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"Sing meinen Song"
13.05.2021

Joris im Interview: Freude am Leben, Angst vor dem Tod

31 Jahre alt, wohnt in Mannheim und hat sein neues Album namens "Willkommen Goodbye": Joris.
Foto: Döring

Joris ist bei "Sing meinen Song" dabei, sein neues Album heißt "Willkommen Goodbye". Er spricht offen über Scheidung, Herzschmerz, Tod - und Trinken mit DJ Bobo.

Du bist derzeit bei "Sing meinen Song" zu sehen. Was war das Beste beim Drehen?

Joris: Überhaupt mal wieder mit anderen Menschen zusammen und in einem Raum Livemusik machen zu können. Wir Künstlerinnen und Künstler haben uns alle dermaßen ins Herz geschlossen, es war richtig, richtig schön. So ein bisschen wie früher auf Klassenfahrt. Nur noch viel intensiver. Als ich wieder zu Hause war, musste ich erst mal wieder ein bisschen runterkommen.

Was habt ihr denn Wildes getrieben?

Joris: Wir hingen halt die ganze Zeit aufeinander, haben superviel gelacht, aber auch wirklich tiefgehende Gespräche geführt. Das alles in Kombination mit diversen Getränken …

Joris zu "Sing keinen Song": DJ Bobo trinkt Baileys

Was hat DJ Bobo bevorzugt zu sich genommen?

Joris: Baileys (lacht). Das ist jetzt nicht so meins. Als Westfale habe ich gern ein Pils getrunken. Ich mag aber auch guten Weißwein.

Abseits davon sieht’s schlecht aus mit Konzerten Wie ist das für dich?

Joris: Als sehr belastend. Ich habe das große Glück, dass mich die Leute mittlerweile sehr für meine Liveauftritte schätzen. Bei uns geht es auf der Bühne gut zur Sache, deshalb darf ich seit Jahren 30 bis 40 Festivals pro Sommer spielen. Das gemeinsame Musikmachen bringt uns meiner Meinung nach auch als Gesellschaft insgesamt zusammen. Die Isolation ist bedrückend. Es war absurd aber auch wunderbar, dass wir alles, was wir so vermissen, bei "Sing meinen Song" zwei Wochen lang wieder hatten – zusammen Musik machen, eng nebeneinandersitzen, sich in den Armen liegen.

Joris hofft auf Konzerte im Sommer mit dem neuen Album

Du bist 31. Ist man damit noch Nachwuchs oder schon fast ein alter Hase?

Joris: So ein bisschen beides. Die Zeit ist nicht spurlos an mir vorübergegangen. Ich habe das Gefühl, ein Bühnenjahr entspricht ungefähr einem Katzenjahr. Wenn man das so rechnet, bin ich seit ungefähr 20 Jahren dabei. Und doch bin ich immer noch sehr hungrig auf alles, was kommt. Gerade mehr denn je. Ich hoffe sehr, dass es im Sommer möglich sein wird, in irgendeiner Form live zu spielen.

In "Sturm & Drang" blickst du zurück auf den jugendlichen Joris. Ist Anfang 30 ein gutes Alter, um nostalgisch zu werden?

Joris: Ich finde schon. Jeder Mensch, egal in welchem Alter, ist die Summe seiner Eindrücke und Erfahrungen. Dazu gehören die schönen Erlebnisse genauso wie die traurigen Seiten. Ich bin zum Beispiel bei meinem Papa aufgewachsen und nicht, so wie meine Geschwister, bei meiner Mama. Ich war als Kind und Heranwachsender viel alleine, und zwar zum Glück alleine mit der Musik. Im Stück "Nur die Musik" befasse ich mich quasi mit dem Soundtrack meines Lebens, in dem Song singe ich darüber, dass die Musik mein bester Freund ist. Und in "Sturm & Drang" geht es darum, dass ich als Kind unheimlich viel geträumt habe. Ich saß nach der Schule am Klavier und träumte mich an einen weit entfernten Ort. Als Erwachsener mache ich das immer noch. Egal, in welcher Situation wir sind oder welchen Job wir haben: Das Träumen hält uns am Leben und bringt uns weiter.

Joris über die Scheidung der Eltern - und seine Familienträume

Wie stark hat dich die Trennung deiner Eltern geprägt?

Joris: Das war eine einschneidende Erfahrung. Ich bin ein Mensch, der Ambivalenzen hat und auch konträr ist. Ich bin zum Beispiel total harmoniebedürftig, und trotzdem habe ich ein gewisses zerstörerisches Element in mir. Die Gründe für diese Zerrissenheit liegen sicher auch in meiner Kindheit.

