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Neuer Roman

14.01.2019

Gestapo-Spitzel Stella Goldschlag: Die Schuld und das Mädchen

Schuldig. 1957 wurde Stella Goldschlag alias Kübler-Isaaksohn, in West-Berlin zum zweiten Mal als Gestapospitzel verurteilt – unter anderem wegen Beihilfe zum Mord in einer unbekannten Zahl von Fällen. 
Bild: Imago (Archiv)

Goldschlag war hinreißend – und eine Greiferin, weil sie als Jüdin untergetauchte Juden an Nazis verriet. Kann ein Roman der verstörenden Frau gerecht werden?

Die Warnung tönt schrill. Die FAZ empört sich über „Kitsch“- und „Schund-Literatur“ – und das angesichts der Opfer von Auschwitz! Die Süddeutsche nennt den Roman mindestens „eine Beleidigung“, ja sogar „ein Vergehen“. Skandal also? Was ist da passiert?

Zwischendrin, im Buch, immer wieder diese kurzen, nüchternen Vermerke. Zum Beispiel: „3. Fall: Frau Ferber mit Kind; Zeuginnen: 1. Frau Kachel, 2. Elly Lewkowitz – Frau Ferber wurde mit ihrem Kind von den jüdischen Fahndern Behrendt und Leweck in der Wohnung des Aron Przywozik, der bereits abtransportiert worden war, festgenommen. Im Lager Große Hamburger Straße trafen die Zeuginnen Frau Ferber, die mit ihnen gemeinsam nach Auschwitz transportiert wurde. Als Frau Ferber zur Vergasung geführt wurde, war Frau Kachel selbst zugegen. Sie bekundet, daß die Angeschuldigte, die zwar bei der Festnahme der Frau Ferber nicht zugegen war, die Wohnung des Przywozik nach illegal lebenden Juden ausgekundschaftet habe.“

Stella Goldschlag - das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm

Jene Angeschuldigte, das war, wie in so vielen andern Fällen, sie: Stella Goldschlag – und zwar in den Akten der Gerichtsverhandlung 1946. Urteil: zehn Jahre Lagerhaft.

Es gibt eine Buch-Dokumentation des einst mit ihr zur Schule gegangenen deutsch-amerikanischen Journalisten Peter Wyden über Stella Goldschlag sowie eine deutsche Film-Doku über sie … – und seit drei Jahren sogar auch ein Musical in Berlin: „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ an der Neuköllner Oper.

Dieses Leben war so verstörend wie faszinierend – und auch musikalisch. Die jüdischen Eltern in Berlin Komponist und Konzertsängerin, sie selbst früh Mitglied einer Band, dann Modezeichnerin auf der Kunstschule, bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach und sie, gerade 20, als Jüdin zur Zwangsarbeiterin wurde, untertauchte, blondiert als Arierin zurückkehrte, trotzdem verhaftet und gefoltert wurde, samt ihrer Eltern, die sie dann zu retten versuchte, indem sie als Spitzel für die Gestapo arbeitete und eben versteckte Juden verriet und damit ins Verderben schickte. Eine „Greiferin“, wie das damals genannt wurde, ein „U-Boot“, eine der „Schakale“. Trotzdem wollte sie sich nach Kriegsende als „Opfer des Faschismus“ anerkennen lassen. Aber Stella Goldschlag wurde identifiziert und verurteilt. Schlussendlich, nach fünf Ehen, im Alter von 72 Jahren, sprang sie aus dem Fenster ihrer Freiburger Wohnung in den Tod. Kein Wunder, dass Takis Würger, Spiegel-Redakteur und bereits Autor eines ausgezeichneten Romans, bei diesem Stoff zugriff, als er erkannte, dass es dazu noch nichts Literarisches gab.

An diesem dramatischen Leben zeichnet sich eine große Frage ab: die von Schicksal und Schuld. Stella Goldschlag selbst gab beim Verhör 1946 zu Protokoll: „Als ich in den Zeitungen gelesen habe, daß ich so viele Frauen, Kinder und Männer ins Unglück gestürzt haben soll, da hat mich das wahnsinnig beunruhigt, da habe ich mal selbst mit meinem Gewissen gesprochen und bin zu der Überzeugung gekommen, daß die einzigste Schuld und das einzigste Verbrechen, welches ich begangen habe, das war, daß ich mich als Jüdin in einen Außendienst der Gestapo stellen ließ. Ich bemerke aber, daß ohne mein eigenes Wollen ich zu diesem Gestapodienst kam …“

Auch das ist wie die Fallvermerke aus den Gerichtsakten in Takis Würgers einfach „Stella“ betiteltem Roman nachzulesen. Das Entscheidende aber ist: Wie hat er seine Erzählung dazwischen gebaut, wie den Charakter dieser Frau gezeichnet. Und dabei ist der erst 33-jährige Autor ein großes Wagnis eingegangen: Sein Roman ist im Grunde eine große Liebesgeschichte.

