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Interview
21.06.2021

Schweighöfer: "Wahrscheinlich ist das meine Midlife-Crisis"

Ein Star des deutschen Kinos, dessen Weltkriegsdrama „Resistance“ im Kino verschoben wurde und der nun auf Netflix in „Army of the Dead“ zu sehen ist: Matthias Schweighöfer.
Foto: Gerald Matzka, dpa

Von Zombiefilm bis Kriegsdrama: Matthias Schweighöfer bleibt als Filmstar präsent, singt auch noch – und hat doch aus einem plötzlichen Bedürfnis sein Leben noch einmal auf neue Beine gestellt.

Herr Schweighöfer, letztes Jahr sollte Ihr WeltkriegsdramaResistance“ starten, dessen Start wegen der Pandemie in den Oktober 2021 verschoben wurde, nun sind Sie mit einem Zombie-Spektakel auf Netflix zu sehen. Was sehen Sie denn selbst am liebsten?

Matthias Schweighöfer: Grundsätzlich schaue ich gerne alles. In meiner Jugend habe ich mich mit Zombie-Geschichten nicht wirklich beschäftigt. Das Ganze begann mit Filmen wie Zack Snyders „Dawn of the Dead“ oder „Shaun of the Dead“.

Zwischenzeitlich haben Sie selbst einen Zombie-Actionfilm inszeniert, nachdem Sie in „Army of the Dead“ nur vor der Kamera standen. Ist das eine andere Erfahrung als Ihre deutschen Regie-Projekte?

Schweighöfer: Total. Ich konnte dabei auch auf die ganze Erfahrung von Produzent Zack Snyder zurückgreifen, der ja Filme wie „Man of Steel“ inszenierte. Die schaue ich mir wie ein Kleinkind mit staunenden Augen an und denke mir: „Lass es krachen.“ Zack erzählte mir zum Beispiel von seinen Gesprächen mit Christopher Nolan. Ich kann ihn fragen, welche Kameralinsen er verwendet oder warum er bestimmte Musikthemen verwendet hat.

Schweighöfer: "Die Pandemie war eine interessante Zeit für mich"

Das heißt, das deutsche Kino hat dagegen keine Chance?

Schweighöfer: Ich glaube, dass man aus Deutschland heraus richtig gute Filme machen kann. Es geht nur darum, dass man den Zuschauer überzeugt, dass er sich Genre-Filme ansieht. Wenn in Deutschland beispielsweise ein Horrorfilm gedreht wird, sollte man dem eine Chance geben, anstatt ihn gleich zu kritisieren. Ich möchte aber sowohl englisch- wie deutschsprachig drehen. Ein Mads Mikkelsen zum Beispiel spielt in „Der Rausch“ von meinem Freund Thomas Vinterberg, aber er ist auch in „Star Wars“ zu sehen.

Allerdings hat die Pandemie das deutsche Kino lange Monate ausgebremst. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Schweighöfer: Ich muss zugeben: So hart das unbestritten für viele Existenzen war, für mich war das eine interessante Zeit. Denn ich habe gemerkt, dass ich vorher zu schnell unterwegs war. Ich musste nicht mehr von einer Veranstaltung zur anderen hetzen, sondern hatte die Ruhe, um Drehbücher zu schreiben und zu entwickeln. Ich konnte außerdem mehr Papa sein.

Wie kamen Ihre Kinder damit klar?

Schweighöfer: Die Kinder fanden es richtig cool. Mein Sohn geht sowieso nicht so gerne in die Kita. Der hat schön abgefeiert. Für meine Tochter war es schwieriger, die hat ihre Freunde vermisst, aber per se war das für alle Beteiligten nicht so doof. Ja, es war ein absurdes Jahr, aber meine Kinder sind immer smarter und smarter geworden und wachsen und gedeihen.

Und Sie sind ruhiger geworden?

Schweighöfer: Ja.

Können Sie das aufrechterhalten?

Schweighöfer: Ich denke schon. Ich nehme mir bewusst freie Tage. Egal, welcher Termin kommt, es gibt nichts Wichtigeres als das eigene Leben.

Schaffen Sie es, das auch durchzuziehen?

Schweighöfer: Das braucht ein bisschen Disziplin.

Und auch die Fähigkeit, Nein zu sagen …

Schweighöfer: Absolut. Das hat mich diese Zeit auch gelehrt.

Sie haben ja privat auch einiges verändert. In den letzten Jahren sind Sie beispielsweise eine neue Beziehung mit Ihrer Kollegin Ruby O. Fee eingegangen. Hilft es, wenn der Partner auch in diesem Beruf arbeitet?

