Das Kriegs- und Liebesdrama aus dem fernen Ägypten gehört zu den populärsten Werken der Musikgeschichte und ist seit der Uraufführung 1871 in Kairo von den Opernbühnen nicht wegzudenken. Doch wer glaubt, das Stück bereits in- und auswendig zu kennen, wird auf der Seebühne in Bregenz am Bodensee überrascht. Ein Freiluft-Spektakel der Superlative ist dort zu sehen.
Die ausgefallene Inszenierung des Briten Graham Vick und das spektakuläre Bühnenbild seines Landsmanns Paul Brown wurden am Mittwochabend zum Auftakt der Festspielsaison stürmisch gefeiert. Die technischen Raffinessen und die Spezialeffekte haben die 7000 Premierengäste in ihren Bann gezogen, so dass sie mehrfach Szenenapplaus spendeten. Am Ende waren aber auch einige ratlose Gesichter im Publikum zu sehen. Befürchtungen wurden laut, die bombastische Bühnenmaschinerie könnte die Musik erdrücken.
Statt Wüstensand mit Palmen und Kamelen haben sich Vick und Brown ein imposantes, farbenfrohes Spektakel am und vor allem im Wasser einfallen lassen. Schon allein das Bühnenbild, dessen Kern auf einer Betonplattform im See steht, zieht staunende Blicke auf sich. Hingucker sind zwei je 15 Meter hohe blaue Füße mit kupferfarbenen Sternen, Fragmente eines zerborstenen Standbilds. Eine tragende Rolle spielen zwei gelbe Baukräne von bis zu 68 Meter Höhe, die das Bühnenbild erst während der Vorführung zusammensetzen. Sie lassen zwei Gesichtshälften der Freiheitsstatue in der Luft schweben oder eine überdimensionale Fackel aus dem See aufsteigen. Die Bruchstücke der Freiheitsstatue wollen die "Aida"-Macher als Symbol für Toleranz wie für Dominanz und Unterdrückung gleichermaßen verstanden wissen.
Die Kulissen sind ständig in Bewegung. Der ägyptische Feldherr Radames feiert seinen Sieg über die Äthiopier auf dem Rücken eines bronzefarbenen Riesen-Elefanten, der in einem Boot ins Bild schippert. Das Ende ist dann ganz großes Kino: Radames und seine geliebte Aida, äthiopische Prinzessin und als Sklavin an den ägyptischen Königshof verschleppt, werden in einem Totenschiff aus dem See gehoben und schweben am Kranhaken in den Nachthimmel. Dagegen gehen sie im Original lebendig im Kerker eingemauert dem Tod entgegen.
Vor allem aber wird die Wüstenoper zu einer Art Wasseroper. "Der Bodensee ist nicht nur Kulisse, sondern Bestandteil der Inszenierung", sagt Vick. Dafür hat er eine Plattform ersonnen, die sich im See hebt und senkt. Solisten wie Balletttänzer und Statisten agieren so immer wieder knöcheltief im kühlen Nass oder tauchen ganz ab.
Die kammerspielartigen Momente der dramatischen Dreiecksgeschichte, die Verdi gegen die die Szenen von Soldaten, Priestern oder Polizisten setzt, haben es nicht immer ganz leicht. Radames wird nicht nur von Aida, sondern auch von der Königstochter Amneris heiß begehrt. Doch wenn die prachtvoll gekleidete Amneris ihrer Nebenbuhlerin im pinkfarbenen Putzfrauenkittel das Geständnis entringt, dass sie Radames heimlich liebt, kann Gänsehaut entstehen.
Das ist vor allem den exzellenten Stimmen der Solisten zu verdanken. Glänzend in Form war besonders die aus Georgien stammende Mezzosopranistin Iano Tamar in der Rolle der Amneris. Die russische Sopranistin Tatiana Serjan als Aida und der italienische Tenor Rubens Pelizarri als Radames standen ihr aber kaum nach. Die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Claudio Rizzi, im Orchestergraben des benachbarten Festspielhauses untergebracht und mit der Bühne nur durch Monitore verbunden, bewältigten ihre schwierige Aufgabe mit Bravour.
Festspielintendant David Pountney findet, dass "die Musik von Aida" für jedermann verständlich und "instinktiv populär" sei - ohne banal zu wirken. Seine Rechnung, Populäres auf hohem künstlerischen Niveau zu bieten und damit Opern-Laien wie eingefleischte Fans anzulocken, könnte aufgehen. "Aida" ist bis zum 23. August noch 27 Mal zu sehen, aber schon zu über 80 Prozent ausgebucht.