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Gundremmingen

25.08.2018

Wie man ein Atomkraftwerk in seine Einzelteile zerlegt

Das AKW Mülheim-Kärlich ist seit 30 Jahren stillgelegt. Jetzt wird der Kühlturm nach und nach abgebaut.
Bild: Thomas Frey, dpa

Seit 30 Jahren ist das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich vom Netz. Jetzt wird es endlich abgerissen. In Gundremmingen blickt man schon mal gespannt an den Rhein.

So ein Kühlturm ist eine Landmarke, ein Orientierungspunkt, für manche vielleicht ein Wahrzeichen. In jedem Fall ist er für die Gegend, in der er steht, besonders. Wer unterwegs war und ihn auf dem Rückweg sieht, weiß: Bald bin ich daheim. Das erzählen viele, denen die Kühltürme des Atomkraftwerks (AKW) in Gundremmingen im Kreis Günzburg vertraut sind. Und das ist bei den Menschen rund um Mülheim-Kärlich nicht anders.

Der örtlichen Rhein-Zeitung schrieben viele Bürger, dass sie den Abriss des Turms bedauern, während andere froh sind, dass er wegkommt. Auch Joachim fasziniert die Anlage. Der Mann – mittleres Alter, gestreiftes T-Shirt, lange, graue Haare – ist früher oft mit dem Zug daran vorbeigefahren, mit Atomenergie aber konnte er nichts anfangen. Heute steht er am Zaun und schaut sich das Kraftwerk von außen an. „Rein darf ich ja nicht“, sagt Joachim. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Nur so viel: Für eine Ausstellung im nahen Koblenz, die sich um Industriedenkmäler und -ruinen dreht, macht er Fotos. Jetzt steigt er auf die Trittleiter, die er mitgebracht hat, nimmt die Kamera und drückt ab. Gerne würde er auch dokumentieren, was im Innern übrig ist von dem AKW in Rheinland-Pfalz, das nur kurz am Netz war: Am 1. März 1986 ging es in Betrieb, am 9. September 1988 war Schluss.

Ein Foto zum Abschied. Joachim sagt: „Rein darf ich ja nicht.“
Bild: Christian Kirstges

Die Menschen in der Region können zusehen, wie hier alles Stück für Stück weniger wird. Während man in Gundremmingen wartet, dass endlich mit dem Rückbau von Block B begonnen werden kann, ist der Abriss der Anlage am Rhein bereits weit fortgeschritten. Hier lässt sich beobachten, wie auch das von Atomkraftgegnern verhasste und von Kernenergiebefürwortern geschätzte Kraftwerk an der Donau verschwinden könnte.

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Ein Rentner klagte, das AKW musste nach zwei Jahren vom Netz

Umstritten war der Meiler in Mülheim-Kärlich vor und während des Baus nicht zuletzt wegen der Lage im Neuwieder Becken, in dem immer mal wieder die Erde bebt. Um diese Gefahr zu senken, wurde das Reaktorgebäude 70 Meter vom eigentlich geplanten Standort entfernt gebaut – ohne ein neues Genehmigungsverfahren. Das Bundesverwaltungsgericht verfügte dann nach der Klage eines Rentners an jenem 9. September 1988: Das Kraftwerk muss vom Netz. Die erste Teilgenehmigung hatte Mängel. Der juristische Streit ging noch Jahre weiter, bis das Bundesverwaltungsgericht 1998 die Aufhebung endgültig bestätigte. Die Anlage wurde über die Zeit betriebsbereit gehalten, am 14. Juni 2000 schlossen der Betreiber RWE und die Bundesregierung dann schließlich die Vereinbarung zur endgültigen Stilllegung und zum Abbau. Seit Sommer 2004 läuft er nun bereits.

So nah am Zaun zu stehen, wie Joachim es heute tut, hätte er sich früher nicht getraut. Der Werkschutz hatte mit den Kameras alles im Blick, Detektoren meldeten verdächtige Bewegungen. Inzwischen ist aber bereits ein Teil des Areals frei von Gebäuden, die Sicherheitsvorkehrungen sind nicht mehr die eines aktiven Kraftwerks. „Das Interesse an der Anlage ist in der Region erloschen“, erzählt er. „Widerstand gab es ja nur, als sie noch lief.“ Seither lebt man eben neben einem Kraftwerk, das irgendwann einmal weg sein wird. Der Kühlturm errege aber noch Aufmerksamkeit.

