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50 Jahre Punk: Wie Sex Pistols und Ramones Musik und Gesellschaft prägten

Musik

50 Jahre Punk: Wie Sex Pistols, Ramones und andere Rebellen die Gesellschaft erschütterten

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    Die britische Punkband Sex Pistols schockte in den 70er Jahren die Öffentlichkeit auf der Insel.
    Die britische Punkband Sex Pistols schockte in den 70er Jahren die Öffentlichkeit auf der Insel. Foto: -/UPI, dpa

    Da verschlug es vielen Briten den Appetit auf das Abendessen: In der Vorabendsendung „Today“ des regionalen Fernsehsenders „Thames Television“ hatte es ein junger Rotzlöffel gewagt, das Wort „Scheiße“ in den Mund zu nehmen, und ein anderer beschimpfte den Moderator Bill Grundy gar als „dreckigen Bastard“ und „verdammten Mistkerl“. Solch eine Schimpfkanonade zur besten Sendezeit hatte es bisher im britischen TV noch nicht gegeben. Tagelang schäumten die Boulevardblätter. Die schimpfenden Jungspunde gehörten zur Punkband Sex Pistols und hatten gerade mal ein Stück veröffentlicht („Anarchy In The UK“). Doch nach diesem 1. Dezember 1976 war die Musikwelt auf der Insel nicht mehr dieselbe.

    Das Phänomen Punk war in aller Munde und brachte einer ruppigen, rotzigen Spielart der Rockmusik eine Aufmerksamkeit, die sie das gesamte Jahr davor nicht bekommen hatte. Die Bewegung, die in Clubs und kleinen Hallen vor sich hin gebrodelt hatte, kochte plötzlich über. Damit war 1976 das Jahr, in dem der Punk, kaum aus dem Ei geschlüpft war, sein struppiges Gefieder schüttelte und im wahrsten Sinne des Wortes loskrähte.

    Wer hat den Punk erfunden?

    Die Gelehrten streiten sich immer noch, wer denn den Punk erfunden hat. Das Wort findet sich bereits bei Shakespeare und bezeichnet eine Prostituierte. Die entsprechend räudige Musik spielten aber zuerst Amerikaner, die New York Dolls und vor allem die Ramones. In zerrissenen Jeans und schwarzen Lederjacken knüppelten sie seit der Gründung im März 1974 ultrakurze, rasante Stücke mit deutlicher 50er-Jahre-Schlagseite in die Menge. Zwar gab es schon früher Bands, die in den 60ern wüst gerockt hatten wie die Kinks („You Really Got Me“), Iggy Pops Stooges oder die US-Krawallrocker MC5 („Kick Out The Jams“), doch die Ramones trieben es auf die Spitze mit ihren extrem abgespeckten Drei-Akkorde-Nummern. Die Kunde davon brachte der britische Ex-Kunststudent Malcolm McLaren nach einem New-York-Aufenthalt in seine Heimat. Er übernahm das Management der Sex Pistols, die unter diesem provokanten Namen am 5. November 1975 ihren ersten Auftritt spielten, mit teilweise geklauter Ausrüstung.

    Damals versuchten etliche junge Männer – und nur sehr wenige Frauen – über die Musik einem Schicksal als Arbeitsloser oder Hilfsarbeiter zu entkommen, denn Großbritannien litt Mitte der 70er Jahre unter einer hartnäckigen Wirtschaftskrise mit hohen Arbeitslosenzahlen. Der Punk war für viele deshalb so attraktiv, weil sich damit wunderbar gegen die Klassengesellschaft stänkern ließ, mit abgerissenen Klamotten, mit Stachelhaaren, mit Sicherheitsnadeln in den Ohren. Und mit einer Musik, die keine Ansprüche an die handwerklichen Fähigkeiten stellte, die bewusst dilettantisch gehalten war nach dem Motto: Wir sind nicht talentierter als unser Publikum. Es war ein Akt von Selbstermächtigung der Unterprivilegierten. Wer als versierter Musiker etwas auf sich hielt, schaute herablassend auf die rüpelnden Jungmusiker und sparte nicht Urteilen wie: „Punk ist eigentlich nur schlechter gespielter Hardrock.“ Doch Perfektion war den Punks nicht wichtig, es zählte das Gefühl, mit wenig Können etwas zu erreichen.

