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Debatte

08.06.2019

Gesellschaft ohne Geist: Wir sehnen uns nach Identität

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2 Bilder
White dove in flight on the blue sky
Bild: Olga Galushko Adobe Stock

Denken und Differenzieren unerwünscht – egal ob in Medien, Politik oder Universität: Debatten werden zunehmend in Schwarz-Weiß geführt. Mit Folgen.

Wie der Geist in die Welt kam, lässt sich – zumindest dem christlichen Glauben und der Apostelgeschichte nach – ganz gut beschreiben, denn: „Plötzlich hörte man ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht.“ Wie der Geist der Welt immer mehr abhanden kommt, hingegen schon weniger. Vielleicht so in der Art eines lang gezogenen Mäusefurzes?

Man kann jedenfalls, hört und schaut man nur genau genug hin, durchaus feststellen, dass da etwas, kaum merklich, dafür aber stetig, entweicht. Und ja, zuletzt hat sich das, hat sich diese Austreibung des Geistes aus Gesellschaft, Politik, dem Leben allem Anschein nach sogar beschleunigt, so in der Art eines Luftballons, der – fahren die letzten Moleküle aus ihm heraus – wild zappelnd und zuckend seltsame Bahnen schlägt (ehe er in einer staubigen Ecke und nur noch als bloße, leere Hülle schlaff zu Boden sinkt).

Doch bevor’s nun durcheinander geht und um dem Vorwurf eines allzu überbordenden Kulturpessimismus vorzubeugen: Goldene Zeitalter des Geistes gab und gibt es immer nur im Nachhinein, und verräterisch verklärend ist der Blick zurück. Oder, um es mit den Worten des großen Schweizer Schriftstellers Markus Werner zu sagen: „Der Mensch tut mehr als scheißen, ohne Zweifel, doch scheißen tut er auch und in der Regel sogar lieber als zum Beispiel denken, und gleichwohl definiert er sich als Geisteswesen.“ Wozu also die Klage?

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Weil, mit Verlaub, der Scheiß allmählich überhandzunehmen scheint. Und damit auch gefährlich wird. Und somit wird es auch Zeit für eine Definition von Geist. Denn was heißt das denn? Was bedeutet er? Gläubige würden vielleicht sagen: die Seele, das Göttliche, das in allem Leben wirkt und allen Dingen innewohnt. Andere wiederum berufen sich auf die Vernunft und den Verstand und damit auch die Möglichkeit, sich überhaupt erst zu verständigen. Vielleicht ist der Geist ja beides oder irgendwas dazwischen, vielleicht ja: das Dazwischen.

Für dieses Dazwischen aber wird der Platz zunehmend eng. Denn wer heute alleine etwas Abwägendes sagt, nicht ja, nicht nein, nicht Amen, womöglich sogar zaudert, überlegt, ist ganz schnell draußen, isoliert und der Idiot (doch dazu später mehr).

Es folgt: die stete Anpassung nach unten

Kann man, so wie vor gut 2000 Jahren das eingangs zitierte Pfingst-Ereignis, einigermaßen datieren, also sagen, wann er angefangen hat zu fleuchen, dieser Geist? Wohl kaum. Es gab ja wie gesagt schon immer (und lange vor dem Christentum) Zeiten, in denen es ihm besser und in denen es ihm schlechter ging. Schlecht wurde ihm in jüngerer Zeit aber beispielsweise ganz gewiss am 1. Januar 1984, nach der sogenannten geistig-moralischen Wende Kanzler Kohls, von der wohl nachhaltig vor allem die Einführung des Privatfernsehens an ebendiesem grauen Wintertag übrig blieb. Denn was damals passierte, war ja der eigentliche Anfang des Umstellens der Medien – also der im Wortsinne ebenfalls dazwischen operierenden Akteure – vom Angebot hin zur Nachfrage, die Herrschaft der Quote, der leicht bekleideten Unterhaltung und später der schnellen Klicks. „Das Breite zur Spitze zu erklären“, so der Autor Botho Strauß, verlangt aber die „stete Anpassung nach unten.“

Man muss das nun gar nicht so elitär formulieren, schließlich resultiert das Ganze aus simplen Prinzipien unserer Marktwirtschaft, mithin dem, was uns und selbst uckermärkische Einsiedler wie den genannten Strauß erst auf relativ gesichertem Niveau jammern lässt. Gleichwohl scheint diese Marktwirtschaft, diese Art des Wirtschaftens, um sich zu greifen, ihre Binnenlogik – und wenn man also so will: ihren Geist – zu exportieren hin in Bereiche, wo er nicht nur fehl am Platz, sondern auch dysfunktional wird für Gesellschaft (zumindest einer unserer noch immer vorherrschenden Vorstellung nach).

