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Allmachts-Vorstellungen

21.12.2018

Was passiert, wenn der Mensch Schöpfung spielt?

Es war einmal: Michelangelos berühmte „Erschaffung des Adam“, Detail in der Sixtinischen Kapelle Rom.
Foto: Vatikanische Museen, Claudio Peri, dpa

Plus Die Weihnachtsbotschaft verkündet die Menschwerdung Gottes. Die Zeichen der Zeit deuten eher auf die Gottwerdung des Menschen hin. Ein Kontrast.

„Macht euch die Erde untertan“  - was dieser Satz Gottes in der biblischen Schöpfungsgeschichte den Menschen genau sagen sollte, darüber lässt sich trefflich streiten. Aber dass diese es inzwischen mit den Ausmaßen ihrer Dominanz über das Irdische übertrieben haben, ist wohl unstrittig, weil offenkundig. Die Folgen des Gebrauchs der Erde, sie gefährden ja nicht zuletzt die Existenz der sich stetig weiter vermehrenden und ausbreitenden Menschen selbst.

Und was machen sie, statt zu zweifeln, statt innezuhalten? Mögen sich immer mehr Einzelne auch Umkehr und Zurück in die Zustände von einst wünschen – die Spezies insgesamt schreitet weiter voran. Von der „Krone der Schöpfung“ zur Allmacht des Schöpfers selbst. Gestalter der Welt und des Lebens, bald schon unsterblich – Biotechnik und Digitalisierung lassen von China bis ins kalifornische Silicon Valley nicht mehr nur die Visionen davon sprießen, sondern auch die Laboratorien, in denen, finanziert mit Milliarden an Forschungsgeldern, bereits daran gearbeitet wird. An der Perfektionierung des Menschen, an seiner Gottwerdung.

Ein neuer Bund zwischen dem Allmächtigem und den Menschen

Diese zentrale Wende in der Geschichte wird zu Weihnachten besonders offenbar. Denn die Botschaft des christlichen Hochfestes ist ja die Gnadenbotschaft der Menschwerdung Gottes. In Jesus geht der Ewige, Allmächtige mit seinen sterblichen, fehlbaren Geschöpfen einen neuen Bund ein, der ihnen die Hoffnung auf Erlösung schenkt. Die sogar so weit reicht, dass – wie im anderen Jahreshöhepunkt zu Ostern gefeiert – die Menschen Vergebung finden und auf ein Leben nach dem Tod hoffen dürfen, auf göttliche Gnade, selbst wenn sie sich in Jesus gegen das Gute und Göttliche selbst aufs Schlimmste versündigen. Eine mächtige Trost- und Rettungsgeschichte für den Menschen, der sich seiner eigenen Begrenztheit und der Unabsehbarkeit des Schicksals ausgeliefert sieht. Hat sich daran nun also wirklich etwas geändert?

Bereits in Goethes „Prometheus“ vor bald 250 Jahren gibt es ja dieses Moment des Aufbegehrens, der Emanzipation gegenüber dem Göttlichen: „Hier sitz’ ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde …“ Und heute schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Weltbestseller „Homo Deus“ nicht nur vom göttlichen Menschen, der über all die Fähigkeiten, die der Mensch in der Vorzeit noch den überirdischen Göttern zuschrieb, inzwischen längst verfügt; sondern auch darüber, dass er nun als Schöpfer die nächste Stufe der Entwicklung des Lebens selbst entwickelt.

Aber mit der Entfaltung der Möglichkeiten von Genetik, künstlicher Intelligenz und deren Verbindung drohe eben gerade die Überwindung des Menschlichen. Ist in der Folge der Aufklärung der Mensch zum Ziel und Maß der Dinge geworden, der „Humanismus“, erscheine nun eine neue übermenschliche Macht, mit überragenden Fähigkeiten, die zudem die Gestalt der Welt zusehends prägten. Und auch wenn der deutsche Philosoph Julian Nida-Rümelin in seinem Buch „Digitaler Humanismus“ hervorhebt, wie die neuen Möglichkeiten dem Menschen in Arbeit und Gesundheit, Demokratie und Wohlstand nutzen könnten: Er warnt dabei, wie Kollege Richard David Precht in „Jäger, Hirten, Kritiker“ auch, vor allem vor der absehbaren Unmenschlichkeit der neuen Welt.