„Kannst Du mich Pünktchen nennen?“

Ein junger, weltfremd in sehr wohlhabendem Haus aufgewachsener Schweizer reist 1942 nach Berlin, nachdem die völlig sachliche Ehe seiner Eltern an der Nazi-Begeisterung der flamboyanten Mutter zerbrochen ist. Und während er dort, einer himmelschreiend naiven Neugier folgend, herausfinden will, ob die Gerüchte von den Deportationen in Deutschland denn stimmen, stürzt er unversehens in eine „Amour fou“ mit dieser jungen, undurchsichtigen Frau, die er unter dem Namen Kristin als Zeichen-Modell und Nachtklub-Sängerin kennenlernt. „Ich schaute ihr auf den Mund, während ich auf sie zuging. Oben auf der Sesselkante war sie größer als ich. Als ich vor ihr stand, legte sie mir eine Hand in den Nacken und zog mich zu sich … ‚Kannst du mich Pünktchen nennen? Das mag ich.‘ Ich hatte dieser Frau nichts entgegenzusetzen. Sie atmete laut und führte meine Hand. Sie war warm und weich. ‚Pünktchen‘, sagte ich.“

Keine Frage, dieser Takis Würger kann schreiben. Mit seinen kurzen Sätzen zieht er in den Bann der Stimmungen – und mit seiner Perspektive in den Bann dieser Frau. Und so ist man mit diesem Schweizer namens Friedrich tatsächlich schockiert, wenn der rätselhafte Engel gefoltert zurückkehrt, und will mit ihm auch wirklich nicht wahrhaben, welches teuflische Spiel Stella dann beginnt.

In welch unmenschliche Mühlen sie geraten ist, wird durch den gespenstisch faszinierenden SS-Funktionär Tristan von Appen offenbar. Wie undurchschaubar sie ist, wird klar, wenn sie bei einem Nazi-Ball den ideologischen Kinderbuch-Autor Ernst Hiemer umschmeichelt, der lehrt: „Deutsche müssen lernen, den Giftpilz zu erkennen.“ Natürlich, es ist der Jude, und Stella, die Jüdin, kann bewegt zitieren: „Der Teufel in Menschengestalt.“ Schaurige Momente wie diesen gibt nicht wenige im 224 Seiten dünnen Buch.

Kann Schicksal ein Verbrechen rechtfertigen?

Aber ist es dessen starkem Autor Takis Würger damit gelungen, diesen prekären Stoff erzählbar zu machen? Friedrich bekam von seinem Vater gelehrt: „So etwas wie Schuld gibt es nicht.“ Gewiss, er wird sich trotz seiner großen und einzigen Liebe eines Besseren besinnen. Das Schicksal mag eine Erklärung für ein Vergehen liefern und es verstehbar machen – aber die moralische Frage der Schuld bleibt davon unbeantwortet. Sie stellt sich durch Werte, die im Gewissen der historischen Stella Goldberg offenbar keine Stimme gefunden haben.

In der so schwierigen Balance dieses Romans bleibt jedenfalls eine Unwucht. Stellas Opfer haben keine Gesichter, sie bleiben Aktenvermerke. Bloß das Leid ihrer inhaftierten Eltern scheint für einen Moment auf, ansonsten dominieren die Nöte und die Bedrängnis der Täterin. Ist das ein Makel? Und hat Takis Würger diese Frau nicht vielleicht zu faszinierend gezeichnet? Nein. Als Literatur muss die Wirkung von „Stella“ ja gerade darin liegen, dass der Leser mit ungezähmten Widersprüchen zurückgelassen wird. So arbeitet dieser Stoff über das Historische hinaus in einem weiter. Ein kleines, großartiges Buch also. Ein früher Kandidat für die großen deutschen Buchpreise dieses Jahres.

Takis Würger: Stella. Hanser Verlag, 224 S., 22 Euro (als ungekürztes Hörbuch erschienen bei Random House Audio, gelesen von Robert Stadlober, 5 Std. 2 Min, 16,99 Euro)

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