Schweighöfer: Man diskutiert schon, aber eigentlich ist die Schauspielerei nicht so das große Thema. Das Wichtige ist, dass wir eine gesunde Kommunikation haben. Es gibt keine Abhängigkeit voneinander, keine Erwartungen an den anderen. Jeder ist gleichberechtigt, jeder ergreift Verantwortung.

Wie Matthias Schweighöfer versucht, "Stagnation zu vermeiden"

Wie kam grundsätzlich die Entscheidung zustande, das eigenen Leben nochmals neu auf die Beine zu stellen?

Schweighöfer: Wahrscheinlich ist das meine Midlife-Crisis. Ich habe vorher relativ wenig auf mein Privatleben geschaut. Jetzt beschäftige ich mich mehr mit mir selbst, anstatt immer nur neue Produkte zu kreieren. Das ist ein neuer Schritt meines Erwachsenwerdens. Mein Leben muss nicht nur von Erfolg geprägt sein. Erfolg ist cool, aber morgen ist er auch schon wieder vorbei.

Andererseits haben Sie eine eigene Firma. Gibt es da nicht den Druck, erfolgreich sein zu müssen?

Schweighöfer: Der Druck, den ich spüre, ist anders. Ich möchte mit Projekten erfolgreich sein, die zu 100 Prozent für sich bestehen können. Keine Produkte, wo man sagt, es wäre cool, damit Erfolg zu haben, und dann machen wir die mit halbem Einsatz.

Was für Projekte verstehen Sie genau darunter?

Schweighöfer: Ich möchte bei Filmen und auch bei Songs noch mehr Inhalte kreieren, die bleiben, über die man diskutieren kann. Ich habe das bei „Resistance“ gesehen, mit dem wir auf verschiedenen jüdischen Filmfestivals waren. Gemeinsam mit Hauptdarsteller Jesse Eisenberg habe ich mit verschiedenen Leuten über Zoom-Calls diskutiert. Ein anderes Beispiel: Ich hatte im letzten Sommer für meinen Film in London gecastet. Dafür wurde mir eine nicht unbekannte Schauspielerin vorgeschlagen. Deren Agentin hatte „Resistance“ gesehen und hat ihr gesagt: ‚Du musst unbedingt mit Matthias zusammenarbeiten.’ Das hat mich total gefreut. Du merkst: Du hast hier was Wertvolles abgeliefert.

Also gibt es keine Filme wie „Schlussmacher“ oder „Nanny“ mehr, die Ihre Kino-Filmografie der letzten Jahre prägten?

Schweighöfer: Ich schätze auch den Wert von Unterhaltung, die einen amüsiert. Es ist gut, Leute zwei Stunden zum Lachen zu bringen. Aber es ist eine andere Kategorie von Film. Ich will nicht einfach einen Film nach dem anderen produzieren, nur um das alles in Bewegung zu halten, ohne hinzuschauen: Was erzähle ich? Wen will ich damit erreichen? Womit setze ich mich da auseinander? Das ändere ich jetzt ein bisschen.

Davon abgesehen sind Sie noch als Musiker aktiv. Auf Ihrem letzten Album veröffentlichten Sie den Song „Lauf“. Ist das ein Motto für Sie?

Schweighöfer: „Lauf“ bedeutet für mich, dass man losgeht und sich auf den Weg macht, ohne zu stagnieren.

Joggen im Wald und asiatische Achtsamkeitslehren

Was machen Sie, wenn Sie merken, dass Sie stagnieren?

Schweighöfer: Ich gehe sprichwörtlich laufen, sprich: im Wald joggen. Da nehme ich mir die Freiheit zu sagen: Ich laufe eine Stunde, dann spaziere ich zurück, so sind es halt zwei Stunden. Vielleicht findet man zwischendrin ein kleines Café, und geht einen Espresso trinken und merkt: Man hat drei Stunden gelebt.

Werden Sie dabei allein gelassen?

Schweighöfer: Wenn ich jogge, bewege ich mich meistens wie John Rambo. Man sieht eine Gestalt irgendwo langhuschen, gleich ist sie wieder weg. Ein Sonntagnachmittag in einer Mall in Berlin, das wäre dagegen nicht so ideal.

Und Laufen ist Ihre einzige Methode, Stagnation zu vermeiden?

Schweighöfer: Oder ich dusche kalt oder ich setze mich ins Auto und düse los. Ich versuche immer, einen Perspektiv-Wechsel zu kreieren.

Wo soll der Lauf Ihres Lebens hingehen? Haben Sie bestimmte Ziele?

