Kellmünz: Ferienspaß mit Soldaten sorgt für Diskussionen und Demonstrationen
Kellmünz
Ferienspaß mit Soldaten: Demonstranten, Polizisten und Medien in Kellmünz
Nach der großen Online-Empörung über „Ferien im Flecktarn“ hat das Kellmünzer Ferienprogramm begonnen. So verlief der Morgen für Demonstranten und die Kinder.
20 Demonstraten gegen das Ferienprogramm mit Soldatinnen und Soldaten fanden sich vor der Schule ein. Bürgermeister Obst im Gespräch mit einem Demonstranten.Foto: Zita Schmid
Dass ein Ferienprogramm Scharen von Journalisten, Polizisten und Demonstranten auf den Plan ruft, klingt ungewöhnlich. Im beschaulichen Kellmünz war genau das am Mittwochmorgen Realität.
Es war heiß – jedenfalls was die Temperaturen angeht. Hitzig geführte Diskussionen blieben aber, trotz sehr unterschiedlicher Meinungen, aus. Auf einer Seite hatten sich Kellmünzer Bürgerinnen und Bürger in großer Zahl zu einer Kundgebung für Patenschaft und für Ferienspaß zusammengefunden. Auf der anderen Seite hatte die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner und -gegnerinnen (Landesverband Baden-Württemberg) eine Demonstration organisiert. Rund 20 Personen und somit rund doppelt so viele wie erwartet, waren gekommen. „Kein Werben fürs Töten und Sterben“ stand auf den größten Plakaten. Zusammen mit Schildern der Friedensbewegung „Pax Christi“ oder auch selbst geschriebenen Plakaten wie „Die Bundeswehr ist keine Pfadfindergruppe“ machten sie ihre Meinung zum Ferienspaß gut sichtbar deutlich. „Wir wollen Erziehung zum Frieden und nicht zum Krieg“, sagt Organisator Rainer Schmid, evangelischer Theologe und Religionslehrer aus Ulm. Er sieht in dem Ferienspaß, der von der Patenkompanie der Marktgemeinde Kellmünz angeboten wird, „Werbung für eine gewaltbereite Organisation“, „Werbung für die Bundeswehr und somit Sympathiewerbung“. Dabei sollte den Kindern beigebracht werden, Konflikte gewaltfrei zu lösen, findet Schmid. „Kinder sollen lernen, wie man Konflikte zwischen den Völkern und auch auf dem Schulhof ohne Gewalt, auf intelligentere Weise schlichten kann.“
Fernsehteams, ein Journalist des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ und Zeitungsjournalisten aus der Region wollten sich ein Bild von dem Vormittag in Kellmünz machen. Hier der SWR im Gespräch mit Bundeswehrsprecher Hagen Messer.Foto: Zita Schmid
Heike Siecke aus Roggenburg: Kinder sollen Entscheidung für die Bundeswehr unvoreingenommen treffen können
Wie im Gespräch mit Demonstranten deutlich wurde, haben diese „nichts gegen die Bundeswehr“. Jedoch sei sie nicht die richtige Organisation, einen Ferienspaß anzubieten, so der Tenor. Heike Siecke aus Roggenburg ist sicher, dass das „sehr nette Leute sind, die den Ferienspaß mit den Kindern machen“. Ein Problem habe sie mit der heutigen Politik. „In Zeiten eines Willi Brandt, eines Friedenskanzlers, wäre das überhaupt kein Problem für mich“, sagte sie. Doch die Aufrüstung und die heutige Politik mache ihr deutlich, dass Deutschland keine reine Verteidigungsarmee mehr habe. Die Entscheidung für oder gegen die Bundeswehr müsse ein erwachsener Mensch unvoreingenommen treffen können, sagte sie. Also ohne „Sympathiewerbung“, die man als Kind erfahren habe.
Der Ferienspaß sei eine „Rekrutierung Sechsjähriger“ und für die Kinder mit „Angst und Verunsicherung“, verbunden, so hieß es in den Sozialen Medien im Vorfeld. Während Befürworter und Gegner sich vor und bei der Grundschule versammelten, hatte hinter der Schule die Ferienveranstaltung begonnen. Mit ausgelassenem Toben auf der Hüpfburg, mit Wasserspielen oder auch Fangen zwischen Kindern und Betreuern war von Rekrutierung und Angst nichts zu spüren. 16 Soldatinnen und Soldaten aus der Gefechtsstandstaffel des Multinationalen Kommandos aus Ulm seien hier als freiwillige Betreuer dabei, informierte Hagen Messer, zuständiger Bundeswehr-Pressesprecher. Der Ferienspaß, der seit 2008 von der jeweiligen Kellmünzer Patenkompanie aus der Wilhelmsburgkaserne angeboten wird, stieß auch dieses Jahr – trotz Kritik – auf großes Interesse. Mit über 30 angemeldeten Kindern war er ausgebucht. „Mit der Kritik können wir durchaus umgehen“, sagte Messer zur Situation in Kellmünz. Denn in einer Demokratie müsse auch eine gegensätzliche Ansicht der Dinge möglich sein. „Das stellen wir als Bundeswehr und Gefechtsstandstaffel nicht infrage“, betonte er. Das Ferienprogramm sei aber, zusammen mit anderen Veranstaltung, etwa der Waldweihnacht, Ausdruck einer langjährigen Patenschaft. Solange sie seitens Kellmünz gewünscht sei, die Bundeswehr die Kapazitäten habe und sich Freiwillige finden, soll es die Veranstaltung auch weitergeben, so Messer.