Bereits 1996 warnte die verstorbene Herausgeberin der Zeit, Marion Gräfin Dönhoff: „Alles Metaphysische, jeder transzendente Bezug ist ausgeblendet, das Interesse gilt ausschließlich dem wirtschaftlichen Bereich: Produzieren, Konsumieren, Geldverdienen.“ Und schließlich: „Die Marktwirtschaft beansprucht den Menschen ganz und duldet keine Götter neben sich. Ihr Wesen ist der Wettstreit und ihr Motor der Egoismus: Ich muss besser sein, mehr produzieren, mehr verdienen als die anderen, sonst kann ich nicht überleben. Die Konzentration auf dieses Prinzip hat dazu geführt, dass alles Geistige, Kulturelle an den Rand gedrängt wird und schließlich immer mehr in Vergessenheit gerät.“

Das war wie gesagt 1996. Kann sich noch jemand an das Jahr erinnern, außer dass Deutschland Europameister und Google noch nicht gegründet war? Dönhoffs Forderung war damals jedenfalls, bei allem Bekenntnis zur Marktwirtschaft: „Zivilisiert den Kapitalismus!“ Herausgekommen ist: das Gegenteil. In den Talkshows und Hauptstadtredaktionen auf dem Planeten Christiansen wurde dem Neoliberalismus nicht nur das Wort geredet, sondern auch der Weg bereitet, und es mag zu einer der ersten tiefen Verunsicherungen der Wähler und deren politischer Orientierungslosigkeit beigetragen haben, dass ausgerechnet eine rot-grüne Regierung die größten sozialpolitischen Reformen der Nachkriegsgeschichte auf den Weg brachte – und die SPD seitdem auch um ihren Status als Volkspartei.

Damit das nicht falsch verstanden wird: Um das Für und Wider der damaligen Reformen kann, darf und muss auch heute noch trefflich diskutiert werden. Die Lehren, welche die Politik im Allgemeinen und Angela Merkel im Besonderen aber daraus zogen, zielten in genau die andere Richtung: nämlich bloß nicht diskutieren, keine Angriffsfläche bieten, stattdessen alles mit einer verwaltungstechnischen, alles und nichts sagenden Sprache zukleistern, wegmoderieren. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die einschneidendsten Entscheidungen Merkels – also etwa die Abschaffung der Wehrpflicht, der Atomausstieg, die Flüchtlingspolitik – allesamt in Wahlkämpfen oder zumindest a priori nicht zur Debatte standen. Vielmehr besteht der begründete Verdacht, dass sich ein nach außen immer so leidenschaftslos-pragmatisch gebendes Kanzleramt ganz nach den jeweiligen Meinungsumfragen richtete – eine Politik nach tagesaktuellen Stimmungen und der verstärkten Nachfrageorientierung also auch hier.

Eine Rede voller Binsen und Poesiealbums-Pathos

Doch dass sich Stimmungen schnell drehen und Wähler solcherart bald gar nicht mehr orientieren können, haben wir erlebt. Und was wir in Folge erleben, ist wieder ein zunehmendes Bedürfnis nach Eindeutigkeit, selbst wenn diese Gefahr läuft, zur Ideologie zu gerinnen.

Das liegt natürlich nicht nur an einer nichts mehr erklärenden, als technokratisch empfundenen Politik und deren dann – fallen sie denn mal – umso willkürlicher wirkenden Entscheidungen. Sondern auch an einer als komplex, undurchschaubar wahrgenommenen Welt und Gesellschaft, deren Veränderungstempo, folgt man etwa dem Soziologen Hartmut Rosa, ja tatsächlich zugenommen hat und weiter zunimmt. Das liegt aber auch an einem Stadt-Land-Gefälle, an sozialen Fragen wie der, dass der Zugang zu Bildung immer noch von Milieu und finanzieller Ausstattung abhängt und so weiter.

