Wie sich griechischer Mythos mit russischem Märchengut und Tragödie mit Hoffnung verbinden lässt, war am Samstag bei der Uraufführung des Balletts am Würzburger Mainfranken-Theater zu sehen. In Anna Vitas bejubelter Inszenierung folgt auf den düsteren Rachefeldzug der griechischen Sagengestalt Medea der Kampf zweier russischer Märchenfiguren, bei dem das Gute das Böse vernichtend schlägt und am Ende die Hoffnung steht.
An Medeas Händen klebt das Blut, von Anfang an: Um ihrem geliebten Jason auf den Thron, den ihm sein Onkel versprach, zu helfen, mordet die Zauberin. Noch quält sie die Erinnerung, doch Jasons Zuneigung lässt sie vergessen. Zunächst zögernd, bald voller Leidenschaft gibt sie sich dem Geliebten im Tanz hin und als ihm der Thron des Onkels verwehrt bleibt, flieht sie mit ihm nach Korinth, wo das Paar zwei Kinder zeugt.
Die Liebe des Jason ein Opportunist der Macht, perfekt verkörpert von Ivan Alboresi währt jedoch nicht lange. Bald verneigt er sich in unterwürfiger Geste vor dem gebieterischen König der Korinther. Kreon (Dmitry Sludyanin) entlässt seine vorwitzige Tochter Kreusa (Zoya Ionkina) aus dem väterlichen Schutz direkt in die Arme des Jason und verstößt die Mutter von dessen Kindern: Medea, die Fremde, die sich nicht anpassen will, ist in seinem Land nicht erwünscht, die Tore zum Königshof schlagen zu.
So liegt das Unheil in der Luft, schwingt mit in der spannungsgeladenen Musik des US-Amerikaners Samuel Barber und des Russen Dmitri Schostakowitsch (Musikalische Leitung: Jonathan Seers), zu der Ayako Kikuchi die Medea beeindruckend tanzt. Eifersucht, Verzweiflung und Hass spiegeln sich in ihrer Miene, alle Muskeln sind angespannt, mal schleppt sich der Körper schwer vor Schmerz, mal sind die Bewegungen klar und entschlossen, fast aggressiv.
"Medea ist eine sehr klare Figur, sie weiß genau, was sie will und handelt wohldurchdacht", sagt Ballettdirektorin Vita, die in ihrer Inszenierung der Tragödie als Drama erstmals 431 v. Chr. aus der Feder des griechischen Dichters Euripides aufgeführt die Beweggründe der Medea ausleuchten will. "Mir geht es um ihre Motivation, um die Gefühle und Emotionen, die zur Tat hinführen."
Gnade kennt die verschmähte Medea nicht: So vergiftet die Rächerin im roten Kleid zunächst ihre Nebenbuhlerin Kreusa, bevor sie in einer ergreifenden Schlussszene ihre geliebten Kinder in den Flammentod schickt. Medea hat Jason gebrochen: Der Vater sackt in tiefer Verzweiflung zusammen.
Doch die Düsternis hat an diesem Abend nicht das letzte Wort. "Die Hoffnungslosigkeit, die bei der Medea zu spüren ist, will ich im Feuervogel wiedergutmachen", erklärt Vita den zweiten Teil des Ballettabends: das 1910 uraufgeführte Ballett "Der Feuervogel", zu dem Igor Strawinsky die Musik komponierte und Michail M. Fokin das Szenarium verfasste, indem er zwei russische Volksmärchen verband.
Die Ruinen von Medeas Haus sind 2000 Jahre später noch zu sehen. Doch wo in Korinth die Sonne die Bühne dominierte, wird sie in der futuristischen Welt des Feuervogels von einem Reaktor verdeckt, aus dem der Zauberer Kastschei (Dmitry Sludyanin) seine Kraft zieht. Der weißhaarige Herrscher mit der silbernen Uniform hält sein Volk unter der Erde und vergeht sich nun auch noch an der jungen Zarewna.
Der Tyrannei ein Ende macht der Feuervogel: Federleicht wirbelt der Japaner Yoshimasa Samos zu Strawinskys lebendiger Komposition mit ihren skurrilen Tönen über die Bühne, duelliert sich mit Zarewnas Verehrer Iwan und bricht Kastscheis Macht, indem er in den Reaktor springt und ihn zerstört. Im dramatischen Todeskampf bäumt sich der Despot ein letztes Mal auf, dann kommt die Sonne zum Vorschein und mit ihr die Hoffnung: Aus der Asche entsteigt ein neuer Phoenix.