Ludwig Merkle war nicht der Einzige, den diese radikale Form der Christus-Nachfolge anzog. Eine ganze Reihe Jugendlicher machten sich damals voller Begeisterung auf den Weg nach Südafrika, wo der Trappistenabt Franz Pfanner ein Kloster mit dem Namen "Mariannhill" gegründet hat. Zuvor hatte der aus Tirol stammende Franz Pfanner das Trappistenkloster "Maria Stern" in Bosnien gegründet. Innerhalb weniger Jahre hatte Prior Franz Pfanner das Kloster zum Blühen gebracht, bevor er sich auf den Weg nach Südafrika gemacht hat. In dieses Kloster in Bosnien wollte Ludwig Merkle eintreten. Pfarrer Dominikus Ringeisen, der ja immer gerne eine Brüdergemeinschaft neben der St. Josefskongregation ins Leben gerufen hätte, sah den Jugendlichen aus Bayersried nur ungern scheiden.
Kaum war Merkle in Maria Stern angekommen, wurde er eingekleidet und erhielt den Namen des kämpferischen Kirchenvaters Athanasius. Der Prior erkannte sehr bald die Fähigkeiten des jungen Mitbruders und bestimmte ihn für das Studium. Ordensintern durchlief er das Studium der Philosophie und Theologie. Die ganze Gemeinschaft freute sich, als Frater Athanasius am 4. August 1913 die Priesterweihe empfing. In Maria Stern feierte er auch seine Primiz.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Situation für die deutschstämmigen Trappisten sehr gefährlich und so entschloss sich eine Reihe von ihnen, nach Mehererau zu wechseln. Die dortigen Zisterzienser nahmen die Trappisten bereitwillig auf mit dem Ziel, die ehemalige Zisterzienserabtei Himmerod in der Eifel wieder neu zu besiedeln. Pater Athanasius Merkle gehörte zu den Pionieren. Als ehemaliger Trappist fiel es ihm nicht schwer, überall mit Hand anzulegen. Man übertrug ihm schon bald die Begleitung der jungen Mitbrüder. Er sollte sie ins geistliche Leben einführen. Das tat er mit großer Freude.
Keine leichten Jahre für den Konvent in Itaporanga
Als ein brasilianischer Bischof sich an den Abt von Himmerod wandte, ein Kloster in Brasilien zu gründen, ging er dieses Wagnis ein. Pater Athanasius Merkle sollte das Unternehmen leiten. Er besaß alle Fähigkeiten, die für eine Klostergründung notwendig waren. Dies hatte er schon in Himmerod bewiesen. Er besaß Führungstalent, eine praktische Veranlagung, Verhandlungsgeschick und Sprachbegabung. So machte sich Pater Athanasius 1934 auf den Weg nach Brasilien. Bereits 1936 kam es zur Gründung des Klosters "Heiligkreuz" in Itaporanga. Da sich in Deutschland die Lage für die Klöster unter dem Naziregime sehr rasch verschlechterte, konnte man die Neugründung von Himmerod aus nicht so unterstützen, wie man es gerne getan hätte. Es waren für den Konvent in Itaporanga keine leichten Jahre.
Man war sehr arm, musste jedoch nicht hungern. Der Zusammenhalt war großartig. Stück für Stück wurde das Kloster aufgebaut.. Nach dem Krieg erfuhren die Zisterzienser auch wieder Unterstützung aus der Heimat.
Bis ins hohe Alter wirkte Abt Athanasius segensreich. Mit 83 Jahren resignierte er und zog sich in das Kloster "Unsere liebe Frau von Fatima" zurück, das sich in Itarare (Brasilien) befindet. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in seinem Kloster Heiligkreuz, wo er am Fronleichnamstag, den 5. Juni 1980, im Alter von 92 Jahren starb.