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Reichau

23.10.2020

Er fraß sich durch die Orgel: So bekämpfen Experten den Holzwurm in der Kirche

Im Innenraum der Kirche St. Anna in Reichau (links) hat sich der Holzwurm ausgebreitet. Nun wird das Gotteshaus bis Freitag begast, um den Schädlingsbefall zu bekämpfen.
Bild: Verena Kaulfersch

Plus Die Türen und Fenster sind abgedichtet, dann strömt das Gas durch die Kirche St. Anna. So rückten Experten dem Holzwurm in Reichau auf den Leib.

In fast zehn Metern Höhe hantiert Darius Kandora im Freien auf einer Leiter mit Klebeband und Folie, arbeitet sich sorgfältig am Rahmen-Ornament des Kirchenfensters entlang. Ein unwillkommener Gast in St. Anna hat Kandora und seine Kollegen von der Firma Binker Materialschutz nach Reichau (Boos) gebracht: Der Gewöhnliche Nagekäfer – besser bekannt als Holzwurm. Er tut genau das, was sein Name besagt. Er frisst sich durch Beichtstuhl, Kreuzwegbilder, Kanzelaufgang und Kirchenbänke. Dem setzt die Spezialfirma nun ein Ende, macht dem Schädling mit Gas den Garaus – nachdem Fenster und Türen penibel abgedichtet sind.

Der Holzwurm hatte im Jahr 2019 die Orgel in Reichau beschädigt

Für die Hilfe der Experten ist es höchste Zeit: Das zeigte sich laut Kirchenpflegerin Karin Vogg bei der Reparatur der Orgel im Sommer 2019, denn der Holzwurm hatte dem Instrument übel zugesetzt. Vermittelt durch den Diözesankonservator nahm Vogg Kontakt mit der Firma Binker Materialschutz auf, woraufhin sich im Oktober 2019 ein Mitarbeiter vor Ort ein Bild von der Lage machte. „Der Schädling ist überall im Innenraum verbreitet“, sagt Thorsten Brendel, Begasungstechniker des Spezialunternehmens mit Sitz in Lauf an der Pegnitz. Gas wird darum in den Kircheninnenraum geleitet, um sämtliche Schädlinge abzutöten: „Und zwar alle Stadien, auch die Larven und die Eier. Das ist wichtig.“

Nötig waren dafür ein Beschluss der Kirchenverwaltung sowie viele Telefonate und Emails der Kirchenpflegerin: Denn ehe es losgehen konnte, mussten etwa Genehmigungen vom Bistum Augsburg und dem Amt für Denkmalschutz her. Außerdem galt es, verschiedene Stellen und Behörden ins Boot zu holen – wie die Gemeinde sowie das Landratsamt. Anwohner wurden informiert, zuletzt Pflanzen, Messwein und Hostien aus der Kirche geholt.

Mitarbeiter der beauftragten Fachfirma Binker, Jürgen Hartmann (unten) und Darius Kandora, dichteten sämtliche Kirchenfenster und -türen nach außen hin penibel mit Folien, Klebe- sowie Kleisterband ab.
Bild: Verena Kaulfersch

So gehen die Experten in Reichau gegen den Holzwurm in der St. Anna Kirche vor

Diese Woche nun gehen drei Mitarbeiter der Firma Binker ans Werk. Draußen an Fenstern und Türen stellen Jürgen Hartmann und Darius Kandora mit Folie, Klebeband und abschließend durch Versiegelung mit Kleisterband sicher, dass es nirgends eine Lücke oder Ritze gibt, durch die Gas entweichen kann. Im Innenraum hat dies bei Öffnungen in der Kirchendecke Begasungsleiter Mario Hartmann übernommen.

Außerdem ist nun im Dachboden eine Absauganlage installiert. Zwar soll dieser Teil des Gebäudes nicht begast werden, doch das Unternehmen ist verpflichtet, auf Nummer sicher zu gehen, sollten im Rahmen physikalischer Prozesse kleine Mengen des Gases die Kirchendecke durchdringen. Grund dafür sind die Bewohner des Dachbodens: In St. Anna sind Fledermäuse zuhause. Darum gehörten zur Vorbereitung ebenfalls das Gutachten eines Fledermausbeauftragten und eine naturschutzrechtliche Erlaubnis der Regierung von Schwaben. Anlass zur Sorge um die Tierchen besteht laut Brendel aber nicht, denn wie ihre Reichauer Artgenossen suchen sich die Flugsäuger allgemein zu dieser Zeit im Jahr einen anderen Unterschlupf, der ihnen gleichbleibende Temperaturen bietet. Falls irgendwo unbemerkt doch ein Nachzügler im Gebälk hängen sollte, so geschieht ihm nichts.

Die Fledermäuse im Gebälk der St. Anna Kirche in Reichau werden geschützt

Brendel erklärt außerdem, dass das Begasungsmittel vorab in einem speziellen Verfahren gereinigt wird, damit es keine Beeinträchtigungen an Oberflächen und Vergoldungen gibt. Nach einem Dichtigkeitstest für die Kirche werde die vom Computer errechnete benötigte Menge von außen ins Innere eingeleitet, wo sie für zwei bis drei Tage – in diesem Fall bis Freitag – bleibt. Dann wird das Gas abgesaugt und dabei mit Frischluft versetzt, sodass sich die Konzentration reduziert. So wird es laut Brendel nach draußen geleitet, wo es sich beim Kontakt mit Frischluft sofort abbaut. Am Spätnachmittag am Freitag ist St. Anna wieder für die Nutzung freigegeben. Angst brauche niemand zu haben, sagt Brendel – auch nicht die Anwohner: Das Gas hinterlasse keine Rückstände. Die Menschen wüssten oft nicht, dass sie es auch im Alltag mit Dingen zu tun haben, die begast wurden, sagt der Experte. Das eingesetzte Sulfuryldifluorid werde etwa auch verwendet, um Waren oder Lebensmittel wie Trockenobst oder Kaffee beim Transport auf Containerschiffen zu schützen.

Die Bestätigung, dass in Reichau nicht länger der Wurm drin ist, kommt übrigens aus Berlin. Ein von einer dortigen Materialprüfanstalt zugesandter, versiegelter Holzklotz wird während der Begasung in der Kirche platziert. Darin sind laut Brendel Holzbocklarven – „sie sind größer und robuster als die des Holzwurms“. Nach der Aktion wird der Block zurückgeschickt und geprüft, ob die Larven tot sind. In Reichau geht es laut Vogg im November weiter. Dann folgen – mit anderen Verfahren – Holzschutzarbeiten in Kirchturm und Dachboden.

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