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Rechtsextremismus

27.02.2019

Nazi-Skinheads unter Beobachtung: Wie braun ist das Allgäu?

Das Portal „Allgäu Rechtsaußen“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rechtsextremisten in der Region journalistisch zu überwachen. Die Rechercheergebnisse sollen nun als Druckwerk erscheinen.
Bild: Bernd Thissen, dpa (Symbol)

Plus Das Portal „Allgäu Rechtsaußen“ recherchiert in der rechtsradikalen Szene der Region. Die Ergebnisse sind umfangreich – jetzt soll eine Broschüre dazu erscheinen.

Sie schüren Hass, schwelgen in Gewalt-Fantasien und verherrlichen die Nazi-Verbrechen des sogenannten Dritten Reichs: Rechtsextremisten sind in der Region aktiv und besser vernetzt, als manch einer denkt. Das sagen die Macher des Online-Portals „Allgäu Rechtsaußen“, die seit einiger Zeit Informationen über die Szene zusammentragen. „Hier gibt es einen braunen Sumpf“, sagt Sebastian Lipp, der Chefredakteur des Portals, über das Allgäu und Oberschwaben. Aber das rechtsextreme Netzwerk ist offenbar weit verteilt, kürzlich richtete sich die Aufmerksamkeit der Portalbetreiber auf Illertissen. Der damalige Mitbetreiber des Lokals Gastraums war wegen Verbindungen zur rechtsextremen Szene in den Fokus gerückt.

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Recherchiert werde nicht nur vom Schreibtisch aus, sagt Lipp. Es gebe verschiedene Zugänge zur Szene, man spreche mit Betroffenen und sei bei entsprechenden Veranstaltungen dabei. Dabei seien tiefe Einblicke in die Organisation rechtsradikaler Gruppen gesammelt worden. Ein Beispiel seien die Skinheads von „Voice of Anger“, Stimme des Zorns. Ob eine Gefahr von der Szene ausgeht? „Auf jeden Fall“, sagt Lipp. Skinheads hätten sich in militanten Strukturen organisiert und seien mitunter gewaltbereit. Das mache die Recherchen riskant. Es komme schon vor, dass Mitglieder bei einem zuhause auftauchten. Auch seien schon Autos beschädigt worden. Und bei dem Konzert einer rechten Band sei ein Kollege angegriffen und leicht verletzt worden, sagt Lipp. „Es gibt durchaus eine Bedrohungslage.“ Deshalb träten bei „Allgäu Rechtsaußen“ nur er und sein Kollege Norbert Kelpp namentlich auf, andere Mitarbeiter nicht. Wer sich als Journalist dem Thema widme, müsse mit Anfeindungen rechnen, sagt Lipp. Zumal man selbst „auch nicht zimperlich“ sei – was Publikationen über einzelne Personen betrifft.

Crowdfunding für Broschüre von „Allgäu Rechtsaußen“

So erschien auf „Allgäu Rechtsaußen“ zuletzt ein Bericht über den ehemaligen Mitbetreiber des Gastraums, der Mann wurde namentlich als rechtsextremer Aktivist geoutet. Er habe in der Band „Act of Violence“ gespielt. Ihr werden von den Journalisten des Portals Gewaltaufrufe, nationalsozialistische und antisemitische Texte vorgeworfen. Der Betroffene fühlte sich zu Unrecht als „Neonazi“ dargestellt. Das sei „absoluter Blödsinn“, sagte er damals gegenüber unserer Redaktion. Wie das Landesamt für Verfassungsschutz nun auf Anfrage mitteilte, ist der Mann der Behörde „als Rechtsextremist bekannt“.

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Die Veröffentlichung bei „Allgäu Rechtsaußen“ führte dazu, dass sich Gastraum-Geschäftsführer Oliver Rieger wirtschaftlich von seinem Kompagnon trennte. Er fürchtete um den guten Ruf des Lokals, das als Event-Location für Anlässe wie Hochzeiten vermietet wird.

Das von „Allgäu Rechtsaußen“ gesammelte Material über die rechtsradikale Szene ist umfangreich und soll nun bekannt gemacht werden. Geplant ist der Druck einer etwa 150 Seiten starken Broschüre. Und deshalb nicht ganz günstig: Um ihr Buch umsetzen zu können, werden über das Crowdfunding-Portal Startnext (startnext.com/allgaeurechtsaussen) bis zum 18. März Spenden gesammelt. 3000 Euro müssen zusammen kommen, besser 5000, dann könnte die Broschüre in höherer Auflage erscheinen.

Und das wäre aus Sicht von Lipp und seinen Mitstreitern dringend angeraten: Der „rechte Untergrund“ in der Region werde unterschätzt. Seitens der Behörden werde etwa „Voice of Anger“ als eine Art Freizeitverein abgetan.

„Voice of Anger“ ist eine der größten rechten Gruppen in Bayern

Das Landesamt für Verfassungsschutz teilt dazu mit, dass für Rechtsextremisten grundsätzlich ein Beobachtungsauftrag gelte. Solche würden erteilt, wenn „wir es mit einer politisch bestimmten, ziel- und zweckgerichteten Bestrebung zu tun haben, die darauf abzielt, eines oder mehrere Kernelemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen“. Wie viele Personen in den Landkreisen Neu-Ulm und Unterallgäu beobachtet werden, lässt das Amt offen. Aber es legt Zahlen für Schwaben vor: Beobachtet werden etwa 70 Mitglieder der Partei NPD und fünf Anhänger der neonazistischen Partei „Der Dritte Weg“. Dazu kommen etwa 140 Personen, die Gruppen wie der sogenannten „Identitären Bewegung“ zugerechnet werden. Weitere 180 Rechtsextremisten seien nicht in Vereinen oder Kameradschaften eingebunden, sondern in Subkulturen unterwegs. Dazu gehörten auch Skinheads. Seit Längerem werde vom Landesamt eine zweistellige Zahl von Mitgliedern und Funktionären der AfD beobachtet, heißt es weiter. Es gebe Verbindungen in die rechtsextremistische Szene, zu islamfeindlichen Kreisen und zu Reichsbürgern. Welche Kreisverbände der AfD betroffen sind, teilte das Amt mit Verweis auf den Datenschutz nicht mit.

Rechtsextremisten in der Region: Neonazis sind in Subkulturen unterwegs

Auf der Seite „Bayern gegen Rechtsextremismus“ der Staatsregierung werden in Schwaben 18 Gruppen genannt, eine davon ist „Voice of Anger“. Sie sei ähnlich wie Rocker-Gangs organisiert – die Mitglieder trügen einheitlich gestaltete Pullover oder Jacken mit Erkennungssymbolen und müssten sich in einem Aufnahmeverfahren beweisen.

„Voice of Anger“ sei die größte derartige Gruppe in Bayern, heißt es. Ansonsten seien die Mitgliederzahlen rückläufig. Davon dürfte in der Broschüre von „Allgäu rechtsaußen“ einiges zu lesen sein.

Falls die Druckkosten aufgebracht werden. Bis zum Dienstag waren rund 1600 Euro zusammengekommen, gut 60 Unterstützer hatten gespendet. Lipp: „Das sieht gut aus, aber wir brauchen noch ein einige mehr.“

Lesen Sie dazu auch, wie es mit dem Gastraum weitergeht: Kneipenszene im Wandel: Wie es mit dem „Gastraum“ weiter geht

Wie der Ulmer Rabbi mit Antisemitismus umgeht, lesen Sie hier: Der Ulmer Rabbi hat selbst schon Judenhass erleben müssen

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