Was wirst du anders machen, wenn du selbst einmal Kinder haben solltest?

Joris: Da gibt es sicher das eine oder andere, aber ich möchte lieber von dem Positiven reden, das meine Eltern mir mitgegeben haben: Bedingungslose Liebe und Unterstützung in allem, was ich gemacht habe. Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, dass Fehler in Ordnung sind. Ich wusste immer, dass ich mir ihrer Liebe gewiss bin und dass ich mich frei entfalten kann. Diese Bedingungslosigkeit und dieses Vertrauen möchte ich gern weitergeben.

Im Song "2017" steht dein "Herz in Flammen" und du bist "in Sehnsucht gefangen". Ganz schön viel Pathos …

Joris: In "2017" singe ich über eine achtjährige Beziehung, die vor gut drei Jahren in die Brüche ging. Da ist ein bisschen Pathos erlaubt (lacht). Man stolpert im Leben, und man steht wieder auf. So gesehen gewöhnt man sich an alles, auch an Trennungen. Und trotzdem können sie unendlich weh tun.

Joris und der Tod: "Ich habe Angst, irgendwann weg zu sein"

Die Ambivalenz zieht sich durch die ganze Platte. Schon im Titel "Willkommen Goodbye" stecken Ankunft und Ende. Und im letzten Song "Game Over" sprichst du über den Tod. Hast du die gesamte Lebensspanne auf diesem Album abbilden wollen?

Joris: Das hat sich tatsächlich so ergeben. Glück und Leid gehören für mich eng zusammen, und in jedem Abschied steckt auch immer ein neuer Anfang. Ich bin ein empathischer und lebensfroher Dude und doch jemand, der auch in sich hineinlauscht, sich hinterfragt. Das Leben ist eben für die meisten kein langer, ruhiger Fluss, sondern besteht aus vielen Kurven und Abzweigungen. Das heißt, man kommt sowieso nie genau dort an, wo man hinwollte. Ich mag das. Ich bin bereit, mich treiben zu lassen, ohne dabei allerdings wie ein Fähnchen im Wind alles mit mir machen zu lassen.

Warum thematisierst du den Tod?

Joris: In dem Moment, in dem wir geboren werden, steht bereits fest, dass wir das nicht überleben. Wir denken viel zu wenig darüber nach, was sein wird, wenn wir nicht mehr sind. Ich habe Angst davor, irgendwann weg zu sein und nichts mehr mitzubekommen. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass der Sinn des Lebens auch darin besteht, jeden Tag etwas von sich zu geben. So kann das Gute, das wir weitergeben, noch Generationen nach uns beeinflussen – und man selbst lebt irgendwie fort.

Auch das von Country und Folk beeinflusste "Steine" ist ein sehr ernster und tiefer Song. Du sagst: "Das Leben wirft Steine, paar schwere, paar leichte" und versprichst: "Ich lasse dich nicht los". Was hat den Ausschlag für dieses Lied gegeben?

Joris: Ein Anruf. Man geht ran, und die Welt bleibt stehen, weil man gerade erfahren hat, dass jemand gegangen ist. Ich schrieb "Steine" mit meinem Mitbewohner, der im vergangenen Jahr seinen Vater verloren hat. Auf der Beerdigung habe ich gespürt, dass er für das ganze Dorf jetzt der starke Junge sein wollte, aber das einfach nicht schaffte. Es gibt so viele Songs mit Sätzen wie "Ich nehme dir den Schmerz" ab, doch wenn man ganz ehrlich ist, dann ist das Quatsch. Du kannst niemandem den Schmerz abnehmen, aber du kannst für den anderen da sein. Eine Zeile in dem Song lautet "Ich kann nicht für dich fallen, aber ich kann dich auffangen". Das trifft es für mich auf den Punkt.

Zur Person: Joris Ramon Buchholz, aufgewachsen im ostwestfälischen Vlotho, inzwischen in Mannheim lebend, ist gleich mit der Debütsingle "Herz über Kopf" 2015 als Pop-Liedermacher groß rausgekommen. Gerade eben ist nun das dritte Album des inzwischen 31-Jährigen erschienen, "Willkommen Goodbye", das an den deutschen TopTen kratzte. Noch bis 8. Juni ist er auf Vox in der Show "Sing meinen Song" zu sehen.

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