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Landkreis Günzburg

15.06.2019

So steht es um den Frauenfußball im Landkreis Günzburg

Dieses Team ist etwas besonderes: Es ist die erste Mädchenmannschaft des SV Aletshausen. Trainiert wird sie von Pascal Reinert und Marina Dirnagel. Das Ziel: Irgendwann daraus eine Damenmannschaft zu machen.

Frauenfußball bekommt durch die WM große Aufmerksamkeit. Die Basis aber hat Sorgen. Das sagen Funktionäre, Trainer und Spielerinnen über Probleme, aber auch Chancen.

Aktuell erfährt der Frauenfußball durch die Weltmeisterschaft in Frankreich viel Aufmerksamkeit. Die deutsche Nationalmannschaft steht nach zwei knappen Siegen gegen China und Spanien schon im Achtelfinale und gilt als einer der Titelfavoriten. An der Basis aber plagen die Fußballerinnen Sorgen: fehlender Nachwuchs, wenige Zuschauer, kaum öffentliches Interesse, Probleme bei der Trainersuche. Auch im Landkreis Günzburg? Eine Bestandsaufnahme.

Einer der Vorzeigevereine im Landkreis Günzburg ist der Bezirksligist SV Wattenweiler. Während die Männer vor zwei Jahren eine Spielgemeinschaft mit der SpVgg Ellzee eingingen, um zu überleben, erzählt SVW-Damentrainer Christoph Dizenta nicht ohne Stolz: „Wir sind im Umkreis der einzige Verein, der seit Jahren konstant eine U17 im Spielbetrieb hat.“ Die B-Jugend ist die höchste Nachwuchs-Altersklasse im Mädchenfußball. Diesen Erfolg verdankt der SV Wattenweiler jahrzehntelanger, konsequenter Nachwuchsarbeit. Aus einem Umkreis von etwa 20 Kilometern kommen die Mädchen in den Neuburger Ortsteil. „Wir können ihnen garantieren, dass sie spielen“, sagt Dizenta. Denn immer, wenn genügend Nachwuchsspielerinnen aus der U17 aufrücken, meldet Wattenweiler eine zweite Mannschaft bei den Frauen – so auch in der kommenden Saison. Knapp 30 Spielerinnen könne der Verein derzeit aufbieten.

Christoph Dizenta ist Trainer beim SV Wattenweiler.
Bild: Ernst Mayer

Der Aufwand dafür ist aber hoch. „Wir haben einfach seit vielen Jahren brutal engagierte Leute im Verein. Damit meine ich nicht nur ein gutes Trainerteam, sondern auch welche, die was mit den Mädels unternehmen, Ausflüge machen, Feiern organisieren – einfach ihre Zeit dafür opfern“, so Dizenta.

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Der Bayerische Fußballverband tut viel für den Frauenfußball

Das kann Stefan Keller nur unterschreiben. Der auch im Männer-Bereich erfahrene Trainer des Bezirksligisten DJK Breitenthal hat gelernt: „Frauen sagen dem Fußball früher Tschüss als Männer“, wenn es um sich ändernde Lebensmittelpunkte wie Familiengründungen gehe. Lösungsansätze sieht Keller demnach ausschließlich am jüngeren Ende der Altersstruktur und hier im Stilmittel der wesentlich konsequenteren Nachwuchsarbeit. Während er den Nachbarn SV Wattenweiler in dieser Hinsicht ein „Paradebeispiel“ mit „Zulauf ohne Ende“ nennt, sieht er andernorts vieles im Argen. Das beginne damit, dass „der Stellenwert des Frauenfußballs vereinsintern oft nicht so hoch ist, dass man unbedingt eine Mädchenmannschaft gründen möchte.“

Stefan Keller ist Trainer bei der DJK Breitenthal.
Bild: Ernst Mayer

Überhaupt sieht Keller das Entwicklungsproblem klar an der Basis, an der Arbeit vor Ort. Der Bayerische Fußballverband (BFV) bewerbe aktiv Programme und Modelle, „aber man muss es auch tun. Es ist schwierig, da jemanden zu finden. Und wenn dann ein Kümmerer irgendwann wegfällt, stirbt das Ganze meistens.“ Für Keller ist sonnenklar, dass man Aufbauleistungen im Mädchen- und Frauenfußball mit mehr Herzblut angehen muss als bei den Jungs. Dagegen seien die Mädels „oft dankbarer, dass sich einer mit ihnen beschäftigt.“

