Krumbach nach 1945: Flüchtlinge, Industrie und gesellschaftlicher Neustart
Erste demokratische Wahl 1946: Über 85 Prozent Wahlbeteiligung in Krumbach
Wirtschaft und Vereine im Aufbruch: Steiger & Deschler, Neodon und Theaterverein
Anfang Januar 1946. Zum „Jahresbeginn eins nach der Stunde Null“ setzt sich flächendeckend im Land zunehmend Aufbruchstimmung durch, der Neuanfang gewinnt deutlich Konturen. Der Wunsch, zur Normalität zurückzukehren, motiviert und mobilisiert gleichermaßen. Dieser Wille ist dominant und wird – wo immer dies möglich ist – zur Realität geformt. Das kleinstädtische Leben im mittelschwäbischen Krumbach macht da keine Ausnahme. Stichwort: Erste freie Wahl nach dem Krieg – die Demokratie kehrt zurück. Und mit ihr das Leben in relativer Sicherheit.
Krumbach vor achtzig Jahren: Es gilt allenthalben, den Folgen nach 1945 in der Nachkriegszeit – wo immer dies möglich erscheint – mit einem bemerkenswerten Geist der Aufbruchstimmung zu begegnen. Die nüchterne Statistik zum Jahreswechsel 1945/46 weist aus, dass sich die Einwohnerzahl der Kammelstadt infolge des Zuzugs von Heimatvertriebenen und der Zuweisung von Evakuierten auf 6284 erhöht hat. Zum Vergleich: Bei Kriegsbeginn waren bei der letzten Bevölkerungszählung 1939 noch 3750 Einwohner registriert worden. Im Januar 1946 geht das Reichsarbeitsdienstlager (RAD) an der Burgauer Straße in die Verwaltung des Flüchtlingskommissariats über und wird – bis zur späteren Auflösung im Dezember 1956 – mit Heimatvertriebenen belegt.
Der Wille zum Weitermachen dokumentiert sich auch an weiteren Fronten: Das gesellschaftliche Leben formiert sich wieder, beispielhaft durch die Gründung des Theatervereins. Gewerbe und Handel begleiten die positive Aufbruchstimmung, die Industrialisierung rückt ins Blickfeld. Im Januar 1946 nimmt die Firma Steiger & Deschler mit 120 Beschäftigten an hundert mechanischen Webstühlen ihre Stoffproduktion wieder auf. In der Bahnhofstraße etabliert sich eine Zweigstelle der Mineralölfirma Adolf Präg, und Helmut Sallinger beginnt mit seiner Lackfabrikation. Er leistet Pionierarbeit mit seinem Betrieb, der in den Folgejahren unter dem Namen Neodon zu einem bedeutenden Unternehmen der Teppich- und PVC-Kunststoffboden-Herstellung werden soll.
Nach fast 13 Jahren – und neun Monate nach der Besatzung – findet am 27. Januar 1946 der Urnengang zur ersten demokratischen Wahl nach dem Krieg statt: Die Krumbacher wählen ihren Stadtrat. Die zuvor im September 1945 von der Militärregierung eingesetzten Stadträte unter Bürgermeister Otto Steinhart treffen sich im Januar 1946 zur letzten Sitzung in dieser personellen Zusammensetzung. Bürgermeister Steinhart beschreibt den „Trümmerhaufen, vor dem wir in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht stehen“ und betont, dass es jetzt gelte, den kommenden Tagen zuversichtlich ins Auge zu sehen „und unter Wahrung gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Vertrauens weiter zu schaffen, bis wir einigermaßen über dem Berg sind“.
Aus der Erkenntnis, dass die Heimatstadt vor große Aufgaben gestellt ist und der Parteienkampf die Kräfte nur zersplittern würde, entschließt sich der Wahlausschuss der Stadt, den Wählern „Männer und nicht Parteien zur Wahl vorzuschlagen“. Deshalb kann sich die Bürgerschaft bei dieser ersten demokratischen Nachkriegswahl von Kandidaten der „Christlich Sozialen Union“ (CSU), der Sozialdemokraten (SPD) und der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD) stützen. Die beachtliche Wahlbeteiligung stellt dem allgemein hohen Verantwortungsbewusstsein ein gutes Zeugnis aus: Über 85 Prozent aller Wahlberechtigten gehen zur Urne, bei der Auszählung müssen nur 17 Stimmen als ungültig gewertet werden.
