Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kultur
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Neues Album: Lady Gaga: Die Königin der Klicks

Neues Album

Lady Gaga: Die Königin der Klicks

  • |
  • |
  • |
    Lady Gaga schlägt alle. dpa
    Lady Gaga schlägt alle. dpa

    Juli 2009: Lady Gaga thronte seit Wochen mit ihrem ersten großen Hit, „Poker Face“, an der Spitze der Charts, da führte sie ihre erste Deutschlandtournee nach München. Das Zenith war mit 7000 Zuschauern ausverkauft und die Sängerin mühte sich mit begrenztem Repertoire, Poptheater auf die Bühne zu bringen. In dieser Zeitung stand danach zu lesen: Das sei so stark auf die Nachfolge von Madonna getrimmt und so offenkundig der Versuch, alle Wirkknöpfe des Marktes zu bedienen, dass dabei höchstens die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm herauskommen könnten. Lady Gaga: „Ein Sternschnüppchen am Pophimmel.“

    Am Montag erscheint das neue Album der Amerikanerin und dazu ertönen Superlative. Musikzeitschriften schreiben vom „größten Popstar der Gegenwart“, vom „ersten wirklichen Popstar des digitalen Zeitalters“. Bei 286 Millionen Treffern in der Internetsuchmaschine Google sei nur noch Jesus gefragter. Hinzu kommt: Ihre Videos auf der Plattform Youtube werden mit Abstand am häufigsten gesehen (fast zwei Milliarden Mal). Schließlich: Die Sängerin verzeichnet die meisten Musik-Downloads der Geschichte, ihr Titelsong des neuen Albums „Born this way“ ist die am schnellsten verkaufte Single aller Zeiten. Was also ist passiert in den vergangenen eineinhalb Jahren?

    2009 hatte sich Lady Gaga einen weiteren Künstlernamen angeheftet: Candy Warhol – und damit eine Fährte gelegt. Das Kunstwerk, das die Amerikanerin jedenfalls aus sich zu machen versucht, scheint an der Methode des Pop-Künstlers Andy Warhol – und an diversen Avantgarden zwischen Marcel Duchamp und David Lynch – geschult: Sie bedient sich an Ikonen und lässt eine Kategorie wie Sinn als überkommen erscheinen. Stattdessen: Irritation. Lady Gaga trägt Kleider aus Fleischstücken, deutet an, sie könnte ein Zwitterwesen sein und spielt im Video zur aktuellen Single „Judas“ mit Motiven der christlichen Heilsgeschichte, die sie auf eine Motorrad-Gang überträgt.

    54000 Fragen an eine einzige Frau

    Die Frage Wozu? erübrigt sich durch den zuverlässig eintretenden Effekt: Tierschützer empören sich über das Kleid, Priester über das Video und die Medien verbreiten Rätsel über die Geschlechterfrage. Ebenso erübrigt sich die Frage nach der Identität: Lady Gaga als Kunstfigur vom Menschen dahinter abzutrennen, das hält die Sängerin für die eigentliche Verfremdung. – Madonna vermochte auf der Klaviatur der traditionellen Medien zu spielen wie keine andere – Lady Gaga nun scheint das Spiel mit den neuen Medien zu beherrschen. Das längste Interview zum neuen Album führte sie via Google. Ihre Fans, die Gaga „meine Monster“ nennt, durften Fragen vorschlagen (54000 gingen ein), durften dann festlegen, welche tatsächlich gestellt werden sollen (250000 stimmten ab) und die Urheber der erwählten Fragen durften mit dieser dann zu Google kommen, um sie ihrem Star vorzutragen. Die neue Platte übrigens war bereits eine Woche lang im Internet kostenlos anzuhören, bevor sie ab heute zu kaufen ist. Absatzsorgen scheint es nicht zu geben, diese Musik rechnet mit dem Faktor Infektion.

    Lady Gaga hat es in den vergangenen eineinhalb Jahren verstanden, sich mit immer neuen Singles fast ununterbrochen weit oben in den Hitparaden zu halten, mit eingängigen Refrains, tanzbarer Rhythmik, viel Madonna. Das hat sich auch auf dem neuen, 14 Songs umfassenden Album nicht geändert. Im Kern sind alle Lieder – mit einer Ausnahme – konventionelle Dance-Songs mit Refrains in 80er-Jahre-Melodik. Abwechslung schaffen nur die hinzutretenden Instrumente und Effekte. Bei „Bad Kids“ und „Electric Chapel“ kreischt eine Rockgitarre, bei „Bloody Mary“ werden Violinen gezupft, „Government Hooker“ baut auf schmutzige Keyboards, „Americano“ auf südamerikanische Tanzrhythmik. Ein mal harter, mal wummernder, mal stampfender Bass treibt alles auf dem Dancefloor zusammen, auch das alberne, zwischen Deutsch, Englisch und einer Fantasiesprache wabernde „Scheiße“.

    Die Ausnahme heißt „Yoü and I“ – ja, mit ü). Obwohl auch hier ein Bass – im Rhythmus des Klatschens wie bei „We will rock you“ von „Queen“ – grundiert, singt Lady Gaga darüber eine Art Country-Rock-Ballade und treibt ihre Stimme in neue Sphären. Das macht sie sehr gut, das lässt einmal wirklich aufhorchen. In Erinnerung jedoch bleibt die andere Gaga, die tanzbar vorangeht.

    Voran – aber wohin? Im Musikgeschäft gilt als ausgemacht: Neue Megastars, die Jahrzehnte prägen, könne es nicht mehr geben. Das seien Geschichten aus der Vergangenheit, dafür seien die Trends heute zu kurzlebig, sei der Markt zu ausdifferenziert, die digitale Beschleunigung des Lebens stehe dem fundamental entgegen…

    Madonna ist inzwischen 52. Es ist ruhiger um sie geworden, aber für das Bild einer Pop-Ikone hat sie über Jahrzehnte hinweg Maßgebliches geleistet. Lady Gaga hat kürzlich in einem Interview auf die Frage, was sie wohl machen werde mit 50, geantwortet: verheiratet sein, zwei Kinder haben und auf Welttournee gehen mit ihren Hits. Lady Gaga im Jahr 2036? Kann sich das wirklich jemand vorstellen?

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden