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Günzburg

12.12.2020

Der Faktencheck: Stimmen die Behauptungen der Querdenker?

Pandemie oder Lügen? - Wir haben die Behauptungen der Querdenker überprüft.
Bild: Christoph Schmidt/dpa (Symbolbild)

Plus Wie viel Realität steckt hinter den düsteren Behauptungen der Querdenker und Corona-Leugner? Wir haben die am häufigsten genannten Argumente geprüft.

Jede Woche ziehen die sogenannten Querdenker in einer Demonstration durch verschiedene Orte im Landkreis Günzburg, um ihre Ablehnung gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie kundzutun. Via Megafon verbreiten sie dabei Behauptungen, die Beweise gegen die Existenz des Virus liefern sollen. Wir haben nachgeforscht und die Aussagen überprüft. Was ist wahr – und was einfach erfunden?

Behauptung: „Corona ist genauso schlimm wie eine Grippe.“

Klinischer Direktor Dr. Ulrich Kugelmann der Kreiskliniken Günzburg-Krumbach.
Bild: Kreiskliniken

Bei einer gemeinsamen Studie des Institute for Applied Healthcare Research Berlin und der Frank Anderson Consulting and Research Services Berlin beobachtete man 2343 Covid-19- und 6762 Influenza-Patienten.

21 Prozent der Corona-Patienten kamen auf die Intensivstation (13 Prozent der Influenza-Patienten), 15 Prozent wurden beatmet (neun Prozent der Influenza-Patienten) und bei 28 Prozent nahm die Krankheit einen schweren Verlauf (16 Prozent der Influenza-Patienten). Insgesamt starben 14 Prozent der Covid-19-Patienten, bei den Influenza-Patienten lag die Sterberate bei weniger als der Hälfte, nämlich bei sechs Prozent.

Der Chefarzt für Gefäß- und Endovaskularchirurgie und Ärztlicher Direktor der Kreiskliniken Günzburg-Krumbach, Dr. Ulrich Kugelmann, schreibt dazu auf eine Anfrage unserer Zeitung: „Wer einmal gesehen hat, wie schnell sich ein Covid-19-Patient mit der Lungenfunktion verschlechtern kann und dann längere Zeit auf der Intensivstation beatmet werden muss und wie langwierig eine Entwöhnung von der Beatmung und wie belastend Begleitsymptome sein können, wird den Vergleich mit einer Grippe nicht mehr aufstellen.“

Behauptung: „Der Impfstoff gegen Covid-19 macht Frauen unfruchtbar.“

Die Antikörper, die sich durch die Impfung entwickeln, sollen die Spike-Proteine des Coronavirus bekämpfen. Diese Proteine sollen angeblich denjenigen, die bei Frauen für die Ausbildung der Plazenta zuständig sind, ähneln, sodass diese ebenfalls bekämpft und die Frau dadurch unfruchtbar gemacht werde.

Laut Tagesschau wurde dieses Gerücht von der Vorgehensweise in der Testphase des Impfstoffs genährt. Probandinnen von Genimpfstoffstudien müssen nämlich erklären, dass sie nicht schwanger sind und während der Testphase verhüten. Das sei aber die normale Vorgehensweise, wie Dr. Birgit Seybold-Kellner, Chefärztin der Gynäkologischen Abteilung der Kreisklinik Günzburg, auf Anfrage erklärt. „In der Phase drei von klinischen Studien kann es eben nur eine gewisse Sicherheit geben – das hat aber nichts mit konkreten Befürchtungen zu tun.“

Chefärztin der Gynäkologie an der Kreisklinik Günzburg, Dr. Birgit Seybold-Kellner.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Von der Behauptung, der Impfstoff mache unfruchtbar, höre sie zum ersten Mal. Weder gebe es fachliche Literatur oder Studien, die die These untermauern und auf eine solche Gefährdung hinweisen würden, noch sei vom Fachverband der Frauenärzte ein sogenannter Rote-Hand-Brief herausgegeben worden – in Rote-Hand-Briefen informieren pharmazeutische Unternehmen unter anderem über Arzneimittelrisiken.

Behauptung: „Die Pandemie war geplant.“

Als Beweis für diese These führen die Querdenker das sogenannte „Event 201“ an, das am 18. Oktober 2019 stattfand. Gemeinsam simulierten die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und das Johns-Hopkins-Center for Health Security in einer dreieinhalbstündigen Übung eine weltweite Influenza-Pandemie.

Beginn der Übungspandemie war die Übertragung eines Influenzavirus in Brasilien von Fledermäusen auf Schweine und von Schweinen auf Menschen – besonders nach der Schweine- und der Vogelgrippe ist die Übertragung von Tieren auf Menschen eine nahe liegende Annahme. Einzusehen ist das komplette Experiment unter centerforhealthsecurity.org/event201. Dass dieses Event kurz vor Beginn der Corona-Pandemie stattfand, sehen viele Querdenker als Beweis dafür, dass die Pandemie geplant oder gefälscht sei.

