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Geschichte

09.11.2020

„Der Jude!“ Die Kinonotizen des Victor Klemperer

Als „Das unsterbliche Herz“ 1939 in die deutschen Kinos kam, war es Victor Klemperer durch die NS-Rassengesetze bereits verboten, ein Lichtspielhaus zu betreten.
Bild: Aufbau, dpa

Die Aufzeichnungen des jüdischstämmigen Victor Klemperer sind Zeugnisse eines Lebens unter den Nazis. Jetzt erscheint von ihm das „Kinotagebuch“.

Anfang März 1945, gerade erst der Bombardierung Dresdens entkommen und nun inkognito auf der Flucht, notiert der jüdischstämmige Victor Klemperer irgendwo im Vogtländischen in sein Tagebuch: „Seit wir hier untergekommen, dürften meine Chancen des Überlebens einigermaßen auf 50 % gestiegen sein.“ Für anderes hegt er weniger Hoffnung. „Höchstens 10 % Chance“ auf Fortbestand gibt er seinen ihm so teuren Manuskripten, die unter anderem „alle Tagebücher umfassen“.

Die düstere Prognose bewahrheitete sich nicht. Klemperers Manuskripte überdauerten den Krieg, und die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945, unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ erst posthum Mitte der 90er Jahre veröffentlicht, wurden sogar zum Bestseller, TV-Verfilmung inklusive. In ihnen schildert der Dresdner Romanistikprofessor bewegend, wie es ihm als konvertierten Juden und Ehemann einer „Arierin“ in der Zeit des Nationalsozialismus erging – wie die Schraube der Schikanen sich Mal um Mal weiterdrehte, wie der Alltag zur Lebensbedrohung wurde und wie er selbst die mörderische Zeit letztlich doch überlebte.

Klemperers "Zeugnis" wurde zum Bestseller

So seitenstark die im Aufbau-Verlag erschienene Edition der Tagebücher auch war, enthielt die Veröffentlichung doch nicht sämtliche Aufzeichnungen Klemperers. Unter anderem weggelassen wurden zahlreiche Niederschriften, in denen sich der 1881 geborene Kulturwissenschaftler über seine große Leidenschaft, das Kino, ausließ. Zusammen mit seiner Frau Eva hatte er das Aufkommen des neuen Kunstgenres mitverfolgt und sich zu kritisch-reflektierender Begleitung veranlasst gesehen. Jetzt liegen diese Notizen vollständig und hinreichend kommentiert unter dem Titel „Licht und Schatten“ als „Kinotagebuch“ der Jahre 1929 bis 1945 vor. Die meisten der das Kino betreffenden Einträge erscheinen damit erstmals im Druck; andere, nicht primär dem Film gewidmete Notate, kennt man bereits aus „Ich will Zeugnis ablegen“. Dass sie dennoch in das „Kinotagebuch“ mitaufgenommen wurden, dürfte der Erwägung geschuldet sein, das Leben des Victor Klemperer während der NS-Diktatur noch einmal im Zusammenhang zu präsentieren – in seiner Beispielhaftigkeit ebenso wie in seiner Außergewöhnlichkeit, was nur scheinbar ein Paradox ist.

1929 besucht der Professor an der TH Dresden noch unbefangen die Lichtspielhäuser der Stadt. Und ereifert sich über die technische Neuerung, die gerade Einzug hält: der Tonfilm. All die stummen Stars der damaligen Zeit, sie hört man jetzt sprechen und singen, und wie: Die Stimmen, „besonders weibliche“, klingen „entstellt, wie in einen Topf gesprochen“. Für Klemperer ein Graus, er gibt sich ästhetisch konservativ: „Film muss Ausdruckskunst sein, dem Ballett ähnlich, oder er ist ein widerwärtiger toter Mechanismus und ein misstöniger dazu“. Und so steht für ihn erst einmal fest: „Eine gemordete Kunst, der Tonfilm!“

Unermüdlich im Niederschreiben des Gesehenen: Victor Klemperer (1891–1960).
Bild: Aufbau/dpa

Das Verdikt pflegt er etliche Jahre, doch irgendwann kann auch er die Ohren nicht mehr verschließen vor den verbesserten technischen Möglichkeiten. Das endgültige Eingeständnis kommt 1933 mit dem Streifen „Das lockende Ziel“, in dem der Tenor Richard Tauber mitwirkt, „zum ersten Mal ein wirklich guter Tonfilm“. Die Handlung – als Nacherzähler liegt Klemperer der pointillistische Tupfer mehr als der breite Pinselstrich – liest sich wie eine Schmonzette, dennoch kommt der Verfasser zu dem Schluss: „Kein Kitsch, keine Sentimentalität.“ Dabei kann er, wenn es ihm im Kinosessel zu bunt wird, tüchtig austeilen mit Worten. „Schauerlicher Hinterstertreppenmist“ ist nur eine seiner deftigen Kreationen.