Demos, Polizei und Kinder beim Ferienspaß ins Kellmünz
Eine Demo für Soldaten, eine gegen sie: Kellmünz stand am Mittwochvormittag im Interesse vieler überregionaler Medien. Grund: Kritik und Diskussionen darüber, dass sich die Bundeswehr am Ferienprogramm beteiligt. Zita und Armin Schmid waren für die Redaktion dabei.
Kellmünz: Bürger und Demonstranten diskutieren über Ferienspaß mit der Bundeswehr und den Frieden.
Insgesamt verlief alles friedlich. Die Polizei, die mit acht Fahrzeugen angerückt waren, mussten bei Demo und Kundgebung nicht eingreifen. Ebenso ruhig verlief die Demo am Marktplatz. Etwa 200 Menschen kamen hier zusammen, 145 davon in weinroten T-Shirts mit der Aufschrift „ Kellmünz – mein Ort, meine Heimat“. Sie wollten ein Statement für die Ferienaktion mit Bundeswehr abgeben. Auch Bürgermeister aus umliegenden Gemeinden wie Dettingen, Boos und Bellenberg schauten in Kellmünz vorbei. Ein großes Transparent mit dem Wappen der Gemeinde und einem Emblem von Bundeswehr und Nato mit der Aufschrift „Miteinander und füreinander, wir leben Gemeinschaft“ umrahmte den Platz, die Demonstranten nehmen auf Bierbänken Platz.
Während vor der Schule demonstriert wurde, hatten die Kinder hinter der Schule Spaß beim Ferienspaß, hier bei einem Wasserspiel.Foto: Zita Schmid
Der Kellmünzer Bürgermeister Michael Obst machte deutlich, dass man die langjährige Patenschaft mit der Bundeswehr erhalten und pflegen will. Dass viele Mitbürger in die Ortsmitte gekommen sind, sei ein Beispiel dafür, „dass die Patenschaft von Zivilisten und Soldaten gleichermaßen gelebt, befürwortet und mit Leben erfüllt wird“. Der Landtagsabgeordnete Thorsten Freudenberger findet mit Blick auf die beiden Demos, dass es im Land mehr Miteinander und weniger Gegeneinander brauche. „Menschen in Uniform, die in der Bundeswehr, bei der Polizei oder in der Feuerwehr Dienst tun, verdienen unsere Wertschätzung und gehören ganz eindeutig zu unserer Gesellschaft.“
Die Polizei zeigt zwischen Schule und Marktplatz Präsenz.Foto: Armin Schmid
Kellmünzer Erzieherin lobt Hilfsbereitschaft der Soldaten
Rosi Kiechle ist zur Kundgebung gekommen, „weil ich für den Beibehalt des Ferienspaß‘ in der heutigen Form und auch für die Solidarität zur Bundeswehr bin“. Dass sich die Initiatoren und Teilnehmer der anderen Demo nicht vor Ort über den Ferienspaß informiert haben, sich aber dennoch eine Meinung bilden und dagegen vorgehen wollen, findet sie nicht akzeptabel. Andrea Müller glaubt, dass es überwiegend Vorurteile sind, die sich gebildet haben und in den sozialen Foren verbreitet werden. Kellmünz‘ stellvertretender Bürgermeister Helmut Rieder glaubt, dass es wichtig sei, „Flagge zu zeigen und sich nicht von den Gegnern des gemeinsamen Ferienspaßes mit der Bundeswehr freiwillig das Feld zu überlassen“.
Die frühere Kindergartenleiterin Inge Schmid erinnert sich an „viele schöne Stunden mit den Soldatinnen und Soldaten“, die immer sehr engagiert waren und tatkräftig mitgearbeitet haben. Herbert Hempfer findet es unakzeptabel, dass Menschen von auswärts eine so gute und bewährte Veranstaltung und auch die langjährige Patenschaft in Misskredit bringen. Matthias Bechter aus Pleß nennt die Bundeswehr „Teil unserer Gesellschaft“. Monika Kling war oft beim Ferienspaß dabei und hat erlebt, dass die Kinder Spaß an den Spielen und Aktionen hatten und so „einer sinnvollen Ferienbeschäftigung nachgehen konnten“.
Die Demonstranten der Friedensbewegung standen mit ihren Bannern an der Straße Richtung Schule, wo der Ferienspaß stattfindet. Wie haben die Kinder die Situation mit Presserummel und Polizei-Präsenz erlebt? Gar nicht. Anders als in früheren Jahren gelangten sie über einen Fußweg zum Ferienspaß, wo Hüpfburg und Spiele auf sie warteten. Das hatten die Verantwortlichen vor Ort vorsorglich so organisiert.
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