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Osterberg

05.12.2019

Wo die jüdische Gemeinde in Osterberg Spuren hinterlies

Der jüdische Friedhof nahe Osterberg hat die Jahrzehnte überdauert. 45 Grabsteine erinnern heute noch an die Gemeinde, die etwa bis zur Jahrhundertwende bestand.
Bild: Ralph Manhalter

Nicht nur in Altenstadt, auch in Osterberg, hatten sich Juden niedergelassen. Wie es dazu kam und warum die Gemeinde wieder verschwand.

Die Häuserzeile entlang der Hauptstraße mutet fremd an, so gar nicht typisch schwäbisch. Die Gebäude stehen mit der Traufseite zur Gasse, nicht mit dem First, so wie die Höfe der Bauernschaft.

Eine ähnliche Ansicht kennt man aus Altenstadt und Illereichen. Auch dort, wie im benachbarten Fellheim, bemerkt der aufmerksame Beobachter, dass diese Anwesen vom ansonsten landwirtschaftlich geprägten Ortsbild abweichen. Schließlich hatte auch Osterberg eine jüdische Bevölkerung mit all ihren dazugehörenden kultischen Einrichtungen beheimatet. Charakteristisch für die Bauweise sind die zahlreichen Mansarddächer, welche bis dahin in den rein bäuerlich-schwäbischen Dörfern größtenteils unbekannt waren.

Die Juden zahlten Schutzgeld an den Freiherren

Zunächst waren es vor allem jüdische Viehhändler, die im 16. Jahrhundert nach Osterberg kamen. Durch Repressionen, die eine freie Berufswahl unmöglich machten, blieben den Juden nur wenige Tätigkeiten, die sie ausüben durften. Und die lagen vor allem im Bereich Handel und Geldwesen. Allerdings kann von einer Ansiedlung größeren Ausmaßes erst mit der Anwerbung der Israeliten durch den örtlichen Reichsfreiherrn Anselm von Osterberg 1802 gesprochen werden. Schutz gegen Steuer lautete dann die Devise. Denn von den Abgaben, welche die Juden zu begleichen hatten, konnte der Freiherr seine Kasse erheblich aufbessern. Um 1830 waren ungefähr 20 Prozent der Einwohner israelitischen Glaubens. Damit war jedoch der Zenit erreicht. Gleichzeitig ging der bisher vorherrschende Hausierhandel zugunsten des Großhandels zurück. Ebenso wirkten die jüdischen Geschäftetreibenden wesentlich am Marktaustausch zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Gütern mit: Sensen und Dreschflegel gegen Getreide und Feldfrüchte.

Wo die jüdische Gemeinde in Osterberg Spuren hinterlies

In den Folgejahren entstanden Synagoge, Schule und Friedhof. Zuvor mussten die Toten der Judenherrschaft entweder in Altenstadt oder in Fellheim bestattet werden. Die letzte Beisetzung auf dem am Hang gelegenen jüdischen Friedhof fand 1906 statt. Nicht mehr erhalten ist die ehemalige Synagoge, die mit ihrer welschen Haube auf dem gemauerten Türmchen sicherlich einen äußerst malerischen Anblick geboten hatte. Auch ein jüdisches Ritualbad, eine sogenannte Mikwe wird in der Nähe vermutet. Mit dem Tod des letzten Rabbiners 1870 wurde Osterberg dem größeren Rabbinat Altenstadt zugeordnet. Das Schulhaus der Kultusgemeinde hingegen besteht in veränderter Form bis heute. Aus der Frühzeit der Einrichtung sind noch die Lehrernamen Bloch, Seligmann und Kahn überliefert, wie in der ausführlichen Haus- und Hofbeschreibung Osterbergs von Ingeborg und Ferdinand Magel nachzulesen ist.

Was heute noch von der jüdischen Gemeinde in Osterberg übrig ist

Auch den idyllischen Friedhof im Südwesten des Ortes gibt es noch. Dessen 45 Grabsteine erinnern noch an jene ferne Kultur, deren Koexistenz mit der christlichen Bevölkerung im 20. Jahrhundert ein furchtbares Ende fand. Dabei waren die Jahrzehnte vor den nationalsozialistischen Gräueln durchaus vielversprechend: Die in der Zeit um die Deutsche Reichsgründung 1871 verabschiedeten Gesetze billigten den Juden eine vollkommene Gleichberechtigung neben den christlichen Staatsbürgern zu. Da gleichzeitig die Industrialisierung verbunden mit einer Verbesserung der Infrastruktur (man denke hier vor allem an den Eisenbahnbau) in unserer Region einen steilen Aufstieg nahm, entschlossen sich immer mehr Osterberger Israeliten, in die nahegelegenen Städte Memmingen und Ulm umzusiedeln. 1908 war lediglich noch eine Familie jüdischen Glaubens im Ort gemeldet. In der Folge wurden Schulhaus und Synagoge, die bald darauf abgerissen wurden, verkauft.

Die Jahre überdauert haben Flurnamen wie „Am Judengraben“ oder „Am Judenweg“ sowie die drei Judengassen, die immer noch von der südlichen Hauptstraße nach Osten abzweigen – dort wo sich vor mehr als zweihundert Jahren eine eigene Gemeinde mit einer heute so fremd anmutenden Kultur gebildet hatte.

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