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Grabpflegerin in Krumbach: Arbeiten, wo andere trauern

Fast jeden Tag auf den Krumbacher Friedhöfen unterwegs: Floristin Brigitte Heisch pflegt Gräber.
Foto: Ilona Gerdom
Krumbach

„Friedhof hat was arg Soziales“: So sieht der Arbeitsalltag einer Grabpflegerin in Krumbach aus

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    Eine Frau steht auf einem Grab. Ihre schwarzen Turnschuhe versinken in der Erde. Hinter ihr ragt ein Grabstein auf. In den Händen hält sie einen Spaten. Sie hebt ihn an, sticht die Spitze in die Erde. Mit ihrem ganzen Gewicht stemmt sie sich auf die Schaufel. Erde bröckelt, Wurzeln zerreißen. Brigitte Heisch zieht die Schaufel aus dem Boden. Setzt erneut an, drückt das Metall in die Erde.

    Andere kommen zum Krumbacher Westfriedhof, um zu trauern. Heisch kommt, um zu arbeiten. Die 57-jährige Grabpflegerin pflanzt, lockert Erde auf, gießt Blumen. Sie macht es für die, die es körperlich nicht mehr können; für die, die nicht wissen, wie es geht; oder die, die mit dem Lebensende nicht umgehen können. „Die Menschen sind oft so überfordert mit dem Tod“, sagt Heisch. Dabei gehöre er doch zum Leben.

    Frische Erde, Frühlingsblumen und Vogelgesang: Für Heisch ist der Friedhof ein Kraftort

    Es knirscht, wenn der Spaten im Grab versinkt. Vögel zwitschern. Sonst ist es still. Nur Heisch ist an diesem Freitagvormittag da. Sie legt die Schaufel weg, bückt sich, wühlt in der Erde, zieht große Bündel Wurzeln heraus. Über ihre Schulter wirft sie sie in einen Eimer. Zwischendurch hält sie inne, atmet tief ein. Saugt den Geruch von Erde und Frühlingsblumen auf.

    Die dunklen Haare hat Heisch zurückgebunden. Das Outfit ist praktisch: Arbeitshose und Shirt. Das Oberteil zieren kleine Herzchen. Sie scheint nicht an diesen Ort zu passen, der für viele vor allem Trauer und Verlust bedeutet.

    „Blütenzauber“ hieß ihr Blumenladen. Auch heute bepflanzt Heisch Gräber am liebsten mit bunten Blumen, die die Stimmung aufhellen.
    „Blütenzauber“ hieß ihr Blumenladen. Auch heute bepflanzt Heisch Gräber am liebsten mit bunten Blumen, die die Stimmung aufhellen. Foto: Ilona Gerdom

    Für sie selbst, sagt Heisch, habe der Friedhof mit allem Möglichen zu tun, aber nicht mit dem Tod. Viel Schlimmes geschehe auf der Welt, doch hier könne sie das alles gar nicht spüren. Die Grabpflegerin sagt, sie finde hier Ruhe. Könne Kraft tanken. Fast meditativ fühle sich die Arbeit an.

    Ein paar Meter weiter steht Heischs grauer VW Caddy. Im Laderaum liegen Rechen und Schaufeln in verschiedenen Größen, ein Weidenkorb mit kleinen Besen und Gartenhandschuhen. Mehrere Säcke Pflanzenerde stapeln sich. Sie greift einen davon, trägt ihn zum Grab. Energisch schlitzt sie den Sack auf, verteilt die frische Erde. Mit dem Arm wischt sie sich über die Stirn. Die Sonne steht hoch am Himmel. Es hat 20 Grad.

    Dutzende Gießkannen und eimerweise Kies: Körperlich ist die Grabpflege anspruchsvoll

    Jeden Tag trägt Heisch Dutzende volle Gießkannen und eimerweise Kies von Grab zu Grab. Irgendwann habe sie sich gedacht: „Ich muss stärker werden.“ Seitdem geht sie regelmäßig ins Fitnessstudio. Wie viele Gräber sie derzeit betreut, könne sie gar nicht genau sagen. „Ich mache das, was ich gut schaffe und bewältigen kann“, erklärt die gelernte Floristin.

