Die Liebe zur Dichtkunst wurde bei Christine Langer früh entfacht. 16 oder 17 Jahre alt sei sie gewesen, als sie ihre ersten lyrischen Versuche wagte. "Als Gedichte würde ich das aus heutiger Sicht aber nicht bezeichnen", sagt die Neu-Ulmerin mit einem Lachen. "Man entwickelt sich ja doch weiter." Seither hat Langer viel geschrieben, viel probiert, einige Bücher veröffentlicht und organisiert nun den ersten Ulmer Lyriksommer.
Die Lyrikreihe, die nun beginnt, ist Teil des von der Baden-Württemberg Stiftung organisierten Literatursommers, der in verschieden Städten mit einem eigenen Programm stattfindet. In Ulm hat man sich dabei dieses Jahr ganz dem Gedicht verschrieben. Das Projekt ist mit dem Titel „Wandelmut – Lyrik ohne Grenzen“ überschrieben. Langer erklärt: "Wir wollen das Publikum ermutigen, gegenwärtige Krisen auch als Chance zu begreifen, sich auf Wesentliches zu besinnen und Wandelmut für das poetische Sehen aufzubringen." Wir, das ist der Verein Kunstwerk e.V., der hinter der Veranstaltungsreihe steckt. Geplant sind neben klassischen Lesungen auch Performances, Workshops, digitale Formate und kleinere Aktionen, die Gedichte ganz niedrigschwellig für alle zugänglich machen sollen. Langer plant zum Beispiel, kurze lyrische Texte auch auf Bäckertüten zu drucken – zur Brezel gibt's dann ganz automatisch eine kleine Portion Poesie.
"Lyrics for Future" sollte die Reihe einmal heißen
Ergänzend zu den Lesungen gibt es Verlegergespräche, Zwiegespräche zwischen Lyriker und Literaturkritiker und Diskurse, die mit dem Publikum geführt werden. So wollen die Organisatoren auch eine kontroverse und kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Lyrik und deren Weiterentwicklung anstoßen.
Die Idee zu einer sommerlichen Lyrikreihe hatte Langer bereits 2018. "Lyrics for Future" sollte sie heißen, doch das Kulturamt der Stadt Ulm lehnte damals eine Förderung ab. Ein Rückschlag, von dem sich die Dichterin nicht abhalten ließ. Sie plante mit dem Verein Kunstwerk weiter, erweiterte das Programm – das Konzept für den Lyriksommer war geboren. Neben der Baden-Württemberg Stiftung unterstützen nun auch Stiftung Kultur und Bildung der Stadt Ulm sowie die LBBW-Stiftung die Veranstaltungen.
Christine Langers Gedichte sind ein Spiel zwischen dem Ich und der Umwelt
Christine Langer ist nicht nur künstlerische Leiterin, im Rahmen der Reihe liest sie auch ihre eigenen Texte vor. "Ein Vogelruf trägt Fensterlicht" ist der Titel ihres neuesten Bands, der vor wenigen Wochen im Kröner Verlag erschienen ist. In den Gedichten darin bedient sich die Autorin in der Natur. Wälder, Wiesen, Gewässer waren für sie schon immer Inspirationsquellen für sie. Langer geht es in ihren Texten darum, das Spannungsfeld zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wirklichkeit und Fantasie zu ergründen. Sie versucht Dinge – seien es Blätter, Wolken oder Steine – wahrzunehmen, zu betrachten und die Verbindung vom eigenen Selbst zum jeweiligen Objekt aufzubauen. Ihre Gedichte seien auch ein Spiel zwischen dem Ich und der Umwelt.
Im Lyriksommer kann das Publikum aber auch Texte von vielen anderen Autorinnen und Autoren hören. Los geht es jetzt am 3. Juni. Die einzelnen Veranstaltungen kosten keinen Eintritt. Es gibt auch unkonventionelle Formate, etwa die "Roßkultur". Vom Pferderücken herab wird Langer auf dem Ulmer Münsterplatz Werke unterschiedlicher Lyrikerinnen und Lyriker rezitieren. Bei der Sommernachtslyrik am Fischerplätzle werden vertonte Gedichte von einer Sopranistin in Begleitung eines Pianisten uraufgeführt.