Im 14. Jahrhundert entdeckten die Azteken die geheimnisvolle Stadt rund 50 Kilometer nordöstlich vom heutigen Mexiko-Stadt. Da hatte Teotihuacan schon einen rund tausendjährigen Dämmerschlaf als Ruinenstadt hinter sich.
Eine internationale Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gibt erstmals in Europa umfassenden Einblick in "Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt" (1. Juli bis 10. Oktober). Mehr als 450 Objekte dokumentieren Kunst, Alltag und Religion der Kultur. Gezeigt werden monumentale Architekturelemente, die die Fassaden wichtiger Bauwerke zierten: riesige Schlangenköpfe und eine Jaguar-Skulptur. Daneben sind filigrane Gefäße und Figuren zu sehen, kostbare Steinarbeiten, Masken, Götterstatuen und Tierdarstellungen.
Die Azteken waren sehr beeindruckt von der Pracht und gaben der Stadt den Namen Teotihuacan - "der Ort, an dem die Menschen zu Göttern werden". Nach ihrer Schöpfungsmythologie erschufen die Götter genau an diesem Ort die Welt. Die Namen der Götter, die in Teotihuacan verehrt wurden, sind nicht bekannt. Doch bei den Azteken lassen sich tausend Jahre später die selben Gottheiten wiedererkennen.
Priester spielten in Teotihuacan eine wichtige Rolle. Sie leiteten die spektakulären Zeremonien, mit denen die Götter günstig gestimmt werden sollten. Um die religiösen Stätten zu weihen, wurden Tiere und auch Menschen geopfert - in der Ausstellung sind kostbare Grabbeigaben zu sehen.
Zum religiösen Leben gehörte auch das rituelle Ballspiel - Metapher für Leben, Tod und Regeneration. Ballspielplätze waren "Orte der Kommunikation mit den göttlichen Mächten". Zwei kleine Tonfiguren stellen reich geschmückte Ballspieler mit breiten Gürteln dar. Sie kickten den Ball mit der Hüfte weiter. Wandmalereien an der Sonnenpyramide zeigen auch Spieler mit Holzstöcken.
Teotihuacan war in seiner Epoche (100 v. Chr. bis 650 n. Chr.) die erste, größte und einflussreichste Metropole auf dem amerikanischen Kontinent - eine kulturelle und wirtschaftliche "Supermacht". Ausgestellt werden auch Beispiele symbolreicher Wandmalereien, die ihre leuchtenden Farben zum Teil bewahrt haben. Die 15 großformatigen Fragmente von Wandgemälden haben ein erstes und wohl letztes Mal die Erlaubnis erhalten, ins Ausland zu reisen, wie die Ausstellungsmacher betonten. Die meisten Werke kommen aus dem Anthropologischen Nationalmuseum in Mexiko-Stadt und den beiden Museen in Teotihuacan.
160 000 Menschen lebten zeitweise in Teotihuacan. Neben den Kultstätten gab es große Wohnviertel sowie Handwerker- und Händlerquartiere. Im 7. Jahrhundert begann der Niedergang der Stadt mit einem verheerenden Brand - möglicherweise die Folge eines feindlichen Angriffs oder aber eines Volksaufstandes. Einige Rätsel bleiben also ungelöst.