Ende 1938 darf Klemperer nicht mehr ins Kino gehen

Derweil hat sich die politische Lage verdüstert, das bekommt auch der zum Protestantismus konvertierte Jude zu spüren. Unter anderem im Kino. Nicht nur, dass vor der Filmvorführung jetzt immer ein „Beiprogramm“ zu sehen ist, in dem das neue Regime für sich platt Reklame macht, Klemperer nennt das den „qualvollen politischen Teil“. Auch das Publikum im Saal hat sich verändert. Als während einer Filmstory ein „waffenschiebendes Levantiner-Scheusal“ (Formulierung Klemperer) auf der Leinwand erscheint, entfährt es einer Zuschauerin im Saal: „Der Jude!“ Die zunehmend bedrückende Situation – Klemperer wird 1935 die Lehrbefugnis entzogen – färbt auch auf das sorgsam gepflegte Ritual des Kinogangs ab. Noch sind es zwar „zwei Stunden erfreulichster Ablenkung“; nach Verlassen des Kinos aber kommt bei ihm und seiner Frau „große Wehmut u. Bitterkeit“ auf. „Mit welcher Selbstverständlichkeit waren wir früher zwei- u. dreimal wöchentlich im Film, und wie leicht und erfüllt floss uns früher das Leben! Und jetzt …“

Aus heutiger Sicht ist es geradezu unheimlich zu verfolgen, wie der scharfsichtig beobachtende Klemperer, während Verwandte und Bekannte aus Deutschland emigrieren, „die Dinge fatalistisch kommen“ lässt, wie er notiert. Die Entrechtungen nehmen zu, der Wissenschaftler darf keine Bibliothek mehr betreten, kein Auto mehr steuern, Ende 1938 ist ihm auch der Gang ins Kino untersagt. Sieben Jahre wird das so sein, gerade noch hat er den Einzug des „Farbenfilms“ skeptisch kommentiert. Doch die Schikane vermag die Leidenschaft nicht zu schmälern. Als Klemperer gezwungen wird, in ein „Judenhaus“ umzuziehen, und den Großteil seiner Habe zurücklassen muss, will er nicht auf die Zeugen seiner Filmerlebnisse verzichten: „Die großen Kinoprogramme mit ihren amüsanten Bildern sollen bewahrt werden.“ Also nimmt er sie mit in die aufgezwungene neue Behausung.

Ostersonntag, 1. April 1945 - nach Jahren wieder im Kino

Das Bombardement von Dresden im Februar 1945 wird für Klemperer zum rettenden Moment. In dem Flammeninferno reißt er den Judenstern von sich ab – die Deportation wäre noch in den letzten Kriegsmonaten nicht auszuschließen gewesen. Zusammen mit seiner Frau wagt er die Flucht, die ihn ins Bayerische und bis nach Unterbernbach in den heutigen Landkreis Aichach-Friedberg führen wird, wo er das Kriegsende erlebt. Zuvor, auf einer Zwischenstation im Vogtland – es ist der 1. April, Ostersonntag – betritt Klemperer zum ersten Mal wieder ein Kino, „Wen die Götter lieben“. Noch am selben Tag notiert er, ganz der alte, dass die verfilmte „Mozartbiografie nach Inhalt und Schauspielkunst Mittelgut“ gewesen sei.

Nicht einmal drei Monate später, Deutschland hat inzwischen kapituliert, kehrt Klemperer nach Dresden zurück. Und führt am 23. Juni sein Tagebuch fort mit dem Eintrag, dass er „übervoll von Plänen und Arbeitslust“ sei und auch von „Genusssucht“: „Noch einmal gut essen, gut trinken, gut Autofahren, gut am Meer sein, gut im Kino sitzen …“ Noch 15 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1960 in Dresden, war ihm das möglich.

Das Buch: Victor Klemperer: Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929–1945. Aufbau, 363 S., 24 €.

Lesen Sie auch: Warum das Wort Rasse aus dem Grundgesetz verschwinden soll

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