Ernst zu nehmende Kunst aus Diktaturen, also solche Kunst, die sich nicht erkennbar an die Brust von System und herrschender Ideologie wirft, wird wohl immer Debatten-Stoff liefern. War der Komponist, der Maler, die Schriftstellerin in diesem oder jenem Werk eventuell willfährig, ironisch, satirisch oder – vielleicht auch zwischen den Zeilen zu entschlüsseln – widerständig? Wie groß war bei ihr oder ihm insgesamt die Überzeugung für oder gegen politische Vorgaben und Erwartungen?
Noch schwieriger in der Bewertung wird die Sache, wenn künstlerisch gearbeitet wurde unter existenzieller Bedrohung. Das war zweifellos bei dem russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch so, nachdem ihn Stalin 1936 in der Prawda womöglich gar eigenhändig aufs Schärfste angegangen war. Stalins berüchtigte politische Massenmorde: Schostakowitsch hatte lange zu zittern – und schrieb noch Jahre später ebenso eine Hymne auf Stalin, wie er auf Jahre hinaus weiter gegen das ankomponierte, was von ihm eigentlich erwartet wurde: positiver volkstümlicher Realismus. Wie aber wäre Kunst unter steter existenzieller Bedrängnis überhaupt einzuordnen, ästhetisch, ethisch?
Die Salzburger Festspiele veranstalten zum 50. Todestag Schostakowitschs eine Konzertreihe
An diesem 9. August jährte sich der Todestag Schostakowitschs zum 50. Mal. Grund genug für die Salzburger Festspiele, den 1906 in Petersburg Geborenen im Rahmen einer Konzertreihe mit erstklassigen Musikern im Großen Festspielhaus punktgenau zu ehren: mit den Wiener Philharmonikern unter Andris Nelsons, der seit seiner Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Sinfonien mit dem Boston Symphony Orchestra als eine Idealbesetzung auf dem Dirigierpult gelten darf.
Dass nun die zehnte Sinfonie aufgeführt wurde, hat wieder etwas mit dem bedrohlichen Schatten Stalins über Schostakowitschs Leben zu tun: Zwar hatte der Komponist 1953, nachdem Stalin gestorben war, fürs Erste keinerlei ernste Repressalien zu befürchten, doch ein Trauma war verblieben, vertont eben in der Zehnten, im zweiten Satz, der nach den (umstrittenen) Schostakowitsch-Memoiren ein Porträt des Diktators darstellt. Was darin auf jeden Fall zu hören ist, darf – tönend quasi in negativem Realismus – als eine unerbittliche Brutalität, sarkastisch umgeben von Herrscherglanz, umschrieben werden. In ihrer Motorik rattert die Musik; da muss Nelsons nicht allzu viel hinzutun.
Andris Nelsons inszeniert die Musik Schostakowitschs
Womit Nelsons jedoch zu faszinieren versteht, das ist seine Art, Schostakowitschs Musik zu inszenieren. Indem er das Orchester weniger als ein in sich gebündeltes Sprachrohr begreift, mehr als eine Gemeinschaft von Individuen, die – jeder in seinem Lichtkegel – Rede und Antwort stehen, macht er die Zehnte zu einem Konversationsdrama unter Einzelstimmen, (Teil-)Fraktionen, Allianzen. Hier wird Musik als Sprache und als Austausch begriffen, auch wenn ihr Sinn eindeutig nicht mit Worten zu umreißen ist. Erst recht nicht bei Schostakowitsch im Polit-Kräftegeschiebe nach Stalins Tod.
Wie schwer es ist, ein Notenbild zu deuten, zeigt – weit weniger heikel – auch Gustav Mahlers erster Satz seiner unvollendeten zehnten Sinfonie, speziell ein schreiender Orchesterakkord, der annehmen lässt, er habe außermusikalische Bedeutung. Nämlich den Schrei des Schmerzes, als der Komponist 1910 von der Untreue seiner Frau erfuhr. In Salzburg nun geriet der Schrei zu einer grellen Exklamation inmitten des chorischen Aussingens vor allem der berühmt-warmen Wiener Streicher. Dass Nelsons mit diesem Orchester derzeit eine Mahler-Gesamtaufnahme einspielt, das verspricht viel.
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