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Interview

28.07.2018

Jodie Foster: "Wir stehen am Abgrund"

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2 Bilder
Jodie Foster
Bild: Foto: Rich Fury/Getty Images/AFP

Die große Jodie Foster ist mal wieder im Kino zu sehen. Sie spricht über ihre Lehren aus einem Leben im Filmgeschäft und ihre Zukunftssorgen.

Ihre letzte Rolle als Schauspielerin liegt fünf Jahre zurück. Warum sehen wir Sie nur noch so selten?

Jodie Foster: Nun, ich habe zuletzt einfach viel Regie geführt. Es war eine bewusste Entscheidung von mir, mich darauf zu konzentrieren. Und ich hatte das Glück, spannende Projekte dafür zu finden, sowohl im Kino als auch beim Fernsehen. Ich habe nicht vor, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen. Aber ich nehme eben nur noch Jobs an, die ich wirklich liebe. Nach 52 Jahren als Schauspielerin empfinde ich das als den größten Luxus überhaupt.

Was war es denn konkret, das Sie jetzt bei „Hotel Artemis“ zurück vor die Kamera lockte?

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Foster: Als ich das Drehbuch las, dachte ich die ganze Zeit: wow, wie unerwartet und frisch. Und genau das ist es, was ich suche, sowohl als Schauspielerin als auch als Zuschauerin. Leider werden Geschichten, die wirklich originell und neu sind, ja immer seltener; alles basiert nur noch auf Comics oder aufgewärmten Fernsehserien von früher. Obendrein gefiel mir bei „Hotel Artemis“ ganz speziell die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird: als richtig cooler Actionfilm, der einen nostalgischen Blick auf ein Retro-Los Angeles mit einer sehr futuristischen Dystopie kombiniert.

Fiel es Ihnen denn schwer, in Ihren „alten“ Job zurückzukehren?

Foster: Kein bisschen. Wie sollte es auch? Ich stehe vor der Kamera seit ich drei Jahre alt bin, nichts habe ich in meinem Leben so oft gemacht wie Filme drehen. Das verlernt man ja nicht mal so eben, nur weil man es fünf Jahre nicht tut. Außerdem habe ich mich in der Zeit ja nicht unter irgendeinem Stein versteckt und nichts mitbekommen, sondern weiter in der Film- und Fernsehbranche gearbeitet. Falls sich also am Filmemachen etwas grundlegend verändert hätte, hätte ich das mitbekommen. Aber ehrlich gesagt ist alles beim Alten: von der Schauspielerin bis zum Beleuchter sind alle dabei, weil sie eine Geschichte erzählen wollen, die die Menschen bewegt.

Wann wurde Ihnen eigentlich klar, dass Sie letztlich Ihr komplettes Leben in diesem Job verbringen würden?

Foster: Puh, was diese Frage angeht, befinde ich mich eigentlich dauerhaft in einer Krise. Und das schon seit meinem dritten Lebensjahr! In meiner Jugend warnte mich meine Mutter immer, dass ich als Erwachsene keine Schauspielerin mehr sein würde. Sie war sich sicher, meine Karriere sei mit 16 oder 17 Jahren vorbei, und machte sich Sorgen, was dann aus mir würde. Also ging ich aufs College, aber letztlich arbeitete ich eben doch weiter vor der Kamera. Und meine Mutter warnte, vermutlich nicht unbegründet, nun würde es eben ab meinem 40. Geburtstag bergab gehen mit der Karriere. Die Frage, was ich statt der Schauspielerei machen würde, stand also immer im Raum. Aber vom Regieführen abgesehen kam ich bis heute nicht dazu, sie wirklich zu beantworten.

„Hotel Artemis“ spielt im Jahr 2028. Haben Sie Angst davor, wo unsere Gesellschaft in zehn Jahren stehen wird?

