Annastasia Melcher hat in ihrem Leben einiges mitgemacht. Und auch mehrere Schicksalsschläge erlebt. Trotzdem hat die seit vielen Jahrzehnten in Günzburg lebende Rentnerin nie ihren Lebensmut und ihre positive Einstellung verloren. Jetzt feiert sie einen besonderen Geburtstag, am 2. Februar wird sie 90.
Annastasia Melcher wurde 1936 im pommerischen Leslau geboren. Die Wirren, die die Kriegsjahre mit sich brachten, waren Bestandteil ihrer Kindheit. Mit der ihr eigenen praktischen Art erzählt sie davon, wie es ihrer Mutter, die neben ihren eigenen vier Kindern auch noch deren fünf Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres verwitweten Mannes unter ihrer Obhut hatte, gelang, die ganze Familie durch die Jahre zu bringen. Der Vater war zum landwirtschaftlichen Dienst im Westen des Reiches abkommandiert und konnte erst 1948 seine Frau und die Kinder zu sich nach Kassel holen. Wie viele ihrer Altersgenossen musste die junge Annastasia gleich nach Ende der Schulzeit ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Sie begann als Aushilfe auf einem Bauernhof. Später zog sie zu ihrem Bruder nach Hamburg, wo sie in einer Wäscherei tätig war.
Dort lernte sie auf einem Familienfest ihren späteren Ehemann Johann kennen und lieben. Da die aus Ungarn stammende Familie ihres Mannes in Rieden eine neue Heimat gefunden hatte, entschlossen sie sich auch dazu, ihren Lebensmittelpunkt künftig nach Schwaben zu verlegen. Nach der Hochzeit 1962 begannen sie mit eiserner Sparsamkeit und viel Eigenleistung ein Haus zu bauen, das sie dann kurz nach der Geburt der Tochter Helga 1966 beziehen konnten. Für die heutige Jubilarin war es auch nach der Geburt ihres Sohnes Karsten eine Selbstverständlichkeit, ihren Anteil zum Einkommen der Familie beizutragen.
In einer Fabrik in Kötz Reisetaschen genäht
Zunächst arbeitete sie in der Ichenhauser Näherei Wagner, wo sie Babystrampelanzüge herstellte, später nähte sie in einer Fabrik in Kötz Reisetaschen. Bis zu ihrem Renteneintritt baute sie dann bei der damals in Straß angesiedelten Firma Gugelfuss Fenster zusammen. Ohne großes Aufheben nahm sie auch ihren Neffen Frank nach dem Tod seiner Eltern in die Familie auf, um ihm so eine Ausbildung in Schwaben zu ermöglichen. Als ihr Mann aufgrund einer Erbkrankheit erblindete und arbeitsunfähig wurde, kümmerte sie sich liebevoll um ihn.
Als ein großer Glücksfall erwies es sich, als vor fünf Jahren eine Wohnung im Haus ihrer Tochter frei wurde, wo sie sich ein kleines Refugium fürs Alter geschaffen hat. Im Alter hat sie ihre Fähigkeiten beim Handarbeiten wieder entdeckt. Sie strickt mit großer Freude Socken und Schals für Obdachlose im Verein. Die während der Krankheit ihres Mannes geknüpften Kontakte zum Blindenbund pflegt sie weiterhin und besucht regelmäßig den monatlichen Stammtisch. Ein fester Bestandteil des Tagesablaufs der rüstigen Seniorin ist der tägliche Besuch eines über der Straße gelegenen Cafés, wo sie ihre heiße Schokolade genießt. Das größte Glück für die stets gut gelaunte Jubilarin und ihre Familie ist die große Zufriedenheit und Ausgeglichenheit, die sie nach all den Belastungen im Leben nun im Alter erfahren darf – und vor allem das liebevolle Verhältnis, das sie zu ihren Kindern, den vier Enkeln und den beiden Urenkeln pflegt.
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