Zum Jahresende 1968 hatte die ältere Schwester wieder mal ein Päckchen geschickt. Die arbeitete damals bei einer Plattenfirma im London. Was dem Empfänger innerhalb der Clique einen beträchtlichen Imagegewinn einbrachte. So drehten sich auf dem heimischen Plattenteller Singles, die oft erst Wochen später in die Charts einzogen. Nur, die Scheibe „With A Little Help From My Friends“ von einem unbekannten Joe Cocker wollte keiner hören. Der macht doch nur was von den Beatles nach, wurde genölt. Nicht einmal der Hinweis, dass der Kerl in der Mitte des Songs plötzlich ein tierisches Geschrei ausstößt, nutzte etwas.
Es dauerte bis zum Herbst 1970, als in den deutschen Kinos der Film von dem Woodstock-Festival 1969 lief, bis jeder wusste, wer der Typ ist. Alle waren beeindruckt von dem unkoordiniert herumhampelnden, mit den Armen fuchtelnden Briten im Batik-Shirt. Ein gelernter Klempner. Von nun an hatte das Wort „Reibeisenstimme“ einen Nachnamen: Joe Cocker. In seinem Karriere-Auf-und-Ab, das vielen gesundheitlichen Problemen geschuldet war, erschrie er sich eine große Gefolgschaft – noch heute erfreut er sich in Deutschland großer Beliebtheit. Es dauerte bis in die 90er Jahre, bis der Mann nach zahlreichen Drogenexzessen wieder einigermaßen gesund aussah.
Musiker Joe Cocker lebte mit seiner Frau auf einer abgelegenen Ranch
In der Nacht auf Montag ist Joe Cocker im Alter von 70 Jahren gestorben. So hieß es in einem Schreiben seines Agenten Barrie Marshall, das der Sender BBC auf Twitter verbreitete. Die Zeitung Yorkshire Post berichtete, die Musiklegende sei dem Kampf gegen Lungenkrebs im US-Bundesstaat Colorado erlegen. Cocker, der in Colorado mit seiner Frau auf einer abgelegenen Ranch lebte, stammte aus Sheffield in der britischen Grafschaft South Yorkshire.
„Er war ohne Zweifel die größte Rock- und Soulstimme, die Großbritannien je hervorbrachte“, schrieb sein Agent. Der Meinung kann man sein, wenngleich Musikkritiker auch gerne an Chris Farlowe, Eric Burdon oder Rod Stewart – auch ein Reibeisentyp – denken, wenn es um Rock- und Bluesstimmen aus dem Vereinigten Königreich geht.
Über die Zeit nach Woodstock sagte Cocker: „Drogen gab es überall und ich stürzte mich darauf. Und wenn du erst mal in dieser Abwärtsspirale bist, dann ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Ich brauchte Jahre, das zu schaffen“, sagte er einst. Erst seine Frau Pam Baker habe ihm geholfen, sein Leben zu ändern. „Sie machte mir klar, dass die Leute mich immer noch singen hören wollten“, sagte Cocker einst.
Mit seinem Comeback in den 1980er Jahren landet Cocker Hits wie „When The Night Comes“, „N’Oubliez jamais“ und das Duett „Up Where We Belong“ mit Jennifer Warnes aus dem Film „Ein Offizier und Gentleman“. Dafür bekam er 1983 einen Grammy. Zu den meistgespielten Songs gehört allerdings seine Version des Ray-Charles-Klassikers „Unchain My Heart“. Von Ray Charles hatte er auch seine Armbewegungen kopiert, gab Cocker später zu.
Joe Cocker hatte für 2015 noch etwas vor
Trotz seiner Krankheit hatte sich Cocker, der seine Ehefrau Pam, eine Stieftochter und zwei Enkel hinterlässt, bis in die letzten Wochen seines Lebens der Musik hingegeben. „Wir wollen Ende des Jahres unsere neue CD aufnehmen, die 2015 herauskommen soll“, hatte der Wahlamerikaner noch im Mai in einem Interview erklärt. Sein letztes Album zu Lebzeiten hatte er 2012 unter dem Titel „Fire It Up“ herausgebracht.
Fans kondolierten gestern bereits auf Facebook. Auch Kollegen trauern um Joe Cocker. Der kanadische Musiker Bryan Adams schrieb am Montag auf Twitter. „Ruhe in Frieden, mein guter Freud. Du warst einer der besten Rocksänger aller Zeiten.“ mit dpa