Jetzt knabbert ein Roboter den Beton Stück für Stück ab

Das sagt auch Dagmar Butz, die Pressesprecherin am Standort. Dass sich der Rückbau des Turms, der eigentlich längst verschwunden sein sollte, um Jahre verzögerte, verfolgten viele Menschen. Anfang Juni war es so weit, der eigens entwickelte Abrissroboter konnte loslegen. Wegen der Nähe zur Bahnlinie und zum Reaktorgebäude kam Sprengen nicht infrage, es wurde eine Maschine konzipiert, die den Beton „abknabbert“. Gut vier Wochen stand sie noch still, da „die Räder verkanteten und der Antrieb zu schwach war“. Anfang Juli war auch das Problem gelöst, der ferngesteuerte Roboter ging wieder an die Arbeit.

Von der Stilllegung bis zum genehmigten Abbauantrag vergingen vier Jahre. In Gundremmingen, wo ebenfalls RWE das Sagen hat, will man so lange nicht warten müssen. Eigentlich hatte man zu Silvester 2017 mit der Genehmigung gerechnet, als Block B vom Netz ging. Doch das bayerische Umweltministerium prüft noch immer. „Die zusammenfassende Darstellung der Umweltverträglichkeitsprüfung sowie die Erstellung des Genehmigungsbescheids sind noch nicht abgeschlossen“, antwortet eine Sprecherin auf die Frage nach der Dauer.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind deutlich niedriger. Diese Schleuse ist nun dauerhaft geöffnet.
Bild: Christian Kirstges

Dass die Genehmigung noch nicht da ist, findet RWE-Sprecher Jan Peter Cirkel unproblematisch. Es gebe genug vorzubereiten. „Außerdem haben wir noch einen aktiven Block“, die Arbeit gehe nicht aus. Auch der Anlagenleiter in Mülheim-Kärlich, Thomas Volmar, weiß aus Erfahrung: „Das hält einen nicht auf.“ Bloß irgendwann gebe es doch eine kritische Grenze. Wo die in Gundremmingen liegt? Das vermag Cirkel noch nicht zu sagen. Was heißt das für die Mitarbeiter? Verunsichert sei die Belegschaft nicht, es gebe eine positive Stimmung, meint Betriebsratschefin Elke Blumenau. Da die Mitarbeiterzahl „sukzessive und sozialverträglich“ verringert werde, müsse sich keiner sorgen, dass seine Stelle plötzlich weg ist. Derzeit sind hier 560 Leute tätig, es waren einmal mehr als 800.

Am Rhein wird der Rückbau noch bis Mitte des nächsten Jahrzehnts dauern, der Kühlturm soll bereits Ende des Jahres weg sein. Nur ein Teil des Geländes unterliegt noch dem Atomgesetz, das meiste könnte anderweitig genutzt werden. Einige Hallen müssen nicht abgerissen werden, eine Kranfirma sei interessiert, sie zu nutzen. Auch ein Hersteller für Maschinen der Oberflächenveredelung will sich ansiedeln, der Kaufvertrag für das frühere Betriebssportgelände ist perfekt. Aus dem Wunsch eines Künstlers, den Kühlturm zu kaufen, wurde nichts – ebenso wie aus dem Plan einer Recyclingfirma, den Großteil des Geländes zu übernehmen. Dabei hatte sie einen Kaufvertrag geschlossen, trat aber überraschend zurück, weil es keinen rechtskräftigen Bebauungsplan gegeben habe.

„Atomkraft - Ja bitte!“ steht auf einem alten Aufkleber

In Gundremmingen ist noch ungewiss, was aus dem Gelände wird. Nebenan würde RWE gerne ein Reservekraftwerk bauen, um das Netz stabil zu halten. Ähnliche Pläne gibt es allerdings auch von anderen Firmen in anderen Orten der Region. Wohl im April 2019 will die zuständige Stelle entscheiden, wo in Deutschland was realisiert wird.

In Mülheim-Kärlich ist das Reaktorgebäude von Baustellenbeleuchtung, kahlen Wänden mit Lageplänen und offenen Schleusen geprägt. Im Gegensatz zu Arbeitern müssen sich Besucher nicht mehr groß umziehen. Rote Jacke, Helm, Handschuhe und Strahlungsmesser reichen. Das Notstandsgebäude und die Wasseraufbereitung sind weg. Das Schaltanlagengebäude wird es auch bald sein, das Maschinenhaus folgt. Turbinenteile und Generator kamen vor Jahren nach Ägypten. Der Reaktordruckbehälter ist noch mit Beton ummantelt, der Dampferzeuger kommt im Oktober raus.