Dass in solch einem Milieu, in so einer Gemengelage Populisten jedweder Couleur und Gestalten wie Donald Trump zu reüssieren vermögen, verwundert jedenfalls nicht. Und mag die sonst so betont nüchtern auftretende Angela Merkel für ihre vor Binsen und Poesiealbums-Pathos nur so strotzende Rede in Harvard letzte Woche auch tosenden Applaus bekommen haben – mit ihrem „Wir dürfen Wahrheit nicht Lügen und Lügen nicht Wahrheit nennen“ ging sie den Trumps dieser Welt nur auf den Leim. Denn erstens ist Wahrheit allenfalls im alltagssprachlichen Sinn eine mögliche politische Kategorie (ansonsten aber eine der Wissenschaft). Zweitens aber und weit wichtiger: Man begibt sich damit auf das Spielfeld des Gegners. Denn solange über Wahrheit und Lüge diskutiert wird, wird nicht über die Sache, eine andere, bessere Politik diskutiert, wie man an der Auseinandersetzung der Demokraten mit Trump sehen kann. Und je länger solch eine Auseinandersetzung dauert, desto mehr – und das ist das Schlimmste – verfestigt sich der Eindruck, dass alles verhandelbar und also Sache der jeweiligen Weltanschauung ist.

Und in ebendieser Auseinandersetzung der Weltanschauungen scheinen wir uns zu befinden. Denn es gibt zwar seit Ende des Kalten Kriegs vor dreißig Jahren keine bipolare Weltordnung mehr, dafür entwickeln sich derzeit aber bipolare Strukturen inmitten der Gesellschaft selbst. Dabei mag das klassische Links-Rechts-Schema nur mehr bedingt greifen, wie man bei allen Unterschieden alleine am zentralen Begriff der Identität sehen kann: Für die einen ist Identitätspolitik eine für alle gesellschaftlichen Minderheiten (von denen einzusammeln man sich auf der Suche nach dem verloren gegangenen revolutionären Subjekt politische Relevanz verspricht). Für die anderen ist Identität wiederum die eines möglichst homogenen und deswegen oft völkisch gedachten Kollektivs, das alles andere ausschließt. Beiden Konzepten aber wohnt das Prinzip der Exklusivität inne, wie man etwa an der Forderung sehen kann, dass nur Angehörige einer Minderheit oder im anderen Fall eben einer Mehrheit über die jeweils eigenen Belange sprechen dürfen.

Sprechverbote sind allerdings so ziemlich das Unmöglichste, was man sich vorstellen kann, mögen sie auch für eine vermeintlich noch so gute Sache in Stellung gebracht werden. Und dass diese Untugend mittlerweile selbst an Universitäten Einzug hält, eigentlich einmal Orte des Geistes, des Austausches und freien Denkens, ist ein Alarmsignal. Aber zuletzt so geschehen etwa in Frankfurt oder Siegen, wo auf Druck linker Aktivisten gar die Gelder für eine Veranstaltungsreihe wieder entzogen wurden, weil ein Thilo Sarrazin dort sprechen sollte. Und bevor es nun Applaus aus der falschen Ecke gibt: Von der traditionellen Geist- und Intellektuellenfeindlichkeit rechter Populisten braucht man ja wohl nicht eigens zu reden – ein Blick in diverse „soziale“ Medien genügt vollkommen, wie ja bekanntlich gerade auch diese virtuellen Räume der Polarisierung und gleichzeitigen Verunmöglichung des Diskurses Vorschub leisten.

Man kennt das mittlerweile ja selbst vom eigenen Küchentisch, aus Familie und Bekanntenkreis. Entweder man ist für Flüchtlinge oder dagegen, für das Klima oder nicht. Doch was soll denn das beispielsweise bedeuten – „für“ das Klima? Und wer wäre es davon abgesehen nicht? Was bringt das denn überhaupt? Doch im gegenwärtigen Klima scheint jedes Differenzieren und Abwägen, jedes Dazwischen wie gesagt verdächtig. Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht. Zumindest immer weniger, zumindest werden die Stimmen leiser, verstummen vielleicht irgendwann einmal ganz, mögen den Shitstorm der Netzgemeinde (was wie Pfingstgemeinde klingt) andere abkriegen. Was im Übrigen selbst der heiligen Greta nach ihren Einlassungen zur Atomkraft widerfuhr.

Dabei bräuchten wir gerade das, die Zwischentöne, die Mahner, die Zweifler, auch die intellektuelle öffentliche Diskussion mehr denn je. Oder zumindest mal wieder ein vernünftiges Gespräch als – wir hatten es anfangs davon – Basis der Verständigung. Statt Geist bestimmt aber der bloß Geistesgegenwärtige die Bühne unserer Zeit.

Und damit zurück zum Glauben oder dessen Gegenteil, egal, jedenfalls mit dem Philosophen Peter Sloterdijk gesprochen: „Demokratie ist der nützliche Aberglaube, Kämpfe seien in Debatten auflösbar.“ Doch was ist, wenn uns selbst dieser abhanden kommt?

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