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Kreis Günzburg

16.06.2017

„Ein Gespür für den Mantel der Geschichte“

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Staatsbesuch in Günzburg am 4. April 1989 (von links): Landrat Georg Simnacher, der französische Staatspräsident Francois Mitterrand, Günzburgs Oberbürgermeister Rudolf Köppler (dahinter, zweite Reihe), Bundeskanzler Helmut Kohl und Theo Waigel, der gut zwei Wochen später Bundesfinanzminister wurde.
Bild: Fred Schöllhorn

Helmut Kohl ist tot. Wenige Monate bevor die deutsch-deutsche Grenze durchlässig wurde, kam der Kanzler mit Frankreichs Staatspräsident nach Günzburg. Theo Waigel erinnert sich.

Das hatten die Günzburger so noch nicht gesehen: Ein deutscher Bundeskanzler, der ein gutes Jahr später zum „Kanzler der Einheit“ werden sollte und ein französischer Staatspräsident schlendern über den Marktplatz der Stadt. Wobei – von Schlendern kann eigentlich keine Rede ein. Denn der Andrang war ungeheuerlich an diesem 4. April 1989. Viele wollten einen Blick von dem 1,93 Meter großen und Raum füllenden Helmut Kohl erhaschen und vom mächtigsten Mann Frankreichs, Francois Mitterrand. Die Beiden waren ein ziemlich ungleiches Paar – und das war nicht nur auf die unterschiedliche Körpergröße bezogen. Mitterrand war sichtbar zurückhaltender als sein Gastgeber – und er war von der falschen Fraktion. Doch der französische Sozialist und der deutsche Christdemokrat entwickelten eine persönliche Freundschaft, die verschiedene politische Einstellungen kraftvoll überwand.

Warum nun der Besuch in Günzburg vor 28 Jahren? Das erklärt einer, der es wissen muss: „Das war wohl eine Geste mir gegenüber“, sagt der frühere Finanzminister Theo Waigel am Freitagabend im Gespräch mit der Günzburger Zeitung. Seit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag 1963 treffen sich maßgebliche deutsche und französische Politiker regelmäßig. Waigel hatte Kohl die Reisensburg als Konferenzort vorgeschlagen.

Mitterrand begleicht Napoleons Schuld

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Der französische Präsident kam auch als Schuldner nach Günzburg. Denn im Jahr 1805 hatte einer seiner Vorgänger, Napoleon, im Günzburger Schloss Quartier genommen und keine Lust, dafür zu bezahlen. 463 Gulden seien seinerzeit aufgelaufen, erzählte der damalige Günzburger Oberbürgermeister Rudolf Köppler. Heute wären das immerhin rund 8000 Euro. Mitterrand zahlte die Zeche mit einer Goldmünze, die anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Französischen Revolution geprägt worden war. „Ich denke, sie stellt den Wert dar, die Napoleon nicht beglichen hat“, sagte er – und setzte hinzu: „Ich werde das aber noch nachrechnen lassen.“

Theo Waigel hatte ab diesem 4. April 1989 viel nachzudenken. „Auf dem Flug von Bonn nach Leipheim hat mir Helmut Kohl das Amt des Finanzministers angeboten.“ Zweieinhalb Wochen später wurde der Bub aus Oberrohr der Nachfolger Gerhard Stoltenbergs und gehörte drei Kohl-Kabinetten an – bis 1998.

„Treue, Verlässlichkeit und Standhaftigkeit“ nennt Waigel als herausragende Eigenschaften des am Freitag verstorbenen Altkanzlers. „Und ein Gespür für den Mantel der Geschichte.“ Die „starke menschliche Komponente“ Kohls habe eine wichtige Rolle bei der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gespielt. Er habe George Bush, Michail Gorbatschow und die europäischen Verbündeten durch seine Art überzeugen können. „Das haben viele, die sich klüger dünken, ihm nicht zugetraut“, sagt der CSU-Ehrenvorsitzende.

Da schauen sich zwei wahre Freunde tief in die Augen

Helmut Kohl und Theo Waigel waren weit mehr als politische Weggefährten. Als sich Waigel 2002 aus der aktiven Politik zurückzog, dankte ihm der Altkanzler für seine Leistungen in Krumbach. Das Zelt vom Volksfest stand noch. Aber so voll war es während der Festtage wohl nie. Die Leute auf den Bierbänken wussten: Da oben schauen sich zwei wahre Freunde tief in die Augen – und vielleicht bildete sich da gerade irgendwo ein Tränchen.

Kohl und Waigel ließen den Kontakt nicht abreißen. Seinen 84. Geburtstag feierte der Kanzler der Einheit, der auf Reha am Tegernsee war, mit seiner Frau Maike Kohl-Richter, bei den Waigels in Seeg (Ostallgäu). Dreimal habe Helmut Kohl das Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg besucht. Ihm seien die Menschen wichtig gewesen – gerade auch die, die es nicht leicht im Leben hatten, sagt Waigel. Leicht waren auch die durch Krankheit geprägten letzten Jahre Kohls nicht. Theo Waigel war vom Tod seines Freundes nicht wirklich überrascht. Kohls Frau hatte vor einigen Tagen angerufen und mitgeteilt, dass es nicht gut um den 87-Jährigen steht.

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