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Bayreuther Fstspiele
28.07.2019

Richard Wagner zieht das deutsche Schwert

In Kürze wird Beckmesser (Johannes Martin Kränzle, vorne links) hinter dem Bild von Richard Wagner von Nürnberger Bürgern zusammengeschlagen werden.
Foto: Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Die nationalen beziehungsweise nationalistischen Töne in den Opern „Tannhäuser“, „Lohengrin“ und „Meistersinger“

Dass Richard Wagner in seinem Werk pathetisch-nationale, wenn nicht pathetisch-nationalistische Grundtöne anschlägt, ist gewiss kein Zufall. Der Rhein, die Wartburg, Nürnberg etwa waren für ihn Kristallisationspunkte deutscher (Kultur-)Geschichte. Zufall aber ist es, dass am Beginn der Bayreuther Festspiele 2019 genau jene drei Opern Wagners (in Entstehungs-Chronologie) platziert sind, in denen das herbeigesehnte Wohl und das stark befürchtete Wehe Deutschlands explizit angesprochen werden: „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Meistersinger“.

Im „Tannhäuser“ erinnert der thüringische Landgraf Hermann daran, dass seine Minneritter – „ein tapferer, deutscher, weiser und stolzer Eichwald“ – in „blutig ernsten Kämpfen“ für des „deutschen Reiches Majestät“ stritten und verderbensvollem Zwiespalt wehrten. Im „Lohengrin“ singt König Heinrich unter Verweis auf des „Reiches Feind“ aus dem „öden Ost“: „Für deutsches Land das deutsche Schwert! So sei des Reiches Kraft bewährt!“ Und in den „Meistersingern“ mahnt Hans Sachs in seiner finalen Schlussansprache nicht nur, die deutschen Meisterkünstler zu ehren, sondern auch: „Habt acht! Uns dräuen üble Streich’! Zerfällt erst deutsches Volk und Reich, in falscher, welscher Majestät, kein Fürst bald mehr sein Volk versteht.“ So schürt man Angst.

Aber im Bayreuth 2019 ist es nur einer unter den drei Regisseuren dieser Opern, der dem nationalen Grundakkord Wagners auch szenischen Resonanzraum gibt: Barry Kosky in den „Meistersingern“. Und dieser Resonanzraum stellt sich bei der Wiederaufnahme in diesem Jahr doch ein wenig anders dar als in der Premiere 2017. Damals erschien die Prügelattacke entfesselter Nürnberger Bürger auf den nachweislich von Wagner jüdisch angehauchten Beckmesser etwas holzhammerhaft-plakativ, Sachsens Schlussansprache im Saal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse dagegen bedeutungsvoll.

Ist der Saal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse nur eine Hülle?

Doch nun stellt sich Umgewichtung ein: Zumal nach dem ausgelassen-komischen Spiel einer Art Hassliebe zwischen Sachs (fulminant: Michael Volle) und Beckmesser (Johannes Martin Kränzle mit einer sängerdarstellerischen Charakterstudie der Extraklasse) überzeugt der antisemitische Gewaltausbruch im zweiten Aufzug mit der aufziehenden riesigen Karikatur eines orthodoxen Juden weit mehr – während man im dritten Aufzug mittlerweile räsoniert, ob der nachgebaute Saal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse trotz der Ansprache von Sachs nicht doch mehr eine Behauptung, eine Hülle, ein folgenloser Verweis bleibt – kaum in scharfen Kontrast gesetzt zur ansonsten spielfreudigen Inszenierung. So kann sich die Wirkung von Ansichten wandeln.

Dass aber das (kunst-)politische Lied, wie es jetzt in Bayreuth im tolldreisten neuen „Tannhäuser“ und den „Meistersingern“ gesungen wird, kein garstiges Lied, sondern ein aussagekräftig-relevantes Lied ist, zeigt der ebenfalls wiederaufgenommene „Lohengrin“ von 2018 mit seinen E-Werk-Motiven. Neo Rauch und seine Frau hatten dafür eine surreal-verrätselte Ausstattung entworfen, wie es ihre Mal-Art ist, doch im Verbund mit der obsolet-stereotyphaften Regie bleibt die Inszenierung letztlich doch im bloß Geschmackvollen und Konventionellen, ja im leicht Faden stecken.

Klaus Florian Vogt einmal mehr eine Sensation

Warum dieses Produktionsteam genau diese Geschichte erzählt, wird nicht recht ersichtlich. Gut und einigermaßen rettend ist es da, wenn zumindest Wagners Musik triumphiert. Christian Thielemann mag ein schwieriger Mensch sein, aber dirigieren, gestalten, nuancieren kann er so überragend, dass er dem wenig inspirierten al-fresco-Kollegen Valery Gergiev („Tannhäuser“) himmelhoch überlegen ist und auch dem „Meistersinger“-Kollegen Philippe Jordan den Rang abläuft, der gewiss einen schlanken und atmosphärischen Abend hinlegt. Kommt noch der abermals sensationelle Klaus Florian Vogt als Lohengrin hinzu, der einmal mehr und immer demonstrativer beglaubigt, dass Wagner auch liedhaft, zart, empfindsam angegangen werden kann. Und dann noch – einen Tag später – beweist, dass er den Stolzing aus den „Meistersingern“ mit Muskelfleisch um den Stimmkern draufsetzen kann. Unglaublich – und zweimal lange gefeiert. Auch Camilla Nylund ist an aufeinanderfolgenden Tagen in Bayreuth kräftezehrend gefragt – als Elsa im „Lohengrin“, als Eva in den „Meistersingern“. Und auch sie stellt lyrische Leuchtkraft über bloßes Volumen – und rührt damit an. Für die Überwältigungsmomente haben wir ja die wuchtigen Bayreuther Chöre (Einstudierung: Eberhard Friedrich).

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