Der Statthalter des römischen Kaisers, Augustus, P. Quinctilius Varus, bricht auf vom Rhein in Richtung Weser. An einem regnerischen Septembertag tappen seine drei Legionen, mit Hilfstruppen insgesamt mindestens 20 000 Mann, in einem unwegsamen Gelände in eine Falle. Gestellt wurde sie ihm von Arminius, einem in Diensten der Römer stehenden Adeligen der Cherusker. "Eingeschlossen in Wälder und Sümpfe, in einem feindlichen Hinterhalt, wurden sie Mann für Mann abgeschlachtet", schildert der römische Historiker Velleius Paterculus in einem rund 20 Jahre später entstandenen Bericht.
Vor allem im 19. Jahrhundert wurde diese "Schlacht im Teutoburger Wald" zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt, weil Arminius, dessen Name zu Hermann eingedeutscht wurde, die germanischen Stämme im Kampf gegen die Römer vereint habe. Nicht zuletzt glaubte man bis vor wenigen Jahren, dass die Schlacht ein solcher Schock für die antike Supermacht war, dass sie sich schlagartig aus Germanien zurückzog und auf die Provinz verzichtete. Eine solche Deutung geht auf die im 16. Jahrhundert wiederentdeckten "Annalen" des römischen Geschichtsschreibers Tacitus zurück, der Arminius als den "Befreier Germaniens" bezeichnete.
Die Wissenschaft sieht es jedoch anders: Einen Einschnitt für die römische Politik habe die Schlacht nicht bedeutet, betonen die Historiker Rainer Wiegels und Reinhard Wolters. "Mehrere Legionen sind der römischen Armee oft verloren gegangen, aber es war sicherlich eine der härteren Niederlagen, die Rom erlitten hat", stellt Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück klar.
Um ihre Provinzen auf der Seite links des Rheins gegen Überfälle von Germanenstämme zu sichern, schickte Rom ab 12 vor Christus Truppen über den Fluss. "Man hat in Rom im Januar 7 vor Christus schon einen Triumph über das bis zur Elbe besiegte Germanien gefeiert", berichtet der Tübinger Althistoriker Reinhard Wolters. Kaiser Augustus habe noch bis zu seinem Tod im Jahre 14 Germanien bis zur Elbe zum Römischen Reich gerechnet. "Die Varus-Katastrophe wird von ihm nicht einmal mehr erwähnt", sagt er.
Nun ist die Frage, ob es sich bei dieser Einschätzung um das starrsinnige Verhalten eines alten Staatsmannes handelt oder das Verhältnis zwischen Römern und Germanen nicht doch tatsächlich anders war, als viele Deutsche es einst in der Schule lernten. Es spricht vieles dafür, dass Rom noch Jahrzehnte nach der Varusschlacht Kontrolle auf germanischem Gebiet ausübte, sagt Rainer Wiegels. "Es ging Rom nicht darum, zu sagen, wir siegen und haben eine Provinz", betont Wiegels. Das seien Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Der römische Staat habe noch Jahrzehnte später Könige bei germanischen Stämmen eingesetzt. Handel sei ohnehin getrieben worden.
Kaiser Tiberius stoppte im Jahre 16 bald nach seinem Amtsantritt seinen Feldherrn Germanicus, der sich weiterhin blutige Scharmützel mit renitenten Germanen lieferte. Aber auch das bedeute nicht, dass Rom seinen Machtanspruch auf das Gebiet aufgegeben habe, betont Moosbauer. Tiberius war zuvor fast ein Jahrzehnt lang militärisch in Germanien engagiert, er kannte die Verhältnisse sehr gut. "Man mischt sich weiter ein, aber nutzt nicht militärische, sondern diplomatische Mittel", sagt Moosbauer. Rom habe Macht ausgeübt, indem es die örtlichen germanischen Machthaber und Adeligen kontrolliert habe, ist Wiegels überzeugt.
Um das Gebiet zu kontrollieren, seien in der Anfangszeit von 12 vor Christus bis 16 nach Christus tatsächlich militärische Lager wie Haltern oder Oberaden am Fluss Lippe gebaut worden. Es gab auch viele Schlachten, sagt Wolters, die Varusschlacht sei nicht die einzige gewesen. Vor allem hätten die Feldzüge wohl dazu gedient, innenpolitisch zu punkten. "Die Feldherren waren Familienangehörige des Augustus", sagt er. Mit dem Wechsel an der Spitze des römischen Staates von Augustus auf Tiberius sei damit ein wichtiges Motiv für die Kriege entfallen.
Vielleicht ging von den Germanen auch schlicht keine Gefahr mehr fürs Römische Reich aus, vermutet Wiegels. "Man wollte die Bewohner ihren eigenen Streitigkeiten überlassen, hatte aber weiter ein Auge auf sie", sagt der Wissenschaftler. Die oft auch untereinander zerstrittenen Germanenstämme seien in dieser Zeit ganz einfach zu schwach gewesen, um eine Bedrohung für die Weltmacht zu sein.