    Die Feinde der Punk-Bands waren Led Zeppelin und Pink Floyd

    Bands wie die Pistols, The Damned, The Clash oder die anfangs äußerst ruppigen Stranglers wollten sich von der etablierten Rockmusik absetzen, die immer virtuoser, perfekter, größer und auch großspuriger wurde. Die „Feinde“ hießen Led Zeppelin und nicht zuletzt Pink Floyd, die „langweiligen alten Fürze“. Legendär ist der Auftritt von Pistols-Sänger John Lydon alias Johnny Rotten im Modeladen von McLarens Partnerin Vivienne Westwood. Dort kreuzte er mit einem Pink-Floyd-T-Shirt auf, das er mit den Hass-Worten „I hate“ ergänzt hatte.

    Das Phänomen Punk, das zwar in den USA begonnen, aber erst in Großbritannien seine volle Kraft entwickelt hatte, brauchte eine Weile, bis es in der Bundesrepublik ankam. Eine wichtige Rolle spielte der Musikjournalist und spätere Gründer des Zickzack-Labels Alfred Hilsberg ein. Er hatte 1976 in London die ersten Punkbands gesehen und veranstaltete ab Januar 1977 Punkkonzerte in Deutschland. „Es gab damals in Deutschland keine Jugendkultur“, erzählte er dem Journalisten Jürgen Teipel für dessen Dokumentation „Verschwende deine Jugend“ über den deutschen Punk und New Wave. Der Zusammenbruch der linken K-Gruppen habe ein großes Vakuum hinterlassen. „Danach gab es nichts mehr, was noch irgendwas mit der Wirklichkeit von Jugendlichen zu tun hatte.“

    Auch das gehörte zum Punk: eine freche Parodie auf Donald Duck, der in diesem Heft von 1982 zum Punkrocker wird und gegen die Panzerknacker rocken muss.
    Auch das gehörte zum Punk: eine freche Parodie auf Donald Duck, der in diesem Heft von 1982 zum Punkrocker wird und gegen die Panzerknacker rocken muss. Foto: Ronald Hinzpeter

    Inspiriert vom britischen Punk-Geist taten es hierzulande viele Jugendliche den Altersgenossen von der Insel gleich und kultivierten ihre Anti-Haltung gegenüber einer als spießig empfundenen Gesellschaft. Anders sein, Leute schocken, darum ging es. Jürgen Engler, später Sänger und Gitarrist der Band Die Krupps, schildert seine Erlebnisse so: „Als ich zum ersten Mal mit dickem Vorhängeschloss um den Hals in die Schule kam, war das schon nicht so easy. Aber wenn ich mit meinen abgeschnittenen Haaren und selber durchlöcherten Hosen durch die Altstadt gegangen bin: Ich bin abgepöbelt worden! Ich bin verprügelt worden!“ Er musste sich Sätze anhören wie: „Unter Hitler wärste vergast worden.“

    Jäki Eldorado gilt als Deutschlands erster Punk

    Jochen Hildisch gilt unter seinem Pseudonym Jäki Eldorado als „erster Punk Deutschlands“. Er verließ das Elternhaus, schmiss die Schule und erfand sich eine neue Identität, wie er sagt: „Du siehst anders aus als die anderen, du legst dir einen anderen Namen zu, du hast keine Geschichte. Das waren die tollen Momente des Punk. Dass man sich selber erfinden konnte.“ Später arbeitet er als Tourneemanager unter anderem für Die Ärzte, Tokio Hotel und Robbie Williams. Mit Deutschlands erfolgreichster Punkband, den Toten Hosen war er ebenfalls unterwegs. Die können aber eher als Spätberufene durchgehen, denn ihr erstes Konzert spielten sie 1982. Heuer steht ihre womöglich letzte Tournee an.

    Ist Punk also tot? Nein, der Stil und der Geist leben weiter, auch wenn es den Punk-Look schon längst im Kaufhaus gibt und blau gefärbte Haare nicht mehr zum Schulausschluss führen. Und: Mit drei Akkorden lässt sich immer noch wunderbar lärmen.

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