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Geschichte
14.07.2017

Wo Literaten und Künstler ihre Landlust fanden

Ludwig Thoma (sitzend links) und Ludwig Ganghofer (hinten rechts) mit Freunden am Tegernsee.
Foto: Monacensia

Ludwig Thoma, Thomas Mann und viele andere schätzten die Sommerfrische am Tegernsee. Dann aber verdunkelte sich das alpenländische Idyll

Als Bayer kann man im Sommer kaum anders, als sich aufzumachen in die Berge, an die Seen. An warmen, hellen Tagen in Richtung Alpen, das ist das kollektive Sehnsuchtsziel, und nicht erst in unseren Tagen. Schon im 19. Jahrhundert wussten die, die es sich damals leisten konnten – der Adel also und das gehobene Bürgertum – um die Reize des Landstrichs im Süden von München. Kein Wunder, dass Maximilian I. in den 1820er Jahren seinen Architekten Klenze damit beauftragte, das säkularisierte Kloster Tegernsee zum königlichen Landsitz herzurichten.

Längst hat sich der Gang in die alpenländische Sommerfrische demokratisiert, mit entsprechenden Folgen. Wer heute auf den Tegernsee zusteuert, steckt schnell in einer Blechschlange fest, die sich nur ruckweise dem Ziel entgegen bewegt. Freilich, blitzt einem dann erst einmal der See türkis entgegen, ist die Mühsal vergessen und man blickt hingerissen auf das Bilderbuch-Arrangement aus Wasser, Berggipfeln und Himmelsbogen.

Das Bild hat seit jeher auch auf Künstler seine Wirkung nicht verfehlt. Davon erzählt gerade eine Ausstellung im Tegernseer Olaf Gulbransson Museum, in dem das Münchner Literaturarchiv Monacensia den Tegernseer Spuren bekannter Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgeht. Von den alten Fotos und Manuskripten der Schau nimmt der Besucher nicht zuletzt eines mit: Vieles von dem, was Literaten, Maler, Musiker von hundert Jahren am Alpenrand suchten und fanden, unterschied sich nicht grundsätzlich von dem, wonach der heutige Urlauber Ausschau hält.

„Abgefallen alle Erdensschwere …“ Wohl keiner, der ins Tegernseer Tal kommt, wird nicht den Erleichterungsseufer nachvollziehen können, den Leo Slezak hervorbrachte beim Blick auf Berge und See. So wie der hochberühmte Sänger fühlten viele weitere Künstler der Jahrhundertwende. Die großen Städte wie München waren zwar Kulminationspunkte des künstlerischen Austauschs. Doch fühlten sich empfindliche Geister angesichts des hektischer werden Pulses der Metropolen zunehmend unwohl und suchten nach Alternativen – nicht zuletzt, um ihrer Arbeit in Ruhe nachgehen zu können. In der intakten Landschaft und in Gesellschaft der bäuerlichen Bevölkerung am Tegernsee fanden sie jene Ursprünglichkeit, nach der sie suchten. Zumal die Gegend zwar weit genug, aber doch auch nicht allzu weit von München entfernt lag.

Ludwig Thoma war einer der ersten Literaten, die es an den Tegernsee zog, und er zog andere gleich mit. Als Chefredakteur der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ hielt er sommerliche Redaktionssitzungen beim Sixbauern in Finsterwald ab. Da wurde nicht nur besprochen, welche Pfeile man in der nächsten „Simpl“-Nummer abzuschießen gedachte, es wurde auch ausgiebig das Leben in der Natur genossen und mit Gästen gefeiert – etwa mit einem zweitägigen „Preisschießen“ zu Ludwig Ganghofers 50. Geburtstag im Juli 1905. Thoma, der beim Sixbauern unter anderem seine „Lausbubengeschichten“ schrieb, bezog wenig später ein Landhaus in Rottach, wo er fortan sein eigenes bäuerliches Idyll lebte. Und auch der „Simplicissimus“-Zeichner Olaf Gulbransson ließ sich dauerhaft auf einen Bauernhof am See nieder.