Foster: Ich bin mir wirklich nicht sicher, wie viel Hoffnung angesichts unserer Zukunft angebracht ist. Momentan befinden wir uns ja an einem sehr interessanten Wendepunkt. Und zwar in jeder Hinsicht, politisch ebenso wie kulturell oder in Umweltfragen. Ich glaube, wir stehen am Abgrund – und sehen sehr deutlich, dass es dort unten verdammt düster ist. Die Frage ist jetzt, ob wir kopfüber dort hinunterstürzen oder vielleicht doch diesen Moment des Bewusstmachens nutzen, um innezuhalten und womöglich doch noch etwas zu verändern.

Welche unserer Probleme machen Ihnen die meisten Sorgen?

Foster: Da gibt es natürlich verdammt viele. Eigentlich verdeutlicht „Hotel Artemis“ einiges sehr eindrücklich. Ganz Los Angeles ist ohne Wasser, denn das bisschen, was es noch gibt, wurde privatisiert. Nicht vollkommen unrealistisch, so ein Szenario. Werden sich bald nur noch die Reichen das Wasser leisten können? Die immer größere Schere zwischen Arm und Reich, dazu die Krise des Gesundheitssystems, sich rasant verändernde technologische Möglichkeiten, Polizeigewalt und die Militarisierung der Polizei – alles, was in unserem Film vorkommt, ist ja im Grunde auch jetzt schon präsent und sollte uns allen Sorgen machen.

Und was die Filmwelt angeht? Dass Hollywood viel zu wenige weibliche Filmemacher beschäftigt etwa, ist aktuell wieder ein großes Thema …

Foster: Das ist doch seit 50 Jahren ein Thema! Als ich anfing, in dieser Branche zu arbeiten, da gab es hinter der Kamera schlicht keine Frauen. Vielleicht hier mal eine Visagistin, dort eine Skript-Assistentin. Aber das war’s. Ansonsten war ich da immer alleine unter Männern. Und darunter waren natürlich ganz wunderbare Männer, von denen ich unglaublich viel gelernt habe. Trotzdem wurde es höchste Zeit, dass sich irgendwann etwas zu ändern begann. Nirgends dauert das allerdings länger als im Regie-Bereich. Das europäische Kino hatte immer schon mehr Frauen auf dem Regiestuhl, beim Fernsehen wächst die Zahl auch erheblich. Jetzt wird es also höchste Zeit, dass Hollywood da auch im Kino noch mal wirklich Fortschritte macht.

Glauben Sie, das wird auch passieren?

Foster: Ich habe den Eindruck, dass aktuell tatsächlich etwas passiert. Weil es mehr denn je ein Bewusstsein gibt, dass wir wirklich echte Diversität und Gleichberechtigung brauchen. Das hätte man natürlich auch schon früher wissen können, aber viele haben sich leider zu wenig Gedanken darüber gemacht. Ich selbst eingeschlossen. Als ich mit 27 Jahren meinen ersten Film inszeniert habe, kam ich gar nicht auf den Gedanken, nach einer weiblichen Kamerafrau zu suchen. Einfach weil ich keine kannte und mich mit den Gegebenheiten abgefunden habe, die ich vorfand. Das würde mir heute nicht mehr passieren.

Würden Sie selbst denn im Rückblick unterschreiben, dass Sie es als Frau immer schwerer hatten als die Männer?

Foster: Wissen Sie: Als Frau lernt man von Kindesbeinen an, dass man mit anderen Augen gesehen wird als ein Mann – und entsprechend auch selbst die Welt anders sieht und erlebt. Das ist überall und immer so, in der Schule, an der Tankstelle oder an einem Filmset. Und ja, ich würde absolut sagen, dass wir es schwerer haben. Als Frau muss man, egal in welchem Beruf, immer doppelt so hart arbeiten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Wobei selbst das dann keine Garantie ist. Zu wissen, dass ich vieles in meinem Leben nicht erreicht hätte, wenn mir nicht Männer geholfen hätten, die mich unter ihre Fittiche genommen haben, ist mitunter ein seltsames Gefühl. Ich bin mir jedenfalls sehr bewusst, dass ich es häufig leichter hatte als andere Frauen in meiner Position, einfach weil ich eine erfolgreiche Schauspielerin war, der einige Männer nur aus diesem Grund eine Chance gegeben haben.

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