Es ist diese Rauheit, nach der sich deutsche Krimis in Fernsehen und Kino immer wieder strecken. Berlin soll in manchen Erzählungen so dreckig aussehen wie die Bronx oder Frankfurt so gefährlich erscheinen wie die düsteren Viertel von Los Angeles. Und dann erfinden die Filmemacher häufig und gerne Ermittler, die so zerschunden sind von ihrem Beruf, die sich derart aufgerieben haben im Kampf mit den Ignoranten in Nadelstreifen ein, zwei Hierarchiestufen über ihnen, dass sie auf den ersten Blick kaum etwas unterscheidet von den Menschen, die sie jagen.
"Dengler - Am zwölften Tag": Ronald Zehrfeld in der Titelrolle
"Dengler - Am zwölften Tag", zu sehen im ZDF am Montag (14. März) um 20.15 Uhr, eröffnet mit einer halluzinierenden Erinnerung des Titelhelden, dargestellt von Ronald Zehrfeld: Er ist mit Zwangsjacke fixiert im Bett. Seine verzweifelten Bewegungen verschwimmen in zeitlupenhafter Unschärfe. Ein Anzugmann kommt herein und erklärt, es sei sinnlos, sich gegen das System zu stellen.
Das "System" - eine schöne Chiffre in verschwörungstheoretischen Erzählungen und ein wunderbarer Gegner für mythologische Heldenfiguren. In "Die letzte Flucht", der ersten Verfilmung eines der Romane von Wolfgang Schorlau um den Privatermittler Dengler, legte sich dieser mit der Pharmabranche an.
Nun verschlägt es Dengler in eine Geschichte um Massentierhaltung und den barbarischen Umgang mit den Kreaturen an beiden Enden des Fleischermessers. Auch die Hackerin Olga (Birgit Minichmayr), die Dengler einst in seiner lange vergangenen Zeit beim BKA ausfindig machen sollte, ist wieder mit von der Partie, in die Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume das Publikum sogleich hineinwirft.
Olga sitzt im Bus nach Stuttgart, die Polizei ist hinter ihr her. Sie ruft Dengler an, denn der schulde ihr was wegen Berlin damals. Dengler knattert in seinem Motorrad herbei und rettet die rätselhafte Frau, die daraufhin ein paar Tage bei ihm untertaucht. Ziemlich gleichzeitig gehen drei jugendliche Tierschutz-Aktivisten den grobschlächtigen Nachtwächtern eines Mastbetriebes in die Falle. Am Boden des Stalls liegt ein Ohr, und die Nachtwächter scheinen eindeutig zu viel kriminelle Energie für gewöhnliche Sicherheitsleute zu haben.
Einer der Tierschützer ist Denglers Sohn Jakob (Jannis Niewöhner). Olgas Talente sind schnell nützlich, um seine Spur aufzunehmen, die mitten hinein führt in die ausbeuterischen Machenschaften des Fleisch-Moguls Osterhannes (Jörg Schüttauf) und in die der Schleuser-Mafia, die billige Arbeitskräfte aus Rumänien in die Osterhannschen Betriebe pfercht.
Dengler: Viele Andeutungen im ZDF-Film
Diese Bösewichte zeichnet Lars Kraume leider allzu holzschnittartig - vom Oberboss bis zum letzten Handlanger scheint die Fleischbranche hier von tumben Gewaltproleten durchsetzt. Das macht die Verschwörung auf paradoxe Weise harmlos, weil die Antagonisten des Geschehens nie so wirken, als seien sie in einer denkbaren außerfilmischen Wirklichkeit verankert.
Spannender und ambivalenter freilich sind all die Andeutungen in diesem Film. Sie führen in die Vergangenheit und die Zukunft der Dengler-Serie, wie etwa die Sache mit der Nagelbombe in Köln, die irgendwie mit Denglers Ausstieg beim BKA zu tun hatte. Auch dies ist - wie der ganze NSU-Komplex - ein fabelhafter Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art.
Auch wenn die Düsternis der großen Genreklassiker nie so richtig erreicht wird, hält Lars Kraume, der viele differenziertere Stoffe schon weitaus entschleunigter inszeniert hat, das Tempo seiner Erzählung hoch genug. Er folgt Dengler und Olga auf ihrem Weg, der von Stuttgart wieder einmal nach Berlin führt. Eine Filmreihe bietet dafür gleichzeitig das Potenzial, all die in dieser Einzelfolge womöglich allzu grell schillernden Facetten von Macht und Missbrauch, von Kapital und Kriminalität so auszubreiten, wie es ein an der Komplexität moderner Serien geschultes Publikum längst erwarten darf. Dengler darf wieder aufs Motorrad steigen. kna