Eine halbe Million Tonnen Gesamtmasse gilt es zu entfernen, 200.000 im konventionellen Bereich, der Rest im nuklearen. Aber auch da geht es hauptsächlich um Armaturen, Rohre, Beton. 284.000 Tonnen seien radioaktiv nicht verunreinigt, sagt Anlagenchef Volmar, 14.000 können nach einer Spezialreinigung freigegeben werden. Weniger als 1800 Tonnen radioaktiver Abfall bleibe übrig – wobei Mülheim-Kärlich ein Spezialfall ist, da wegen der kurzen Laufzeit vieles nicht kontaminiert sei. Auch in Gundremmingen, sagt RWE-Sprecher Cirkel, werde radioaktiver Abfall nur einen kleinen Teil ausmachen. Zudem werde ein Kernkraftwerk auch während des Rückbaus ständig überwacht. Probleme könne es beim Atommeiler-Rückbau in Deutschland vielleicht nur geben, weil Deponiekapazitäten für herkömmliche Baustoffe knapp werden, sagt Butz.

Ein Sonderfall ist die Anlage am Rhein auch, weil es hier im Gegensatz zu Gundremmingen kein Zwischenlager gibt. Die Brennelemente sind längst weg, aber nun anfallende radioaktive Abfälle können nur kurz gelagert werden. An der Donau tut man sich da leichter, zudem gibt es hier das Technologiezentrum im stillgelegten Block A, in dem bestimmte Arbeiten erledigt werden können – übrigens auch für die Anlage in Mülheim-Kärlich.

Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft der Standortgemeinden mit kerntechnischen Anlagen“ nehmen die Zwischenlager, deren Betrieb im nächsten Jahr auf den Bund übergeht, längst als Endlager wahr. Der Chef des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit sagte kürzlich: „Die nunmehr benötigte Zeit bis zum Betrieb eines Endlagers für derartige Abfälle wird über die bestehende Befristung der laufenden Genehmigungen hinausreichen.“ In Gundremmingen besteht die Genehmigung bis 2046, bis zur Erlaubnis für ein Enddepot könnte es Anfang der 2040er Jahre werden, sagt ein Sprecher der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung.

In Mülheim-Kärlich macht man sich eher Gedanken über die letzten Jahre des Rückbaus. Um die 100 Menschen haben damit zu tun, knapp 700 Beschäftigte gab es hier alles in allem mal. Das Infozentrum ist längst zu, Mitarbeiter sind jetzt für mehrere Gebiete zuständig. „Um die Außenanlagen kann sich keiner mehr kümmern“, sagt Pressesprecherin Butz mit Blick auf das Unkraut, das zwischen Zäunen und in Blumenkästen wuchert. Die Werkfeuerwehr gibt es nicht mehr, an einigen Waschbecken hängen Schilder: „Außer Betrieb“.

Im Mai hat der Abriss des Kühlturms begonnen.
Bild: Thomas Frey, dpa

Am Verwaltungsgebäude ist lange nichts mehr gemacht worden. Drinnen ist der ganz eigene Charme der 70er und 80er Jahre zu spüren – filigrane Lampen im Treppenhaus oder die Sitzgruppe. Für die gebe es bereits Interessenten, sagt Butz. Die Buchstaben R, W und E an einem Gebäude wolle hingegen keiner haben. Auch ein Museum ist nicht geplant – dabei ist die Euphorie in Sachen Atomkraft noch irgendwie sichtbar, gut 30 Jahre nach der ersten Kernspaltung in der Anlage. Etwa an einem Aufkleber auf einem Spind. „Atomkraft – Ja bitte“ steht dort. Oder am großen freien Platz auf dem Gelände, wo eigentlich ein zweiter Block entstehen sollte.

Im Rest des Landes ist von diesem Enthusiasmus jedoch nicht mehr viel zu spüren, auch wenn man in der Branche auf Sicherheit und Verlässlichkeit dieser Energieerzeugung schwört und in anderen Ländern neue Atommeiler hochgezogen werden. Inzwischen geht es vor allem um die Frage, wie sicher das ist, was entfernt werden muss. Anlagenleiter Volmar sagt, er könne nur als Ingenieur sprechen: „Es wird keine zusätzliche Gefährdung, Krankheiten oder Todesfälle geben durch das freigemessene Material.“ Wer beispielsweise Fliesen ins Kraftwerk bringe, dürfe sie nicht mehr mit rausnehmen. Denn deren natürliche Strahlung sei höher als das, was hier für eine Weiterverwendung freigegeben wird.

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