    Vor dem Grab hat Heisch mehr als ein Dutzend Blumen aufgereiht. Gelbe Stiefmütterchen, Bellis, die aussehen wie große Gänseblümchen, und Goldlack. Heisch greift zwei der Pflanzen und tunkt sie in einen Eimer voller Wasser. Luftblasen steigen auf. Die Erde saugt sich mit Wasser voll.

    Heisch gestaltet nicht nur Gräber, sie gießt und pflegt sie auch.
    Heisch gestaltet nicht nur Gräber, sie gießt und pflegt sie auch. Foto: Ilona Gerdom

    Mit dem Hochwasser verlor Heisch ihren Blumenladen „Blütenzauber“, nun pflegt sie Gräber

    Früher hatte die Floristikmeisterin einen Blumenladen. Doch dann, vor zwei Jahren, kam das Hochwasser. Ihr Geschäft wurde zerstört. Heisch beschloss, ohne Laden unter dem Namen „Blütenzauber“ weiterzumachen und sich auf Grabpflege und Trauerfloristik zu konzentrieren.

    Halbkreisförmig ordnet Heisch die Blumen vor dem Grabstein an. Hinten die höheren Goldlackpflanzen, davor die Bellis und Stiefmütterchen. Sie steht auf. Klopft die behandschuhten Hände auf den Oberschenkeln ab. Geht ein paar Schritte zurück. Betrachtet die Blumenreihen. Links und rechts sind sie flankiert von zwei Nadelgewächsen, dahinter ragt der weiß-graue Grabstein auf. Heisch nickt. Erst einmal, dann nochmal. Es gefällt ihr. Für jede Blume gräbt sie mit der Hand eine kleine Mulde. Fast zärtlich setzt sie die Pflanzen hinein und drückt die Erde drumherum fest.

    Für sie sei jedes Grab wie eine leere Leinwand, sagt die Floristin. Wenn sie es bepflanzt, entstehe ein Bild. Sie richte sich dabei nach der Form des Grabes und des Steins. Das Wichtigste seien gute Erde und hochwertige Blumen. Sonst wachse nichts an. Die Pflanzen wählt sie entweder nach Kundenwunsch oder nach Jahreszeit aus. Am liebsten nimmt sie bunte Blumen, die die Stimmung aufhellen.

    Friedhof als sozialer Ort: Je nach Trauerphase kommen die Menschen ins Gespräch

    An der Wasserstation des Friedhofs hängen grüne und graue Gießkannen. Heisch lässt zwei davon randvoll laufen mit Wasser. Als sie sie zum Grab zurückträgt, spricht ein Mann sie an. Die beiden kennen sich. Wechseln ein paar Worte.

    „Der Friedhof hat was arg Soziales“, erklärt die 57-Jährige später. Die meisten Leute, die hierherkommen, würden einander kennen. „Je nach Trauerphase beginnen die Leute miteinander zu reden.“ Manche ihrer Kunden bitten sie, das Grab zu gießen, andere nehmen lieber selbst die Kanne in die Hand. Solche Routinen, erklärt Heisch, seien „ganz wichtig“ für die Trauerbewältigung.

    Zwar vermisse sie ihren Blumenladen immer noch, sagt die Floristin. Doch in der Grabpflege habe sie einen Weg gefunden, trauernden Menschen zu helfen und für sie da zu sein. Hinter jedem Grab stecke ein Schicksal, eine Geschichte. Die Gräber, sagt Heisch, sind unsere Wurzeln. Ihre Arbeit daran ein Weg das Andenken der Verstorbenen zu ehren. „Es ist das Letzte, was du geben kannst.“

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