Kein europäischer Krimiautor ist zurzeit so erfolgreich wie Simon Beckett: Die Romane des 42-jährigen Engländers werden in 27 Ländern veröffentlicht und haben eine Gesamtauflage von knapp sechs Millionen. Becketts neuer Thriller „Verwesung“ steht seit Wochen auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Diesmal verfolgt der forensische Anthropologe David Hunter einen Serienmörder. Drei Mädchen sind verschwunden. Es gibt ein Geständnis, die Leichen jedoch sind nicht aufzufinden.
Ihre Hauptfigur David Hunter beschäftigt sich gerne mit Leichen. Teilen Sie diese Leidenschaft?
Nein, auf keinen Fall! Ich gehe privat viel lieber in einen Pub als in Leichenschauhäuser oder auf Friedhöfe. Aber als Autor und Journalist finde ich es sehr spannend, zu erfahren, was mit uns passiert, nachdem wir gestorben sind. Das ist ein Thema, über das sonst gerne geschwiegen wird – und genau deswegen ist es hochinteressant.
Haben Sie selbst schon einmal eine Leiche gesehen?
Sogar mehrere. Das war 2002 auf der Body Farm, einer Forschungseinrichtung der Universität von Tennessee. Dort werden Tote für wissenschaftliche Zwecke vergraben, um die Verwesungsprozesse studieren zu können. Ich war als Beobachter vor Ort, um darüber einen Artikel zu schreiben und kam so auf die Idee meiner Romanreihe.
Wie haben Sie sich dort gefühlt?
Eigentlich ganz gut. Aber einmal bat mich ein Mitarbeiter, ihm beim Ausgraben einer Leiche zu helfen. Ich zögerte, packte dann aber mit an. Dabei wurde mir schon etwas mulmig.
In „Verwesung“, dem vierten Roman mit David Hunter, schildern Sie zum ersten Mal Details aus seiner Vergangenheit. Warum haben Sie so lange gewartet?
Das passt zu David. Er ist ein ruhiger, introvertierter Typ, der nicht viel herumerzählt und kaum Privates von sich gibt. Außerdem wollte ich meine Leser neugierig machen und nur eine kleine Fährte auslegen. Bis jetzt wussten sie nur, dass Davids Frau und Tochter vor acht Jahren durch ein schlimmes Unglück starben. Nun erzähle ich im Rückblick, was damals passiert ist.
Wie hat der Verlust seiner Familie den Anthropologen verändert?
Vorher war er ein gut gelaunter Familienmensch, danach wurde er zum nachdenklichen Einzelgänger. In „Verwesung“ muss er sich sogar noch einmal mit seiner tragischen Vergangenheit auseinandersetzen, denn ein neuer Fall bringt alle alten Erinnerungen zurück. Das ist natürlich hart für ihn.
Ihre Hauptfigur ist zurückhaltend und zweifelt an sich selbst – das klingt nicht nach einem typischen Thrillerhelden.
Stimmt. Das war mir auch wichtig. Ein Superheld, der alle Fälle sofort löst oder ein Außenseiter mit Alkoholproblem und Affären wäre mir wie ein Klischee vorgekommen. Ich wollte einen Mann, der zwar besondere Fähigkeiten hat, aber ganz normal und bescheiden lebt. Das ist realistischer und man kann sich mit ihm viel besser identifizieren.
Gibt es Ähnlichkeit mit Ihnen?
Nein. Das würde meine Frau auch gar nicht zulassen. Natürlich fließen meine Gedanken und Gefühle in David Hunter hinein, aber grundsätzlich sind meine Figuren reine Fiktion.
Innerhalb von fünf Jahren haben Sie Millionenauflagen erreicht. Wie fühlt sich der Erfolg an?
2006, als mit „Die Chemie des Todes“ mein erster David-Hunter-Roman herauskam, war ich froh, überhaupt ein Buch veröffentlichen und halbwegs vom Schreiben leben zu können. Dass sich alles so positiv entwickelt hat, ist wie ein Traum, und ich bin sehr dankbar dafür. Günter Keil
"Simon Beckett: Verwesung.
448 Seiten, 22,95 Euro