Aletshausen will eine Damenmannschaft aufbauen

Das hat man auch beim SV Aletshausen festgestellt. Der hat für die kommende Saison erstmals ein U13-Mädchenteam gemeldet – ein Erfolg dank eines vom BFV geförderten Programms. Vor anderthalb Jahren bewarb sich der SVA bei „Balbina kickt“ und bot Schnuppertrainingseinheiten für fußballinteressierte Mädchen an. „Wir hatten schnell einen Stamm von ungefähr zwölf Mädels zusammen. Eigentlich war bei dem Projekt ein Training alle zwei Wochen vorgesehen. Die wollten aber zwei Mal pro Woche“, erzählt Abteilungsleiter Martin Veitleder. Auch wenn die Mädchen mit unter zehn Jahren teilweise noch viel zu jung für die U13 seien, könne man beobachten, wie angenehm es für sie sei, mit und vor allem gegen andere Mädchen zu spielen. Irgendwann eine eigene Damenmannschaft zu stellen, ist das Ziel der Aletshauser. „Das Interesse ist da, wir setzen voll auf die Jugend. Man muss es bloß machen. Das muss aber aus dem Verein heraus kommen“, sagt Veitleder.

Ein solcher Nachwuchsplan fehlt aktuell in Burgau. Als „schwierig“ bezeichnet Jannika März die momentane Situation. Die Rechtsverteidigerin des amtierenden Bezirksliga-Meisters TSV Burgau sieht den Grund vor allem im fehlenden Unterbau. Ihr Verein besitzt, wie viele andere, kein eigenes Juniorinnen-Team und „Mädchen, die in Nachwuchsmannschaften anderer Vereine spielen, neigen dazu, dann auch als Frauen dort zu bleiben“, berichtet die 22-Jährige.

Jannika März spielt beim TSV Burgau.
Bild: Ernst Mayer

Der TSV Burgau sucht dringend Spielerinnen

Dabei sind die Burgauer aufgrund ihres kleinen Kaders durchaus auf der Suche nach neuen Spielerinnen. „Mit 16 Leuten wird’s in der Bezirksoberliga happig“, blickt März einige Wochen voraus. Neuzugänge, die sich schnell als wirklich qualifizierte Unterstützung entpuppen, stehen nach ihren Erfahrungen nicht gerade Schlange. Im Erwachsenenbereich und auf dem in Burgau erreichten Niveau bräuchte man „Mädels, die von klein auf spielen. Neulinge, die es einfach mal mit Fußball probieren wollen, bleiben meistens nicht dabei“, bemerkt die Abwehrspezialistin. Beim TSV setze man sich ambitionierte sportliche Ziele. Deshalb kämen Spätberufene in Sachen Einsatzzeiten auch häufig zu kurz. „Die sitzen dann auf der Bank und haben irgendwann keine Lust mehr – was ich auch verstehe.“

Wichtig ist März, dass die Gemeinschaft auch außerhalb der Kabine funktioniert. Am Mittwoch verfolgten die Burgauerinnen gemeinsam das WM-Vorrundenspiel des deutschen Teams gegen Spanien – mit etwas gemischten Gefühlen, wie die 22-Jährige einräumt, denn „das war leider noch nicht finalwürdig“. Grundsätzlich findet sie die Bundesauswahl „ganz cool, weil viele junge Spielerinnen dabei sind. Ich bleibe auch positiv und denke, das Halbfinale ist auf jeden Fall drin. Aber dafür müssen wir schon noch was drauflegen.“

Wichtig ist, dass der Verein hinter der Sache steht

Das muss vermutlich auch der Frauenfußball in der Region, wenn er eine Zukunft haben möchte. Denn Stillstand ist Rückschritt und macht die Sache für junge Mädchen nicht unbedingt attraktiver. Mit dem Finger Richtung Verband zu zeigen, hilft nicht; aus dieser Richtung wird schon viel versucht. Doch „das Interesse an den Projekten ist in Schwaben gemischt“, sagt Karin Weber, die Vorsitzende des Frauen- und Mädchenausschusses im Fußball-Bezirk. Das habe auch mit dem sich ändernden Freizeitverhalten von Jugendlichen zu tun, betont sie. „Man möchte sich nicht mehr so binden.“ Letztlich führten viele Faktoren zu einer sinkenden Zahl an Frauenfußball-Standorten und, damit verbunden, oft sehr weiten Fahrten im Spielbetrieb. Doch es gebe auch Mut machende Beispiele. Weber: „Wo eine gute Struktur ist, eine gute Mannschaft, ein guter Trainer und ein guter Verein sind, sind alle mit unglaublich viel Ehrgeiz und Energie dabei.“

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Der Fußball wird nicht nur bei den Frauen Mitglieder verlieren

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