Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Schwaben kritisiert „unhaltbare Arbeitsbedingungen“ an Rastanlagen der Betreiberfirma Tank & Rast in der Region. Das Unternehmen übe inzwischen einen enormen Druck auf die Beschäftigten aus. Zu der Firma gehören im Landkreis Günzburg die beiden Rastanlagen Leipheim und Burgauer See. Während erstere von Tank&Rast als eine der wenigen in Deutschland noch selbst betrieben werde, kümmert sich um die zweite eine Pächterin.
„Die Mitarbeiter müssen sich nach jedem Lebensmittel-Kontakt über 30 Sekunden die Hände waschen, trocknen und desinfizieren, während schon die nächsten Kunden an der Kasse warten“, erklärt Gewerkschafter Tim Lubecki in einer Mitteilung vom Montag. Wer die Vorgaben nicht schaffe, müsse mit Abmahnungen oder mit der Kündigung rechnen. In Leipheim habe es bereits Abmahnungen gegeben.
Recherchen der RTL-Sendung „Team Wallraff“ hätten bundesweit Missstände bei Tank&Rast aufgedeckt. Die Firma betreibe fast alle Raststätten an deutschen Autobahnen, ein Großteil wird von privaten Pächtern geführt. Als Reaktion auf die Berichte habe die Firma insbesondere den Eigenbetrieben per Dienstanweisung neue Vorgaben gemacht, erklärt Lubecki. Danach sollen Hygiene und Qualität verbessert werden – „jedoch ausschließlich zulasten der Beschäftigten“, wie die NGG bemängelt. „Natürlich ist es gut, wenn Tank&Rast auf mehr Qualität setzt. Es kann aber nicht sein, dass in den Betrieben jetzt ein Klima der Angst verbreitet wird.“
Die Beschäftigten verdienten kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn und müssten nun „auch noch für Management-Fehler büßen“. Das Unternehmen sei trotz seiner Monopol-Stellung in finanziellen Schwierigkeiten und laut Presseberichten mit 2,1 Milliarden Euro verschuldet. Seit der Privatisierung der Rasthöfe im Jahr 1998 seien immer neue Firmen eingestiegen und hätten Rückstände auf den Raststätten-Betreiber abgewälzt.
Die Privatisierung sei ein großer Fehler gewesen
An den Zuständen zeige sich, dass die Privatisierung ein großer Fehler gewesen sei, ist die NGG Schwaben überzeugt. Denn wegen ihres öffentlichen Versorgungsauftrags schieße der Staat laufend Geld zu. So könne Tank&Rast faktisch nicht pleitegehen. „Die Zeche zahlen letztlich die Autofahrer, die für jeden Toilettengang zur Kasse gebeten werden.“
Die Gewerkschaft fordert das Unternehmen auf, die Einschüchterungen gegen die Mitarbeiter zurückzunehmen. Der beste Weg zu mehr Service und Qualität sei es, mehr Personal einzustellen, betont Lubecki. Tank&Rast tue sich jedoch schwer, überhaupt noch Mitarbeiter zu finden, „weil die Firma trotz gepfefferter Preise bei Benzin, Diesel und Kaffee nur Niedriglöhne zahlt“. Auch die Politik solle aus der Privatisierung lernen und den Fehler im Blick auf die aktuelle Debatte um die Zukunft der Autobahnen nicht wiederholen.
Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar
Bei den Rastanlagen in Leipheim und Burgau wurde am Montag darauf verwiesen, keine Auskünfte dazu geben zu dürfen. Dafür sei die Zentrale von Tank&Rast in Bonn zuständig. In deren Auftrag antwortet Lutz Golsch von FTI Consulting auf die Anfrage unserer Zeitung. Die Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar. „Die Standards entsprechen Vorgaben, die auf gesetzlichen Regelungen beruhen und die entweder behördlich gefordert oder in der Systemgastronomie weithin üblich sind“, betont er.
Die NGG habe die Vorgabe auch missverständlich zusammengefasst: Mitarbeiter müssten nicht nach jedem einzelnen Arbeitsschritt die Hände reinigen und desinfizieren. Tank&Rast habe auch keine Anzeichen, dass zur Einhaltung dieser Qualitätsstandards „übermäßiger Druck auf Mitarbeiter“ von den Pächtern ausgeübt werde. Das gelte auch für selbst geführte Betriebe. Es gebe zudem keine Probleme, Mitarbeiter zu gewinnen. Außerdem habe Tank&Rast keine Monopolstellung, sondern stehe im Wettbewerb, und keine finanziellen Schwierigkeiten, sodass der Staat kein Geld zuschießen müsse. Ebenfalls sei die Privatisierung ein Erfolg. cki, zg