Aus der Wahl gingen folgende 15 Männer als fortan ehrenamtlich tätige Magistratsmitglieder hervor: Fabrikant Otto Steinhart, Kaufmann Anton Hauff, Schreinermeister Georg Nagenrauft, Landwirt Franz Miller, Uhrmachermeister Valentin Harder, Tapeziermeister Georg Kusterer, Bahnobersekretär Martin Hacker, Fabrikant Josef Reiner, Gärtnermeister Wilhelm Steinle, Kaufmann Ernst Karch, die Gastwirte Johann Ewen und Jakob Schmid, Landwirt August Krämer, Spenglermeister Alois Grotz und Kellermeister Hermann Boos. Aus der Mitte des Stadtrates wählte das Plenum bei seiner konstituierenden Sitzung am 31. Januar 1946 Otto Steinhart wieder zum ersten Bürgermeister und Jakob Schmid zu seinem Stellvertreter. Aus gesundheitlichen Gründen musste Otto Steinhart dann zur Jahreswende 1947 vom Amt des ersten Bürgermeisters zurücktreten. Die nächsten allgemeinen Kommunalwahlen fanden im April 1948 statt.
Zu guter Letzt einige markante Begebenheiten und Ereignisse in diesem Nachkriegsjahr 1946, entnommen der von Walter Gleich zusammengestellten Dokumentensammlung „Krumbach (Schwaben) in Stichworten“:
Die Militärregierung genehmigt für den von den Fußballern organisierten ersten Faschingsball nach dem Krieg „am 24. Februar von 16 bis 22 Uhr“. Im Stadtsaal. Von den Büttenreden muss sich ein auf dem Ball befindliches Mitglied der amerikanischen Militärregierung wohl so provoziert gefühlt haben, dass er bei der Kommandantur das Ende der Veranstaltung (mit immerhin rund 500 Teilnehmern) erwirkt hat und die Besucher am helllichten Tag den Saal verlassen mussten.
Im März trat das von der Besatzungsmacht den Ländern aufgezwungene Gesetz zur „Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ in Kraft: Hat bedeutet, dass nun jeder Bürger einen Fragebogen mit insgesamt 133 Fragen zur Person, zu Bildungsgang, beruflicher und militärischen Tätigkeiten beantworten musste. Die Abgabe dieses Bogens war Voraussetzung für jedes Beschäftigungsverhältnis und den Erhalt der Lebensmittelkarte. Ebenfalls im März kommen mit insgesamt 24 Sammeltransporten in Krumbach 9774 Heimatvertriebene an, die zunächst an die Auffanglager bei der Firma Knoll und in das Reichsarbeitsdienstlager in der Burgauer Sraße kommen und von dort den umliegenden Gemeinden zur Unterbringung zugeteilt werden. In Krumbach selbst verbleibt etwa ein Drittel der Ankömmlinge, untergebracht in den weiteren Flüchtlingslagern im Stadtsaal und dem „Bärensaal“ in der Bahnhofstraße.
In den Folgemonaten bis in den November hinein treffen noch zahlreiche Vertriebenentransporte in Krumbach ein. Im April verlassen die amerikanischen Besatzungsgruppen die Stadt. Und es finden Kreistagswahlen statt, in deren Folge die 28 neu gewählten Kreistagsmitglieder mit 26 Stimmen Dr. Fridolin Rothermel aus Bayersried zum Landrat des Landkreises Krumbach wählen. Er sollte dieses Amt bis zu seinem Unfalltod im Oktober 1955 innehaben.
Ein „Tagebucheintrag“ am 13. Juni lautet: „Laut Stadtratsbeschluss wird eine städtische Gemeinschaftsküche eingerichtet, die aus Mitteln des städtischen Hilfswerks, das zu diesem Zeitpunkt über einen Fond von rund 39.000 Reichsmark verfügt, finanziert wird. Mit der Leitung der Küche wird Willi Strobel beauftragt. Die Unterbringung der Gemeinschaftsküche ist im Saal des Rotkreuzhauses in der Mindelheimer Straße 14, das sich auch im Eigentum der Stadt befindet. Der Bezirksfürsorgeverband des Landratsamtes hat sich verpflichtet, 50 Prozent der anfallenden Kosten zu tragen. Es werden täglich bis zu 120 Mittagessen ausgegeben. Fürsorgeempfänger können kostenfrei an der Mittagsverpflegung teilnehmen, in „besser gestellten Fällen“ soll eine Anerkennungsgebühr von 10 Pfennig bezahlt werden. Das Ernährungsamt (Landratsamt) ruft alle Landwirte des Landkreises Krumbach auf, „zur Speisung von Hilfsbedürftigen und Flüchtlingen durch die Gemeinschaftsküche in Krumbach Hülsenfrüchte, Kartoffel und sonstige Lebensmittel“ zu spenden. In den Räumlichkeiten des Rotkreuzhauses wurde auch eine „Wärmestube“ eingerichtet.
Und dem Stadtrat obliegt es, einen weiteren Beschluss zu vollziehen, der nun die Volksbücherei betrifft: „Nach Abschluss der Säuerung von nationalsozialistischer Tendenzliteratur verbleibt von der ehemaligen Volksbücherei (1938 errichtet) nur noch ein kleiner Restbestand, der als öffentliche Bibliothek nicht mehr zu verwenden ist“. Da die kath. Pfarrbibliothek selbst noch einen größeren Bestand an Büchern hatte, wurde der verbleibende Rest der Volksbücherei dem kath. Pfarramt zum Kauf angeboten.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren