihnen erlauben, sich durch eine gewählte Spitze vertreten zu lassen und mit einer Stimme zu sprechen, um auf politischer Ebene gehört zu werden.

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Alexander Flügler ist Vorkämpfer der Jenischen Sache

„Vadderle“, so wird Alexander Flügler, der Vorkämpfer der Jenischen Sache in Deutschland intern genannt, hofft, damit nun endlich bei den Behörden darlegen zu können, dass die Jenischen eine eigene Ethnie sind und sich als solche auch so benennen dürfen. Es geht ihnen nicht darum, finanzielle Entschädigungen für die Verbrechen an ihren Vorfahren zu erstreiten,

Alexander Flügler aus Singen ist treibende Kraft der Jenischen im Kampf um die Anerkennung als ethnische Minderheit.

aber es geht darum, Respekt und Achtung zu bekommen, Anerkennung ihrer Kultur, die über Jahrhunderte, ja bis in unsere Tage hinein unterdrückt wurde, Anerkennung der Leiden und Verfolgungen, denen sie in der Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt waren, offizielle Erinnerungsplätze an die jenischen Opfer.

Als Mitglied im europäischen Zentralrat der Jenischen kann der neu gegründete Zentralrat in Deutschland eine Petition mittragen und unterstützen, die dem Europäischen Parlament vorgelegt werden soll. Die Jenischen möchten die europaweite Anerkennung ihres Status als eigene ethnische Minderheit, so wie sie in der Schweiz nach extrem langer und besonders schwerer Unterdrückung, mit Zwangsadoptionen bis Ende der 1970er Jahre, inzwischen durchgesetzt ist.

Durch Kriege wurden die Menschen obdach- und arbeitslos

Der Ursprung der Jenischen ist nicht in einer aus fernen Ländern eingewanderten Volksgruppe auszumachen, wie etwa bei den Sinti und Roma. Doch, so argumentieren die Jenischen, ist dies kein Wesensmerkmal eines Minderheitenvolkes. Der derzeitige Stand der Forschung besagt, die Jenischen haben sich nach Verwüstung, Hungersnot und Pest im Zuge des 30-jährigen Krieges in Mitteleuropa, insbesondere in Schwaben gebildet. Durch Kriegsverwüstungen obdach- und arbeitslos gewordene Menschen schlossen sich zu Gemeinschaften zusammen, zogen durch das Land, wurden, aus der Not geboren, „Fahrende“, die über die Jahrhunderte eine kulturelle Eigenständigkeit entwickelten.

Es gibt aber auch Jenische, die ihren Stammbaum weiter zurückverfolgen können als bis ins 17. Jahrhundert. Flügler hat in der von ihm zusammengestellten Ausstellung im Ichenhauser Museum auch die familiären Wurzeln seiner Frau präsentiert, die bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Die Familie, die Sippe, war und ist für die Jenischen der Mittelpunkt ihres Lebens. Enttäuscht und verraten von der Gesellschaft haben sie sich in diese soziale Kernzelle zurückgezogen. Da ihnen als Nichtsesshafte nur wenige Berufe offen standen, waren sie immer auch auf sich gestellt, am Rande der Gesellschaft, oft am Existenzminimum. Doch nicht alle Jenischen, die ihren Lebensunterhalt als „Fahrende“ verdienten, blieben arm.

Seit Jahrzehnten leben Jenische im Landkreis, über ihre Geschichte und Kultur weiß jedoch kaum jemand etwas. Das Internationale Kulturfest in Ichenhausen sollte einige der Wissenslücken schließen. Zum Beispiel diese: Nicht alle Fahrenden waren arme Leute, wie der luxuriös ausgestattete Wohnwagen von 1910 beweist.
Bild: Gertrud Adlassnig

Ein musealer Wohnwagen von 1910, der zum Kulturfest auf den Schlosshof gebracht worden war, zeigt, dass Wohlstand auch Wohnkultur fördert: eine fahrbare Wohnung mit marmorverkleideten Wänden, mit Küche und Bad.

Viele Jenische üben noch die traditionellen Berufe aus

In das Bewusstsein der Gesellschaft sind die Jenischen als ärmliche Hausierer, Alteisenhändler, Scherenschleifer, Schausteller eingegangen. Broterwerbe, die auch nach der Aufhebung der Standesschranken mit Misstrauen oder zumindest mit Herablassung betrachtet wurden. Viele Jenische üben trotzdem noch immer die traditionellen Berufe aus, sind in der warmen Jahreshälfte unterwegs, im Winter am gemeldeten Standort.

Auch in Ichenhausen, wo sich 1917 Vinzenz Hammerschmidt aus dem Elsass niederließ. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Verlust des Elsass kamen zahlreiche Jenische, Landfahrer genannt, nach Ichenhausen und brachten auch ihren südbadisch-moselfränkischen Zungenschlag mit, der sie über Generationen in Ichenhausen zu Außenseitern machte. Bürgermeister Robert Strobel nannte in seinem Grußwort zum Kulturfest Zahlen: 1939 waren wohl neun Prozent der Bevölkerung in Ichenhausen Jenische, 1968 gab es in Ichenhausen 140 Kinder, deren Eltern fahrende Handelsleute waren.

Heute gehen die Jenischen davon aus, dass rund 500 von ihnen im nördlichen Landkreis wohnen, „aber wir erheben keine Statistiken, wir zählen uns nicht. Niemand muss sich outen.“ Besonders die Alten, so verrät Robin Graf, eines der Mitglieder des neu gegründeten Zentralrats, haben noch immer Angst, sich öffentlich zu ihrer Gruppe zu bekennen. Bei einer Seniorin, die die Ausstellung über das Leben und die Geschichte der Jenischen besuchte, seien sofort wieder Ängste vor Verfolgung und KZ hochgekommen. Man musste die alte Dame beruhigen, doch war es ihr nicht recht, so viel von der eigenen Identität der Öffentlichkeit preisgegeben zu sehen.

Der Eintrag in das Goldene Buch der Stadt auf einer eigens für das Kulturfest gestalteten Seite ehrte die Jenischen aus Ichenhausen und von Auswärts. Links im Bild: Bürgermeister Robert Strobel.
Bild: Gertrud Adlassnig

Bürgermeister Strobel dagegen unterstützt das Ansinnen der Jenischen, aktiv und offen für ihre Anerkennung zu kämpfen. Denn, „seine Wurzeln zu kennen, ist für jeden Menschen wichtig. Wir leiten daraus die Grundwerte für unser Leben ab und sie sind Kompass für unsere kulturelle Orientierung.“

Autor Robert Domes zählt zu den prominenten Gästen

Der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten ist das Maß ihrer Moral, ihrer demokratischen Kraft. Robert Domes, der Autor von „Nebel im August“, der das kurze Leben und Sterben des jungen Ernst Lossa anhand von Krankenakten auf- und verarbeitete, war einer der zahlreichen prominenten Gäste beim Kulturfest. (Lesen Sie dazu auch: Warum musste Ernst Lossa sterben?) Er erläuterte das zentrale Problem der Jenischen: Sie haben in der Verwaltung, in den staatlichen Organen keinen Namen, sie existieren also nicht für sie. Jenische werden in Akten schon vor der NS-Zeit als Landfahrer, wahlweise als Fahrende, als Zigeuner, Assoziale oder gar Berufsverbrecher geführt. Wer nicht existiert, kann auch nicht als Opfer anerkannt werden.

Auch in der Musik haben die Jenischen eigene Traditionen entwickelt.
Bild: Gertrud Adlassnig

Die Stigmatisierung der Jenischen als Outlaws machte es leicht, die Verbrechen an ihnen zu rechtfertigen. Dabei haben, so erfuhren die Gäste des Kulturfestes von Rechtsanwalt Gerhard Zahner, auch die Nationalsozialisten den Volksnamen gekannt und ihn auf gleiche Ebene gesetzt mit Juden und Zigeunern. Also als „Rasse“ kategorisiert, wie medizinische „Forschungen“ an jenischen Kindern belegen. Er rief die Jenischen in Ichenhausen auf, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, um das Trauma der Verfolgung zu überwinden, um Täter, Orte, Taten zu benennen, um Gedenkpunkte zu schaffen.

Und in eine Zukunft zu gehen, in der einem Minderheitenvolk die Anerkennung und der Respekt zuteil wird, die ihm gebührt.

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