Fakt ist jedoch, dass mögliche Katastrophenszenarien regelmäßig geprobt werden, um im Ernstfall vorbereitet zu sein. So finden auch in Deutschland im Zwei-Jahres-Turnus sogenannte Lükex, Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübungen, statt.

Im Jahr 2007 gab es eine Lükex mit dem Übungsthema „weltweite Influenza-Pandemie“ – zwei Jahre vor Auftritt der Schweinegrippe. Zufall? Vermutlich nicht. Schließlich infizierten sich knapp ein Jahr vor der Übung erstmals Säugetiere in Deutschland mit der Vogelgrippe H5N1, an der laut Statista bis heute weltweit mehr als 450 Menschen gestorben sind. Die Lükex-Historie ist auf der Website des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe einzusehen.

Behauptung: „Die PCR-Tests sind nicht zugelassen und haben eine Fehlerquote von 97 Prozent.“

Dazu schreibt Ärztlicher Direktor Kugelmann: „Natürlich sind PCR-Tests zugelassen und werden auch in anderen Bereichen der Labordiagnostik tagtäglich mit hoher Zuverlässigkeit angewendet.“ PCR steht für Polymerase-Chain-Reaction. Mit den Tests werde das Erbgut des Coronavirus nachgewiesen, sie seien also ein direkter Erregernachweis. „Der PCR-Test hat eine wünschenswert hohe Genauigkeit, die deutlich über den Kennzahlen vieler anderer Labortests liegt, auf die wir uns in der medizinischen Diagnostik täglich verlassen.“

Die Sensitivität und Spezifität liege zwischen 95 und 97 Prozent – anders als bei den Schnelltests, die deutlich weniger zuverlässig seien. Laborleistungstests der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien stützen diese Aussage: Bei sechs von sieben Kontrollproben im April lag die Erfolgsquote der Testergebnisse zwischen 97,8 und 99,7 Prozent, lediglich bei einer lag die Quote bei 93 Prozent.

Behauptung: „Wer eine Maske trägt, atmet das zuvor ausgeatmete Kohlendioxid wieder ein.“

„Kohlendioxid ist ein Gas und bleibt nicht im Stoff oder im Maskenmaterial hängen“, betont Kugelmann. Zudem sei das normale Atemvolumen nicht so klein, dass es zwischen Gesicht und Mundschutz Platz habe. „Im medizinischen Bereich werden aktuell praktisch ganztägig Masken getragen, ohne dass Ärzte oder Pflegekräfte mental oder körperlich eingeschränkt sind.“ Natürlich müssten die Masken hygienisch einwandfrei gehandhabt und regelmäßig gewechselt werden.

Auch das Argument, die Masken seien schädlich für Kinder, lässt Kugelmann nicht gelten: „Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hält es auch längerfristig für zumut- und umsetzbar, wenn Kinder ab dem Grundschulalter im öffentlichen Raum eine Maske tragen.“ Auch die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hat zu dieser Thematik auf ihrer Website mit Verweisen auf verschiedene Studien Stellung bezogen.

Behauptung: „Der Ct-Wert kann das Vorhandensein einer Infektion nicht mit Sicherheit bestätigen.“

Der Ct-Wert sagt aus, wie oft eine für einen PCR-Test entnommene Probe für den Nachweis einer Infektion im Labor vervielfältigt wurde. Je höher der Ct-Wert, desto häufiger wurde die Probe vervielfältigt und desto geringer ist die Viruskonzentration in der Probe.

Es werde häufig diskutiert, die Infektiosität mittels des Ct-Werts einzuschätzen, bestätigt Kugelmann. Die Idee an sich komme aus der Viruslast-Bestimmung bei chronischen Infektionserkrankungen wie HIV oder Hepatitis C. „Da wird aber Blutplasma als Probenmaterial genutzt, in dem die Viruskonzentration sehr konstant ist. Beim PCR-Test wird virales Erbgut aus einem Oberflächenabstrich nachgewiesen.“

Ein hoher Ct-Wert könne einerseits darauf hinweisen, dass die Infektion abklinge, andererseits aber auch darauf, dass das Virus bereits vom Rachenbereich in die Lunge gewandert sei. Und zu guter Letzt könne es auch sein, dass der Abstrich nicht richtig durchgeführt und zu wenig Virenmaterial entnommen worden sei. „Schlimmstenfalls könnte man also bei nicht korrekt durchgeführtem Abstrich auf diese Weise ansteckende Patienten als nicht infektiös oder sogar als virenfrei ansehen.“

Letztlich sei der Ct-Wert nur ein Mosaikstein in der Diagnostik und Einschätzung von Covid-19-Patienten und könne nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit angeben, ob ein Patient nicht infektiös sei.

Behauptung: „Seit Corona gibt es keine Grippe mehr.“

Tatsächlich hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Instituts im Vergleich zur Vorsaison einen deutlichen Rückgang an Fällen von akuten Atemwegserkrankungen festgestellt, wie aus den wöchentlichen Berichten hervorgeht.

Verwunderlich sei das laut Kugelmann nicht. „Die aktuellen Schutzmaßnahmen werden häufiger und konsequenter durchgeführt und beugen Tröpfcheninfektionen und damit der Verbreitung von Influenza vor.“

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