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Illertissen: Tanzen auf Französisch

Illertissen

Tanzen auf Französisch

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    Als Annette Berthon vor zwei Monaten ihre Koffer gepackt und mit ihrem Auto von der französischen Westküste bis nach Illertissen gefahren ist, wusste sie noch nicht, wie schwer ihr der Abschied einmal fallen würde. Acht Wochen lang war die 20-jährige Französin für ein Praktikum bei den Donau-Iller Wertstätten der Lebenshilfe in Illertissen. Rund 1200 Kilometer von ihrer Heimat Carnac entfernt. Am Freitag ist ihr letzter Tag. Die Stimmung ist gedrückt.

    Jetzt heißt es Abschied nehmen von all den Kollegen, die der jungen Studentin in den vergangenen Wochen ans Herz gewachsen sind. „Ich finde es sehr schade, dass ich gehen muss“, sagt Berthon in beinahe perfektem deutsch. Nur ihr französischer Akzent erinnert an ihre Heimat. Dass Annette Berthon die deutschen Wörter so einfach von den Lippen kommen, war nicht immer so. „Anfangs war es nicht ganz einfach für mich“, sagt sie.

    Da war die sprachliche Barriere. Auf Knopfdruck vom Französischen ins Deutsche wechseln – oder vielmehr: ins Schwäbische. Da waren die vielen neuen Gesichter. Und vor allem die vielen Schicksale, mit denen die Französin Tag für Tag in den Werkstätten der Lebenshilfe konfrontiert wurde. „Gerade am Anfang war ich oft betroffen“, sagt Berthon. Die Krankheiten der behinderten Menschen haben sie sehr berührt, sie emotional mitgenommen. Viele Gespräche mit Betreuer Joachim Schlichting hätten aber irgendwann geholfen. „Man merkt, wie glücklich die Menschen trotz Behinderung sind. Und dass man selbst nicht traurig sein muss.“

    Berührungsängste hat die 20-Jährige schnell abgebaut. Mit einer festen Umarmung begrüßt sie an diesem Tag Mitarbeiter Florian. Beide lächeln. „Ich habe den Leuten hier auch ein paar Wörter französisch beigebracht“, erzählt Berthon und lacht. Ab und an sei sie mit einem freundlichen „Bonjour“ begrüßt worden. „Das ist dann natürlich besonders schön.“ Ein Stück Heimat in Illertissen.

    Denn auch wenn sie sich hier sehr wohl fühle, in manchen Momenten kommt das Heimweh dann doch. Zweimal war Berthon während eines Schüleraustauschs bereits in Illertissen. Das Essen aus der Heimat, der Bretagne, vermisse sie aber jedes Mal besonders. Vor allem die leckeren Crêpes und Galettes – das sind aus der Bretagne stammende Buchweizenpfannkuchen. Kurz vor ihrem Abschied hat die 20-Jährige, die in Frankreich Sozialpädagogik studiert, deshalb auch eine Runde Crêpes für alle gebacken.

    Und noch eine Leidenschaft hat Berthon in die Hallen und Räume der Donau-Iller Wertstätten übertragen: das Tanzen. Gemeinsam mit einer Gruppe aus zwölf gehandikapten Menschen hat sie eine Choreografie einstudiert. Körperliche Bewegung im Arbeitsalltag gehört schon lange zum Konzept der Werkstätten. Berthon hat die Sportstunden genutzt, um mit den körperlich und geistig behinderten Menschen zu tanzen. „Gar nicht so einfach, wenn einige Tänzer etwa im Rollstuhl sitzen“, sagt sie.

    Das Ergebnis sei zwar nicht perfekt: „Aber es hat Spaß gemacht. Und das ist doch das Wichtigste.“ Die vielen strahlenden Gesichter zu sehen, sobald die Musik angeht und ein poppiger Rhythmus den Raum erfüllt, sei eine absolute Bereicherung gewesen. Und auch wenn Annette Berthon nun wieder ihre Koffer packt und mit dem Auto zurück in ihre Heimat fährt – die Begeisterung fürs Tanzen bleibt.

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