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Neu bei Netflix
23.11.2020

"Hillbilly Elegy" taucht tief ein in das Milieu der Trump-Wähler

Die aufgestaute Wut muss raus: Bev (Amy Adams, rechts) und ihre Mutter (Glenn Close) streiten sich im Netflix-Drama "Hillbilly Elegy" über die richtige Erziehung von Bevs Sohn J.D.
Foto: Netflix

In seiner Autobiografie "Hillbilly Elegy" beschreibt der Schriftsteller J.D. Vance seinen Aufstieg aus der weißen Unterschicht in den USA. Nun zeigt Netflix den Film.

Links zwei Gabeln. Rechts zwei Löffel und ein Messer. Über dem Teller noch einmal eine Gabel und ein Löffel. Wofür braucht man so viel Besteck? Die Frage entscheidet womöglich über die Karriere des Jura-Absolventen J.D. Vance (Gabriel Basso). Er hat gerade sein Studium in Yale abgeschlossen und versucht nun bei einem Casting-Dinner einen Praktikumsplatz in einer der angesehenen Anwaltskanzleien zu ergattern, die hier ihren Nachwuchs rekrutieren.

Aber J.D. ist nicht vertraut mit dieser Welt des alten amerikanischen Geldadels, der Edelrestaurants und Fünf-Gänge-Menüs. Er hat sich mit Fleiß, guten Schulnoten, Militärdienst im Irak und einem Stipendium aus prekären Verhältnissen nach oben gearbeitet und weiß, dass sich hier am Tisch mit dem gestärkten Tafeltuch seine Zukunft entscheiden wird. Genau in diesem Moment holt ihn die Vergangenheit ein. Ein Anruf der Schwester. Mutter Bev (Amy Adams) liegt nach einer Überdosis Heroin im Krankenhaus. Und so macht sich J.D. auf nach Middletown im Bundesstaat Ohio, wo er seine keineswegs glückliche Kindheit verbracht hat.

"Hillbilly Elegy" auf Netflix zeigt die Krise einer Großregion und ihrer Menschen

Genau wie er hatte Bev auch einmal gute Schulnoten und träumte von einem anderen Leben. Aber dann wurde sie viel zu jung schwanger von einem Kerl, der sie – wie viele andere Männer später – schon bald wieder verlassen hat. Haltlos trieb die Mutter durch Middletown, eine Stadt, die mit dem Untergang der US-Stahlindustrie zunehmend in die Krise geriet. Den hart erkämpften Job als Krankenschwester verlor sie, nachdem sie Tabletten zum Eigenkonsum unterschlug und völlig bedröhnt auf Rollschuhen durch die Intensivstation fuhr.

Als Kind war J.D. den Stimmungsschwankungen und der körperlichen Gewalt seiner Mutter wehrlos ausgesetzt, bis die Oma (Glenn Close) den Jungen bei sich aufnahm. Die alte Frau, die in einer verarmten Bergarbeiterregion in den Appalachen aufwuchs, ist ein harter, zäher Brocken, hat in jungen Jahren auch schon mal den sturzbetrunkenen Ehemann mit Hochprozentigem in Brand gesetzt und versuchte nun wenigstens, den Enkel aufs richtige Gleis zu bringen.

Die Großmutter (Glenn Close) ist hart im Nehmen und hart im Austeilen - und hat das herz am rechten Fleck.
Foto: Netflix

Zwischen familiärer Vergangenheit und selbstbestimmter Zukunft ist die Hauptfigur in Ron Howards Netflix-Produktion „Hillbilly Elegy“ hin und her gerissen. Der Film erzählt von den Hürden und Bürden der Herkunft und gleichzeitig von einem, der es schafft, sie zu überwinden. Als die autobiografische Romanvorlage „Hillbilly Elegie“ von J.D. Vance 2016 die Bestsellerlisten stürmte, wurde das Buch in den USA von liberalen wie konservativen Kritikern gleichermaßen gefeiert. Erstere sahen darin eine einfühlsame Sozialstudie des weißen Prekariats im sogenannten „Rostgürtel“, den abgehängten Industrieregionen des Mittleren Westens, die gerade einem gewissen Donald Trump zum Wahlsieg verholfen hatten.

In der detaillierten Beschreibung des desillusionierten weißen Arbeitermilieus erkannte man einen ersten, sehnsüchtig herbeigewünschten Erklärungsansatz. So sah es also aus, das Leben in der postindustriellen Provinz, wo die Verlierer von Modernisierung und Globalisierung scharenweise einem Populisten wie Trump auf den Leim gingen. Ganz anders war die Lesart von konservativer Seite: Hier sah man im sozialen Aufstieg des real existierenden Protagonisten den Beweis, dass die amerikanische Leistungsgesellschaft jedem eine Chance bietet, wenn er nur hart genug arbeitet. Zumal Vance, der es selbst zum Finanzmanager in einer Investmentfirma gebracht hat, immer wieder die Eigenverantwortung des Einzelnen herausstrich: „Diese Probleme wurden nicht von Regierungen, Konzernen oder irgendjemand anderem erschaffen. Wir haben sie erschaffen und nur wir können sie beheben.“

In "Hillbilly Elegy" konzentriert sich Regisseur Ron Howard konzentriert auf das Familiendrama

Regisseur Ron Howard hat die Vorlage von der oftmals selbstgerechten Erzählhaltung des erfolgreichen Aufsteigers befreit und konzentriert sich auf das Familiendrama, in dessen Zentrum Amy Adams als an sich selbst und den Verhältnissen verzweifelnde Mutterfigur steht. Ihr gegenüber die fabelhafte Glenn Close in der Rolle der raubeinigen Matriarchin, die an dem Enkel wiedergutzumachen versucht, was sie bei der eigenen Tochter vermasselt hat. In ihrer Figur wird deutlich, welche enorme Kraftanstrengung es erfordert, den generationsübergreifenden Teufelskreis der Benachteiligung zu durchbrechen.

Aber auch Regisseur Howard zeigt hier letztlich nur die individuelle Herausforderung, aber nicht die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber marginalisierten Schichten – wo ein junger Mann sich für den Kriegsdienst verpflichten und im Irak sein Leben aufs Spiel setzen muss, nur um ein Hochschulstipendium zu ergattern.

Bei Netflix ab 24. November.

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