Wer nicht kaufte, mietete sich ein. Thomas Mann verbrachte im Spätsommer 1918 zwei Monate standesgemäß in einer Villa und schlug im Rückblick auf diesen Aufenthalt hohe Töne an: Haften geblieben vom See seien ihm das „erregende Wasser“ und die „Lido-Eindrücke am Badestrand“. Wohingegen die Erinnerungen des Sohnes Golo nüchterner ausfielen: Ihm blieb die Mutter Katja im Gedächtnis, wie sie – es war das letzte Weltkriegs-Jahr – mit dem Fahrrad den anstrengenden Weg nach Gmund bewältigte, um Essbares zu besorgen. Kurios übrigens, wenn man in der Ausstellung sieht, dass ein paar Jahrzehnte zuvor schon ein gewisser Senator Mann aus Lübeck mit seiner Frau die bayerische Sommerfrische genossen hatte und ebenso das Münchner Ehepaar Pringsheim: die Eltern von Thomas und Katja Mann am Tegernsee – lange bevor ihre Kinder zusammenfanden.

Blieb Thomas Mann bei aller Bewunderung für die Landschaft doch in großbürgerlicher Distanz, suchten andere Künstler am Tegernsee gezielt nach Teilhabe am ländlichen Leben. Sichtbares Zeichen dafür war das Tragen einer Lederhose, die nicht nur für Ludwig Thoma zum bevorzugten Kleidungsstück wurde, sondern in die auch Zug’roaste schlüpften, vom rheinischen Verleger Albert Langen über den aus Norwegen stammenden Zeichner Gulbransson (der auf seinem Hof auch gerne nackt herumtollte) bis zu dem aus Brünn stammenden Tenor Leo Slezak. Letzterer vermochte immerhin in ironische Distanz zu gehen, wenn er sich über das Tragen einer „funkelnagelneuen Imitationslederhose“ mokierte.

Später trugen andere die Lederhose und den Gamsbart am Hut. Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, wurde das Tegernseer Tal zum „politischen Schutzgebiet“ deklariert. Juden waren hier jetzt nicht mehr wohlgelitten, was die in Egern geborene jüdische Schriftstellerin Grete Weil letztlich ebenso zur Emigration zwang wie den Arzt und Literaten Max Mohr, der seit 1920 am Tegernsee lebte. Hohe NS-Funktionäre schlugen nun ihre Zweitdomizile in der Gegend auf, vom Reichspresseleiter Amann über den NSDAP-Schatzmeister Schwarz bis hin zum „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler. Wenn die Herren sich in Lederhose zeigten, war das nicht mehr urtümliche Maskierung, sondern Zeichen einer völkischen Ideologie.

Mit einer in der Ausstellung gezeigten Karte im Kopf, auf der ein halbes Dutzend solcher NS-Domizile am „Lago di Bonzo“ eingezeichnet sind, blickt man mit anderen Augen auf die „trügerische Idylle“ (Ausstellunsttitel) am Tegernsee. Und ertappt sich dabei, wie man beim Verlassen des Tals vom See-Westufer aus jene Stelle auf der gegenüber liegenden Seite sucht, wo Himmler für sein Landhaus „Lindenfycht“ KZ-Häftlinge einen Bunker zu errichten zwang.

Und doch, die Natur ist unschuldig. Wenn das Nachmittagslicht die Bergflanken in den Schatten legt und das Türkis des Wassers ins Blau übergeht, versteht man den Enthusiasmus von Leo Slezak, als er in seinen Erinnerungen schrieb: „Tegernsee! – Welch einen Zauberklang birgt für mich dieses Wort.“

Trügerische Idylle Die Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee läuft bis 17. September. Geöffnet Di bis So 10-17 Uhr. Die Begleitpublikation „Trügerische Idylle“, herausgegeben von Elisabeth Tworek, ist im Allitera Verlag erschienen (208 S., 19,90 ¤).

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