Logisches, instrumentelles Denken wird zur Macht

Es scheint wie eine Neuauflage dessen, was bereits Max Horkheimer und Theodor Adorno vor 75 Jahren in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ für die Überwindung der mythisch, religiös, überirdisch geprägten Weltbilder diagnostiziert haben: Die Vernunft als logisches, instrumentelles Denken wurde darüber selbst zur mythischen Macht, die den Blick auf den Menschen und die Wahrheit dominierte; und als Instrument der Herrschaft hat sie sich damit gegen den Menschen selbst gewandt bis hin zum rationalisierten, industrialisierten Morden in den Konzentrationslagern.

Übertragen auf heute also, wo wir statt der vormals aufklärerischen Vernunft auf die Macht der Daten setzen im Erkennen dessen, was vermeintlich Wirklichkeit und Wahrheit ist, genetisch oder gesellschaftlich: Schaffen wir so nicht auch die Mittel zu einer neuen Tyrannei und neuen Barbareien? Was die vermeintliche Perfektionierung des Menschen ermöglicht, erlaubt auch die Klassifizierung des Wertes von Leben? Entsteht aus der Leere einer religiösen Gottlosigkeit also womöglich immer wieder neu, bloß mit anderen Mitteln, eine vor allem für ihn selbst fatale Hybris des Menschen?

Was ist, wenn wir keine göttliche Instanz mehr kennen?

In die Umwälzungen der Aufklärung hinein erschien vor 175 Jahren ein Werk, das strukturell noch heute Wesentliches erklärt. Sören Kierkegaard beschrieb im Tausendseiter „Entweder – Oder“ literarisch-philosophisch das Dilemma des modernen Menschen bereits so, dass seine Gedanken und Begriffe nicht nur prägend für die Existenzialisten wurden.

Bis heute weiter wirkt seine Frage: Was bedeutet es uns, wenn wir keine überirdische, keine göttliche Instanz mehr kennen? Was verliert, was gewinnt der Mensch damit? Hält er die Abnabelung aus? Oder muss er die Instanz nicht unweigerlich ersetzen wie einst durch den Vernunftglauben der Aufklärung und nun durch die bei Harari so benannte Religion des „Dataismus“? Aber dann eben auch mit all den Macht- und Missbrauchsmöglichkeiten, die der klassische Gottesglaube mit sich brachte?

Der Befund des dänischen Theologen Kierkegaard für den Einzelnen ist zweistufig. Stufe eins: Der Mensch versucht, dem Abgrund der existenziellen Leere zu entkommen, indem er die Erlebnisse von Lust und Genuss immer weiter treibt. Das ist das „Entweder“, die „ästhetische“ Lebensweise. Stufe zwei, das „Oder“: Der Mensch erkennt die Möglichkeit der Freiheit und nimmt die Verantwortung an, durch die „Selbstwahl“. Er erwählt sich eine Leidenschaft, die ihn in einen Zusammenhang mit der Welt setzt, ihm Sinn ermöglicht. Die „ethische Lebensweise“. Was allerdings nicht heißt, dass damit moralisch Richtiges gewählt wäre. Liebe, Technik, Nation … – der Mensch tritt erst ein in die Wahl zwischen Gut oder Böse. Und ist gefordert zu erkennen, zu verantworten, zu entscheiden!

Die Gefahr des Vergessens, was gut und was böse ist

In einer dritten Stufe schreibt Kierkegaard später: Aus dem Dilemma der Freiheit könne letztlich nur die „religiöse“ Lebensweise retten. Wir müssten also notwendig die Existenz Gottes selbst postulieren. Im Größeren ließe sich so die immer wieder konstatierte Wiederkehr der Religion erklären. Aber auch die fatale Tendenz, dass die Menschen lieber vergessen, dass auch Vernunftglaube und Dataismus ihre eigene Wahl sind, von ihnen in Wirkung gesetzt, keine Schicksalsmächte über die Wirklichkeit.

Und so droht der Mensch auch zu vergessen, dass die eigene Gottwerdung selbst gewählt ist, samt der wesentlich dazugehörigen Verantwortung, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Für sich und die Erde. Tatsächlich aber verhält sich der Mensch heute, als wären die Daten die Wahrheit, die auch ihn beschreiben und damit beherrschen. Dabei werden sie längst benutzt und manipuliert – für Geschäft und Macht, Lust und Genuss also. Nur wenige fühlen sich allmächtig, die meisten immer ohnmächtiger, ohne Gott.

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