Schweighöfer: Ich würde schon noch gerne in die amerikanische Filmindustrie hineinschauen. Ich liebe Amerika. Genau hier habe ich die beste Chance, Filme zu machen, die weltweit diskutiert werden. Ich liebe die Vorstellung, man reist zum Beispiel nach New York, und die Leute kennen deinen Film und sprechen mit dir darüber.

Schweighöfer zwischen Hollywood und seiner Vaterrolle

Das allein wird aber wohl nicht für Hollywood reichen. Was tun Sie, um an die entsprechenden Drehbücher zu kommen?

Schweighöfer: Ich habe einen starken Agenten und einen sehr guten Manager. Meine Firma hat außerdem ein kleines Produktionsbüro in Los Angeles. Außerdem fokussiere ich mich beim Schreiben auf Stoffe, die international funktionieren.

Wie sieht es konkret mit weiteren amerikanischen Regie-Projekten bei Ihnen aus?

Schweighöfer: Die Leute sind interessiert. Demnächst drehe ich in London das nächste Projekt. Aber jetzt müssen die Filme rauskommen und die Leute müssen sagen: Nicht schlecht. Wer ist dieser Typ? Wollen wir dem ein Projekt anbieten?

Andererseits wollten Sie sich, wie Sie vorhin sagten, mehr Zeit für Ihr Privatleben und Ihre Kinder nehmen. Das wirkt wie ein Widerspruch.

Schweighöfer: Man kann es auch verbinden. Die Kinder lernen, dass Papa eine Passion hat. Sie sind bei der Arbeit dabei. Aktuell schreibe ich mit zwei Autoren, und die Kinder bekommen mit, was die Erwachsenen so machen. Abgesehen davon schauen die ja auch Filme.

Ihre Tochter ist inzwischen zwölf. Versteht die Ihre Passion?

Schweighöfer: Die blickt schon ziemlich durch, aber letzten Endes bin ich immer noch der Papa.

Das heißt, Ihr Status als deutscher Superstar beeindruckt sie nicht?

Schweighöfer: Für meine Kinder ist das nichts Besonderes. Für sie wird es was Besonderes, wenn andere Kinder ihnen sagen: Ich habe deinen Papa gesehen. Kommt dein Vater mal in die Schule? Kann man den nach einem Autogramm fragen?

Haben Sie noch Freiraum, sich mit anderen Leidenschaften zu beschäftigen?

Schweighöfer: Zur Zeit bin ich relativ in der Arbeit verstrickt. Vor einiger Zeit fing ich an, mich mit asiatischer Lebensweisheit auseinanderzusetzen. Das hat viel gebracht.

Der Zündfunke: Ein Buch darüber, wie man gesund 100 Jahre alt wird

Was genau heißt das?

Schweighöfer: Ich beschäftige mich mit Iki-gai und Ichigo-ichie. Die Essenz von Iki-gai ist: Du kannst dir heute den coolsten Tag machen, weil du nicht weißt, ob du morgen aufwachst. – Es bedeutet, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ein Thema, das damit auch verbunden ist, ist Achtsamkeit. Man lernt dabei, worauf man seine Achtsamkeit richten soll.

Wie haben Sie das entdeckt?

Schweighöfer: Ich habe im Internet gesurft, und irgendwie ein Buch über japanische Lebensart entdeckt – wie man gesund 100 Jahre wird. Da habe ich gedacht: Wie soll das gehen? So habe ich angefangen, mir von dieser Reihe Bücher zu bestellen, und bin da langsam eingetaucht. Ich habe gemerkt, was es für einen Spaß macht, sich danach zu richten.

Wie prägt das Ihren Alltag?

Schweighöfer: Ich mache das jeden Tag seit einem halben Jahr. Zum Beispiel muss man sich trainieren, nach dem Aufwachen morgens erst mal das Handy eine Stunde ruhen zu lassen. In dieser Stunde schreibt man drei Sätze auf, wofür man jetzt dankbar ist. Dabei beschäftigt man sich mit dem eigenen Gefühl, das man morgens hat, und geht nicht gleich in die Ablenkung. Das macht sehr viel aus. Man lässt sich nicht mehr von außen leiten, sondern schafft es, bei sich zu sein. Ich liebe das.

Zur Person: Matthias Schweighöfer, 40, wurde bereits als Sohn eines Schauspieler-Paares in Anklam (Mecklenburg-Vorpommern) geboren und wurde selbst Schauspieler, Synchronsprecher, Filmregisseur, Filmproduzent – ein Star des deutschen Kinos. Er ist bekannt für Filme wie „Keinohrhasen“, „Rubbel die Katz“ oder „Der Nanny“. Außerdem singt er.

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